Altpapier vom Donnerstag
07. Jul 2005 09:13, ergänzt 11:04
Eine gut gehende Pizzeria im Allgäu. Der Bruder des Betreibers, der Sizilianer Luigi Ricci, wurde gerade ermordet. Nun diskutieren die Einheimischen in deftigem Schwäbisch bei einer Brotzeit darüber. Günter Gächter (
Rüdiger Wandel
), Assistent des «Tatort»-Kommissars Bienzle, stößt dazu. Wir blenden uns in den Dialog ein.Einheimischer (offenbar ein Redakteur des lokalen «Käsblättles»): «Wer nichts sächt, kann sich auch's Maul net verbrenne, net wahr?»
Er sieht, wie Gächter eine Flüssigkeit aus einem Fläschchen in seinen soeben bestellten «Joghurt natur» träufelt: «Was isch jetza däs?»
Gächter: «Rapsöl!»
Einheimischer: «Hä?»
Gächter: «Ja, sollten Sie auch mal probieren! Cholesterinfrei, viel Vitamin E, hält jung und das Hirn frei».
Einheimischer: «Machts auch schö?»
Gächter: «Na, schauen Sie mich an!»
Nach einem Moment allgemeiner Überraschung tönt schallendes Gelächter durch die Wirtschaft.
Wir haben uns erlaubt, rasch diese Szene aus dem
'Tatort: Bienzle und der Sizilianer'
zu transkribieren, weil es sich der «SZ» (S. 17) zufolge um Schleichwerbung für Rapsöl handelt. Das Argument, dass es das Hirn frei halten soll, fällt wirklich in diesem Wortlaut. Vielleicht ist er ironisch gemeint.
Auch Erdgas soll in dem Krimi, der in zweieinhalb Wochen zur Ausstrahlung ansteht (so dass «die werblichen Botschaften also noch herausgeschnitten werden» könnten), platziert worden sein. Abgerechnet worden seien die Placements als «Beratung».Heute werden die Schleichwerbungs-Vorwürfe gegen die Produktionen der
Bavaria
und ihrer Tochterfirmen also konkret. «Zwei als 'streng vertraulich' eingestufte Prüfreporte des SWR und der Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG» («SZ») liegen offenbar «SZ» und «FAZ» vor, die jeweils einen bunten Strauß an Details schildern.Aus der «SZ»: Drei neuere «Bienzle»-«Tatorte» der
Maran-Film
sollen durch «Erdgas-, Rapsöl- und Joghurt-Werbung» 53.750 Euro zusätzlich eingespielt haben. Das Internet-Portal Lycos habe die «Integration» in die
Jugendserie 'Fabrixx'
23.902,90 Euro gekostet. «20.000 Euro steuert Sportausrüster Asics für einen Film über Langstreckenläufer Dieter Baumann bei».
Placements in einem kölschen und drei Münsteraner «Tatorten» ließ sich die
Colonia Media
von der staatlichen Toto-Lotto GmbH und der CMA als «Stoffentwicklung» finanzieren. Weitere Details nennt die «FAZ». In ihrem Artikel (siehe Linkkasten) geht es aber vor allem um den gestern in der «SZ» angeteaserten Showdown zwischen ARD-Programmdirektor Günter Struve und Bavaria-Geschäftsführer Thilo Kleine. Beinahe im «Tatort»-Stil montiert Michael Hanfeld einen Dialogkrimi.
Bereits im Mai 2004 haben «Ernst Testroet vom Justitiariat des BR und der für das Programm-Marketing des ARD-Vorabends verantwortliche Dietmar Pretzsch eine Aussprache» mit Kleine gehabt - nachdem eine eigenständige Internetrecherche «mit den Stichworten 'Schleichwerbung' und 'Marienhof'» sie auf die damals öffentlich unbekannten Vorgänge um den «Marienhof»-Placements aufmerksam gemacht hatte. [Diese Recherche lässt sich heute, da diese Suchworte rund 16.600 Fundstellen ergeben, natürlich nicht mehr rekonstruieren].
«Äußerst unfruchtbar», sei die Aussprache gewesen, so Pretzsch heute. Schon damals berichtete er Struve davon. Struve heute: «Herr Pretzsch berichtete mir nach dem Gespräch, so erinnere ich mich, daß Prof. Kleine bestätigte, von den Vorwürfen gehört zu haben».
Und da
verkündete die Bavaria gerade
, dass Thilo Kleine «eine positive Kenntnis von Durchführung, Organisation und Ausmaß der Schleichwerbung ... nicht nachgewiesen werden konnte»?Medienwächter, Hobby-Kriminalisten und inzwischen auch hauptberufliche (siehe Altpapierkorb), die nicht zuviel Rapsöl zu sich genommen haben, sind eingeladen, sich dazu Gedanken zu machen.
Mehr im Internet: Zu den Artikeln |
|
Altpapierkorb
Judith Miller
muss in Haft
. «Sie wolle nicht ins Gefängnis, habe aber keine andere Wahl, als ihre Quelle zu schützen», zitiert die
'FAZ' online
die US-Journalistin. +++ Gewissermaßen ein deutsches Äquivalent:
Hans-Martin Tillack
?! Die Auseinandersetzung des Brüsseler «Ex-Enthüllungskorrespondent» vom «Stern» mit der Euro-Behörde namens Olaf beleuchtet die
'Rundschau'
: «Der Böse und das Biest kennen keine Zwischentöne». +++ Zurück zur ARD: Nicht Olaf, Ines heißt die Ermittlergruppe aus Dresden, die nun im Fall Mohren/ Emig ermittelt (
ebd.
