Experte: Wähler belügen Meinungsforscher
Netzeitung: Warum haben die Demoskopen vor der Wahl bei ihren Prognosen für die CDU so daneben gelegen?
Klaus Kocks: Wir haben ein neues Phänomen: Ein Teil der Wähler sagt bei Meinungsumfragen nicht mehr die Wahrheit. Dieser Teil der Wähler verbirgt seine wahren Absichten. Deshalb geben die Meinungsumfragen nur noch wieder, was die Leute am Telefon sagen, aber nicht mehr, was sie wirklich meinen und was sie wirklich tun.
Netzeitung: Das heißt, die Wähler lügen?
Kocks: Ja. Wir kennen dieses Phänomen bereits bei NPD-Wählern. Wenn man NPD-Wähler nach ihren Wahlabsichten gefragt hat, haben sie diese nicht zugegeben. Und wir kennen es von einer weiteren Gruppe, nämlich der Wahlverweigerer. Nur ein geringer Prozentsatz derer, die nicht zur Wahl gehen, spricht offen darüber am Telefon. Dieses Phänomen ist jetzt bei der Union und bezieht sich auf etwas, das wir vor allem bei männlichen Unions-Wählern über 50 und bei Wählern mit CSU-Präferenz finden: Diese haben zwar zu großen Teilen angegeben, sie würden die Union wählen, faktisch aber entweder FDP gewählt haben oder gar nicht.
Netzeitung: Trauen die sich nicht zu sagen, dass sie eigentlich die FDP lieber mögen?
Kocks: Da passiert das, was die Wahlforschung als kognitive Dissonanz bezeichnet. Das heißt, man will sich einerseits als konservativ zeigen; andererseits hat man eine so tiefe Abneigung gegenüber Frau Merkel, dass man deshalb seiner eigenen, grundsätzlichen Präferenz nicht folgt. Das ist ein Problem, das Frau Merkel auch mit Teilen ihrer eigenen Unterstützer hatte. Ich nenne das 'die geringen Selbstbindungskräfte von Merkel in der Union'. Da spielt eine Rolle, dass sie eine Frau ist, dass sie Ossi ist, dass sie Protestantin ist...
Netzeitung: ... und das trauen sich die Männer nicht zu sagen?
Kocks: Nein. Bei einer Meinungsumfrage, die nach der Präferenz fragt, wird das von Männern - nicht allen, aber doch einem Teil zwischen fünf und zehn Prozent - nicht gesagt.
Die Chefin des Allensbach-Instituts, Frau Noelle-Neumann, will das nicht wahrhaben. Sie erklärt die Abweichungen bei den Unions-Prognosen damit, dass sich das Wählerverhalten über Nacht geändert hat. Es hat sich aber nicht über Nacht etwas geändert, weil über Nacht nichts passiert ist. Stattdessen haben wir das Phänomen, das wir aus zwei Zielgruppen kannten, jetzt bei einer dritten großen, nämlich: Die Wähler lügen bei Wahlumfragen und zwar in solchen Fällen, wo die eigene Option und das, was man meint, was die öffentliche Meinung und Erwartung ist, auseinanderklaffen. Das Problem wird uns nicht mehr loslassen.
Netzeitung: Was ist die Konsequenz daraus? Keine Umfragen mehr?
Kocks: Doch. Wir müssen mehr Umfragen und bessere Umfragen machen und wir müssen sie zeitnäher am Wahltag machen. Aber wir werden vor allem methodische Änderungen machen müssen. Die so genannte Sonntagsfrage ist tot, weil bei der Sonntagsfrage nicht mehr die Wahrheit gesagt wird.
Mit Klaus Kocks sprach Solveig Grothe.

