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«Einschaltprogramm statt Durchsehprogramm»

25. Mai 2005 08:18
Christoph Hauser
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Christoph Hauser ist der erste deutsche Programmdirektor des Kulturkanals Arte. Die Netzeitung sprach mit ihm über das französische Referendum zur EU-Verfassung, das Digitalfernsehen und den Plan, Arte zum 24-Stunden-Programm auszubauen.

Christoph Hauser war Hauptabteilungsleiter Fernsehen-Kultur beim SWR, bevor er Anfang 2005 als Programmdirektor des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte nach Straßburg ging. Seither arbeitet er an einer großen Programmreform, die Arte 2006 zum 24-Stunden-Programm machen soll. Die Netzeitung sprach mit dem 48-Jährigen über seine Pläne.

Netzeitung: Herr Hauser, einerseits wird Europa für alle immer wichtiger: für ARD und ZDF, die sich mit der EU-Kommission auseinandersetzen müssen, und für Arbeitnehmer, die Billiglohn-Konkurrenz fürchten. Andererseits hat Europa ein gewaltiges Vermittlungsproblem, wie sich in jedem Fall am 29. Mai in Frankreich zeigen wird. Ist das ein Fall für Arte?

Christoph Hauser: Das ist ein Fall für Arte, weil Arte nicht nur ein Vollprogramm mit dem Schwerpunkt Kultur ist, sondern als definierten zweiten Schwerpunkt auch Europa hat. Auf den Sendeplätzen für politische Information behandeln wir das Thema regelmäßig, zum Referendum haben wir fünf Sondersendungen im Programm, darunter eine am Wahlabend.

Netzeitung: Gibt der Sender den Franzosen eine Wahlempfehlung?

Hauser: Nein, als journalistischer Sender werden wir uns an die klassischen Regeln halten und Argumente pro und contra zu Wort kommen lassen. Ich glaube aber, dass das Gesamtprogramm natürlich schon eine Position für Europa bezieht. Der Grundsatz ist, Verständnis und Verständigung über die Grenzen hinweg zu schaffen. Insofern ist der ganze Sender ein Appell für das, was Europa ausmacht.

Netzeitung: Was Europa ausmacht, würde ja aber bestehen bleiben, auch wenn die Franzosen gegen die Verfassung stimmten.

Hauser: Es entstünde kein rechtsfreier Raum, was gewachsen ist, bleibt bestehen, ja. Symbolisch wäre das meiner persönlichen Meinung nach aber ein Rückschritt. Es wäre schön, wenn vom Referendum gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten ein positives Signal ausginge.

Netzeitung: Auch viele Deutsche haben Probleme mit der europäischen Politik. Wäre für Arte eine Vermittlung der Politik aus Brüssel und Straßburg denkbar, ähnlich wie Phoenix es etwa mit dem Untersuchungsausschuss-TV versucht?

Hauser: Die Untersuchungsausschuss-Übertragung war eine tolle Idee für Phoenix, die ihnen erfreuliche Einschaltquoten beschert hat und auch das ist, was Demokratie braucht, Es gibt sicher viele politische Vermittlungsaufgaben zu leisten, aber diese Aufgabe sehe ich nicht für Arte. Politisch-gesellschaftliche Themen finden bei uns auch statt, aber unser zentrales Thema ist die Kultur.

«Kopiert werden ist ein schönes Kompliment»

Netzeitung: Das zentrale Arte-Format ist der «Themenabend», den es seit 1992 gibt. Am 3. Juli läuft der 2000-ste. Sind die Themenabende das Ur-Modell des «audience flow», um den sich inzwischen alle Sender mit mehr oder minder raffinierten Strategien bemühen?

Hauser: Das ist ein erwünschter Nebeneffekt. Die Themenabende sind natürlich systematisch aufgebaut, aber jeder kann sich einzelne Sendungen rauspicken. Die Grundidee war die Grundidee von Arte: die Dinge gründlicher, journalistischer, tiefschürfender und aus unterschiedlichen Perspektiven anzugehen. Das war damals eine sehr originäre Idee. Inzwischen werden wir von allen Seiten kopiert, das ist ein schönes Kompliment. Die meisten Leute assoziieren Themenabende mit Arte.

Netzeitung: Wie viele Menschen in wie vielen Ländern erreicht Arte zurzeit, und wieviele schalten tatsächlich ein?