) Skandal-Spuren der ARD-Sportsparte sollen auch ins Saarland führen («SZ», S. 17). Dort wurde bereits die Sendung
'Wellness-TV'
verantwortet, die schon früher «wegen Product-Placement kritisiert worden war»,
ergänzt
wiederum die «Rundschau». (Was war das nochmal? Siehe
Altpapier 2003
). +++ Bevor die ARD nachmittags die sage und schreibe 280 Folgen der
Saxonia
-Serie «In aller Freundschaft» wiederholt, «sollen alle Einstellungen, in denen reale Markenprodukte zu erkennen sind, elektronisch nachretuschiert werden», berichtet die «Welt» und
bündelt
«weitere Nachrichten aus der ARD-Skandalfabrik». +++ Dazu heißt es im KPMG-Bericht: «Tatsächlich haben wir festgestellt, dass in jedem Stadium der Drehbuchentwicklung alle gewünschten Informationen mit den Agenturen auf Anfrage ausgetauscht wurden». Bei «In aller Freundschaft» «sei es nur dann nicht zu Schleichwerbung gekommen, wenn eine Frage bejaht wurde: Ob es den betreffenden ARD-Redaktionen 'auffallen könnte, dass hier ein entgeltliches Placement vorgenommen wurde'» («SZ», S.17). +++ «Es würde mich schon sehr wundern, wenn dieses System nur in Frankfurt und Leipzig angewendet worden sein sollte» (Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner,
'FAZ'
). +++ «Welcher Politiker findet sich, der das flimmernde Chaos beendet und nicht lieber darauf achtet, wie telegen er im jeweiligen ARD-Heimatsender erscheint?» (Hans-Jürgen Jakobs, «SZ»-Meinungsseite 4). +++
Frei online
ärgert sich Joachim Huber vom «Tagesspiegel». +++ Die «breite sachbezogene Berichterstattung, die wir zuletzt sehr vermisst haben» (Norbert Schneider, Direktor der NRW-Landesanstalt für Medien), bekommt das
Medienforum NRW
in diesem Jahr endlich wieder. Die
'taz'
stimmt zu: «Konzentriert auf nur noch eine Halle der Kölner Messe, wirkte die Veranstaltung wesentlich lebendiger als in den Vorjahren». +++ Die «FAZ» (S. 38) ist gespannt, ob das in Köln postulierte «Good TV» (so viel wie: «gutes Fernsehen») ins Programm kommen wird. +++ Gut sein dürfte zumindest der in Köln ausschnittweise vorgestellte, im Frühjahr ins ZDF kommende Zweiteiler
'Dresden'
: «Für einen Antikriegsfilm scheint, wenn die wenigen Ausschnitte in der Vorführung nicht täuschen, die richtige Dosis gefunden zu sein», lobt die
'Berliner'
vorsichtig. +++ Hingegen ist «teilweise erbärmlich, wie wenig wir die Kunstform des seriellen Erzählens nutzen» (NDR-Serienchef Bernhard Gleim, ebenfalls in Köln). Von der Serien-Debatte berichten
'Welt'
und
'Tagesspiegel'
. +++ Die «SZ» berichtet ferner über die
'Undercurrents'
- Videoaktivisten, die «Sender mit Filmen über die Anti-Globalisierungsbewegung beliefern». Und knapp aus dem Gaza-Streifen: Zum Rückzugs Israels werden dort zwischen 3000 und 4000 ausländische Journalisten erwartet. +++ Neue Reihe der «Berliner»: die «Zeitungen im Speckgürtel» der Hauptstadt.
Zunächst
geht's um
diese
. +++ Sodann aktuell (
'Bild'-Zeitung'
). +++ Die «FAZ» wird «einer Umfrage der Internationalen Medienhilfe in Zürich zufolge unter Entscheidern als drittbeste Zeitung der Welt angesehen» («FAZ», S. 38). +++ «Wowi» Wowereit, Thomas Hermanns, Kader Loth, Udo Lindenberg, Hellmuth Karasek, Michael Naumann, Hans-Olaf Henkel - Stars einer mitternächtlichen «Hauptstadtbilanz» in der ARD, welche Harald Keller als «gelungene Satire»
empfiehlt
. +++ Der Mann an sich ist fürs werbefinanzierte Fernsehen «vergleichsweise irrelevant», doch es gibt noch andere Gründe, «warum männeraffines Fernsehen eine so unattraktive Angelegenheit ist». Z.B., wenn heute «der ehemalige 'Bunte'-Chefreporter Kurt Molzer... Frauen in Fußgängerzonen mit dem Satz 'Willst du mit mir schlafen?' belästigt»:
die
'taz'
zum Start einer neuen
Zeitschriften-basierten Fernsehsendung
.Auch am Freitag füllt sich der Altpapierkorb wieder gegen 9.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels