06. Aug 2005 10:49
In den deutschen Tageszeitungen überwiegen die Bedenken gegen die Übernahme von ProSiebenSat1 durch den Springer-Konzern. Befürchtet wird ein Drang zur Boulevardisierung.
Die «Berliner Zeitung» kommentiert:Tatsächlich handelt es sich um einen Zuwachs an konservativer Meinungsmacht. Das mag einigen nicht gefallen, verboten ist es nicht. Andererseits lieferte der Springer-Verlag in der Vergangenheit immer Anlass für Bedenken. Nicht selten wird die Berichterstattung den Interessen des eigenen Hauses untergeordnet, oft werden Kampagnen gefahren, gern auch in mehreren Blättern gleichzeitig.
Man erinnert sich an jene Zeiten, als Springer an Sat.1 als Juniorpartner beteiligt war und man sehr lange suchen musste, bis man ein schlechtes Wort über das Programm des Senders in den Zeitungen finden konnte. Meist war es unmöglich. (...) Mit unabhängigem und seriösem Journalismus hat das nichts zu tun. Ob Springer diese Praktiken auf die neu gekauften Fernsehsender ausdehnt, wird sich zeigen. Zumindest die Gefahr besteht.
Ähnlich in der «Hamburger Morgenpost»:
SPD und Grüne sind schockiert, die Union applaudiert: An den Reaktionen lässt sich ablesen, was die Republik zu erwarten hat, wenn der Zeitungsriese Springer auf Sendung geht und Bild und SAT1 sich geistig befruchten. Was Medienmacht bedeutet, haben die Deutschen erlebt, als Springer-Chef Mathias Döpfner im Alleingang versuchte, über alle Instanzen hinweg die Rechtschreibreform zu kippen.
Wer über BamS und WamS die Muskeln spielen lassen kann, hat zweifellos Macht. Gerhard Schröder erlebt derzeit ohnmächtig mit, wie das Berliner Printimperium das Ost-Pummelchen Angela zur Kanzlerin hochschreibt. Vor dem Hintergrund des TV-Kaufs wirkt die Kampagne, die Springer- Blätter gegen die öffentlich-rechtlichen Sender fahren, keineswegs zufällig. Sollte das Kartellamt was zu erwarten ist den TV-Coup durchwinken, bleiben nur ARD und ZDF als Rettung vor den Medien- Oligopolen Bertelsmann/RTL und Springer/SAT1.
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»:
(...) Springer übernimmt die Sender nicht nur, er verleibt sie sich ein, die Unternehmen verschmelzen, es entsteht ein publizistischer Koloss, wie es ihn nur noch einmal - eine Dimension größer - mit Bertelsmann gibt. (...) Was am Freitag in München verkündet wurde, ist nicht nur der späte Triumph Springers über Kirch, errungen vom Springer-Vorstandsvorsitzenden Döpfner; es ist ein Vorgang, der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erreicht.
Schien es schon zuvor fast unmöglich zu sein, dem von der «Bild»- Zeitung ausgehenden Drang zur Boulevardisierung aller Lebensbereiche entgegenzutreten, wird es nun, selbst wenn man Sender und Zeitungen nicht einfach addieren kann, für all jene noch schwerer, die für den Streit der Meinungen einen Platz suchen, der frei ist von den Interessen der großen Konzerne.(...)
In der Düsseldorfer «Westdeutsche Zeitung» steht:
Die Medienaufsicht in Deutschland ist den kommerziellen und publizistischen Verwertungsketten, die sich mit dem Springer-Deal herausbilden, nicht im Ansatz gewachsen. Die föderale Zersplitterung der Landesmedienanstalten ist dafür das anschaulichste Beispiel. Die neue Macht der Springer AG wird man wahrscheinlich schon daran ablesen können, dass sich die Politik nicht mehr trauen wird, dem brisanten Zusammenschluss eine angemessene Kontrolle gegenüberzustellen.