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Hauser: In Frankreich sehen jede Woche 11,5 Millionen Zuschauer mindestens einmal 15 Minuten Arte, in Deutschland 4,5 Millionen - Arte ist kein Minderheitenprogramm. In Deutschland haben wir inzwischen am Hauptabend im Schnitt mehr als 300.000 Zuschauer pro Sendung. Diese Zahl steigt kontinuierlich seit 2002, als es beim Satellitenempfang wegen des Transponder-Wechsels eine Delle gab.

Man sollte Arte aber auch an anderen Maßstäben bemessen: Profil, Image und die Qualität, die sich etwa in den Preisen bemisst, die wir gewinnen. Im Wettbewerb von Cannes waren sieben von 20 Filmen Arte-Koproduktionen. Wir wurden auch gegründet, um Kulturtransfer zu leisten. Pro Jahr strahlt Arte fast 1000 neu produzierte deutsche Programmstunden aus. Wir können außerhalb von Deutschland und Frankreich fast 60 Millionen Menschen erreichen, von Spanien bis Polen, von Rumänien bis Norwegen, wir schaffen Verständnis für deutsche Kultur im Ausland wie kein anderer Sender.

Netzeitung: In Frankreich hatte Arte immer auch deshalb bessere Quoten, weil dort die Auswahl der frei empfangbare Programme kleiner war. Das ändert sich nun durch das digitale Antennenfernsehen DVB-T. Und in Deutschland wächst die Breite des Angebots; Kabelgesellschaften wollen Programme wie «Discovery Geschichte» und «National Geographic» in den Markt drücken, die auch auf Ihr Publikum zielen. Ein Problem für Arte?

Hauser: Die Konkurrenz wird stärker, aber das betrifft vor allem Frankreich. In Deutschland haben wir schon immer eine relativ kompetitive Situation gehabt. In Frankreich konnten 80 Prozent der Haushalte mit der Hausantenne lange ein halbes Dutzend Programme empfangen. Da ist die Einführung von TNT, wie DVB-T dort heißt, wirklich eine Revolution. Wir werden die neue Konkurrenz deutlich spüren. Wenn Sie 30 Kanäle statt sechs empfangen, verteilt sich die Aufmerksamkeit, und die Marktanteile werden kleiner, das ist ganz klar. Im Hinblick darauf werden wir das Tagesprogramm systematisch ausbauen.

Netzeitung: Hin zum 24 Stunden-Programm?

Hauser: Das ist die Konsequenz. Daran hindert uns die Finanzierungsfrage, weil uns in Deutschland die «Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten» kein Geld für diesen Ausbau genehmigt hat. Das heißt, wir müssen im Wesentlichen mit Wiederholungen arbeiten. Arte France dagegen hat von der Regierung sowohl für die Wochenend- als auch die Tagesausweitung Geld bekommen. Die können richtig was investieren.

«'Living-History' wird weiter laufen»

Netzeitung: Welche Inhalten werden neu kommen? Es sieht aus, als würde das Genre der Doku-Soaps bzw. der «Reality», in dessen ambitionierterem Segment sich Arte engagiert, allmählich verebben.

Hauser: Die Dokusoaps haben sich bei uns in der Zeitleiste um 20.15 Uhr quotenmäßig gut berappelt. Das Verebben sehe ich noch nicht. Wir sind gerade am «Auswanderer»-Projekt des WDR beteiligt. Solche «Living-History»-Formate werden weiter laufen. Mit dem SWR werden wir die Nachfolgesendung zum «Schwarzwaldhaus» koproduzieren, mit dem MDR «Die Burg».

Netzeitung: «Die Burg»??

Hauser: Der Arbeitstitel heißt so. Ich hoffe, das ist nicht mit dem zu verwechseln, was die Privaten schon veranstaltet haben. Man muss sehen, ob der Punkt kommt, an dem man sagt: Wir nehmen nur noch die interessantesten Formate ins Programm. Arte muss Raum für Experimentelles haben, und da sehe ich gerade bei Doku-Soap, Doku-Fiction, diesen Hybridformaten ein Experimentierfeld, auf dem wir dabei sein müssen. In diesem Bereich ist die Kreativität.

Netzeitung: Als Vorsitzender der «Programm-Gruppe Bildungsfernsehen» in der Europäischen Rundfunkunion sind Sie auch ein Freund des Wissenschafts-Fernsehens.

