«Alles außer Sex»: Grimassen statt Botox
10.11.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Der Cast von 'Alles außer Sex'
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Alles außer Sex» soll die deutsche Anwort auf «Sex and The City» sein. Subversiver Geschlechterkampf ist darin zwar Mangelware - doch die Quote stimmt.
Fast ein Jahr ist es jetzt her, da lief auf ProSieben die letzte Folge der US-Serie «Sex and The City». Der Phantomschmerz über den Verlust von Carrie & Co. hält nicht nur bei den Fans weiter an, die begierig die Spekulationen über einen möglichen Kinofilm mit den vier Darstellerinnen verfolgen.
Gähn: Bar im WaschsalonAuch der Münchner Privatsender vermisste offenbar die Quoten- und Kritikererfolge der «Kultserie», wie es damals hieß. Mit dem neuen Format «Alles außer Sex» (mittwochs, 20 Uhr 15) versucht man nun eine Art deutsche Version eines neurotischen, großstädtischen Frauenquartetts. Doch schon mit dem Setting, einem Münchner Waschsalon, in dem ein gewisser Dieter auch noch Cocktails ausschenkt, beginnt das Dilemma:
Derlei völlig unhippe Locations finden sich vielleicht noch in sogenannten Frauenromanen, nicht jedoch in der Realität halbwegs trendiger Großstädterinnen. Betont durchdesignt und deshalb leider arg gekünstelt sind auch die Charaktere geraten. Hauptdarstellerin Minza (Annette Frier) hat ihren «Mr. Big» zwar schon gefunden, kann sich dem Traummann aber - Carrie Bradshaw lässt grüßen - nicht öffnen. Sie schämt sich gar ihrer Sexgeräusche, Abteilung «asthmatisches Eichhörnchen». Buchhändlerin Valerie (Rhea Harder) hingegen ist verheiratet, will aber mehr Pepp in ihre Ehe bringen. Fotografin und Romantikerin Frenzy (Miranda Leonhardt) wiederum sucht noch die große Liebe. Und da wäre noch Ärztin Edda (Simone Hanselmann), die irritierenderweise auch schon bei der Konkurrenz von RTL mit den «Schulmädchen» auf der steten Suche nach schnellem Sex sein durfte.
Machismo pur: der ErzählerSo erwartbar das Setting - und so präsent die Erinnerungen an das überlebensgroße Vorbild -, so überraschend sind dann jedoch die Ausgestaltung der erwartbaren Irrungen und Wirrungen. Ein Desaster etwa ist der männlicher Erzähler aus dem Off, der die Frauen mit Sprüchen wie «Mädels, seid zart zu meinem Harten» bloßstellt. Doch es gibt auch Lichtblicke, wenn auch wohl unabsichtlicher Art und Weise:
Dass etwa Frenzys italienischer Casanova beim Flirt beinah von einer drögen deutschen Regionalbahn überfahren wird, hat einen gewissen Charme. Auch sonst ist die in München gedrehte Serie einfach unrettbar deutsch. Etwa, wenn Edda ihren gleich zu Beginn der ersten Folge graphisch abgefilmten One-Night-Stand ausgerechnet auf einer Carrera-Bahn - dem feuchten Traum eines spätpubertären deutschen Mannes - zelebriert.
Wo ist das Botox?Am irritierendsten allerdings ist das Mienenspiel der Darstellerinnen. Besonders Annette Frier, die mit unbestreitbarem komödiantischen Talent ihr Gesicht in die unglaublichsten Falten legen kann, steht im angenehmen Kontrast zu den geboxten und eingefrorenen Gesichtern so mancher US-Serienstars. Und das in «Alles außer Sex» kein einziges Mal Schuhfetischismus à la Manolo Blahnik betrieben wird, verspricht sich auch von selbst - solcherlei Konsumterror ist zu Zeiten von Hartz IV in Deutschland wohl mehr ein Tabu als die lauthals gestöhnten Orgasmen der jungen Frauen. Mit der Resonanz auf die erste Folge vom gestrigen Dienstag kann der Sender jedenfalls zufrieden sein: Bis zu 3,6 Millionen Zuschauer sahen die erste Sendung.(nz)