Hauser: Das will ich auch forcieren. Arte muss auf diesem Feld präsenter sein, auch wenn es früher schon Magazine wie «Archimedes» gab. Ich lese im Feuilleton der «FAZ» mit Interesse die Versuche, sperrige Themen hochzuziehen wie: Gentechnologie, Nanotechnologie, Probleme der alternden Gesellschaft, der Streit zwischen Hirnforschung und Philosophie um die Frage: Haben wir einen freien Willen oder nicht? Das sind im Grunde auch kulturelle Themen, die sollten sich auch bei Arte niederschlagen.

Netzeitung: Stimmt es, dass Sie jetzt schon eine große Programmreform für September 2006 planen?

Hauser: Das klingt spät, ist aber nicht spät. Als öffentlich-rechtliches System müssen wir die Dinge in diesem Herbst inhaltlich stehen haben, um dann die Budgets kalkulieren und sie fürs nächste Jahr einplanen zu können. Das braucht einfach einen gewissen Vorlauf.

Netzeitung: Können Sie schon weitere Bestandteile der Reform nennen?

Hauser: Zum Beispiel bietet der Nachmittag die Chance, neue leichte Formate auszutesten. Wir haben ein Projekt namens «Art de Vivre», ein tägliches Magazin zur Lebensart, das sich dem weicheren Teil der Kulturthemen öffnet: von Architektur über Essen und Trinken bis zur Mode.
Dann würde ich gerne Kindersendungen in der Originalsprache mit Untertiteln anbieten, zum Beispiel «Die Sendung mit der Maus» für die französischen Kinder und ein französisches Format für die deutschen, das die Kinder motiviert, sich mit der anderen Sprache auseinanderzusetzen. Mir fehlen auch unterhaltendere Formate, das Thema Quiz will ich angehen. Das Image, das wir auch haben: ein bisserl ernst zu sein, würde ich gern durch etwas spielerisches Arte-Gemäßes knacken.
Und eine Spätleiste mit einem erkennbaren Spätprogramm, das unterschiedliche Anfangszeiten haben kann, aber am späten Abend einen Einschaltimpuls setzt, finde ich spannend.

Netzeitung: Eine Menge Pläne.

Hauser: Das ist noch nicht alles. Wir brauchen mehr Schwerpunkte, die auch mal eine Woche lang Akzente setzen, so wie die Themenabende im Kleinen. Wir sind ein Einschaltprogramm und darauf angewiesen, die Leute immer wieder zu Themen hinzuziehen. Wir müssen Ereignisse schaffen, darüber Presse schaffen und so die Leute wieder ins Programm ziehen. Wir können uns das auch leisten, weil wir kein Nachrichtenschema im Hauptprogramm haben. Das ist etwa im Februar mit dem Schwerpunkt Holocaust gut gelungen: Da haben wir die alte US-Serie von Marvin Chomsky genommen, Dokumentationen drumherum gebaut und damit etwas Besonderes geschaffen. Das kam gerade bei jungen Leuten und im Osten gut an. So etwas werden wir verstärkt machen. Zum Beispiel zur Fußball-WM 2006, da sind wird der Kulturpartner des DFB.

«Wären wir weiter vorn, würden uns mehr Leute sehen»

Netzeitung: Wenn Arte ein Einschaltprogramm ist, was ist das Gegenteil davon?

Hauser: Der Begriff ist aus der Radiosprache entlehnt, da gibt es Durchhör- und Einschaltprogramme. «Durchsehprogramme» müsste man sagen. Das sind die großen Programme, die auf der Fernbedienung vorne sind. Wenn die Leute weit nach hinten schalten sollen, wo Arte oft noch programmiert ist, müssen sie motiviert sein. Diese Motivation müssen wir herstellen.

Netzeitung: Ihre Werbekampagne «Arte auf acht», um auf der Fernbedienung weiter nach vorn zu kommen, läuft schon lange - erfolgreich?

Hauser: Sie schafft es, Arte ins Bewusstsein zu heben. Wir müssen den Leuten sagen: Nicht vergessen, es gibt Arte! Die Auffindbarkeit in den unterschiedlichen Systemen ist ein großes Problem. Viele haben einfach keine Lust, mit ihrer Fernbedienung im Satellitenempfang auf Position 49 zu schalten. Als im Hamburger Kabelnetz der Digitalisierung wegen die Programme kurzfristig umgestellt wurden, waren wir eine Zeitlang auf dem Programmplatz der ARD, also ganz vorn, und hatten Super-Einschaltquoten. Das ist im Grunde der Beweis: Wären wir weit vorn, würden uns viel mehr Leute sehen.

Mit Christoph Hauser sprach Christian Bartels

 
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