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netzeitung.de«24» oder Das Ende jeder Gewissheit

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Kiefer Sutherland spielt Jack Bauer (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kiefer Sutherland spielt Jack Bauer
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die dritte Staffel der Fernsehserie «24» macht aus der Not eine Tugend, dass es unmöglich war, die Qualität der ersten 48 Folgen zu übertreffen.

Das Gesetz der Serie ist Segen und Fluch zugleich für Fernseh-Autoren. Es erlaubt, ein perfektes Format zum Exzess auszukosten, es erzwingt im Erfolgsfall aber auch, über die größte denkbare Steigerung der Spannung hinaus schreiben zu müssen. Das gilt auch für die dritte Staffel der hochgelobten Echtzeit-Serie «24», die am heutigen Mittwochabend in Deutschland startet.

Nicht nur wegen des ungeheuerlichen «Cliffhangers» der in jeder Hinsicht gelungenen zweiten Staffel, die Sekunden nach einem Attentat auf den US-Präsidenten David Palmer offen endet, muss sich der Kundige jedoch auch die dritte Staffel ansehen. Nach der größten denkbaren Steigerung in der zweiten, in der auf amerikanischem Boden eine Atombombe explodiert und angedeutet wird, dass die Spur zu den Tätern in den mittleren Osten von lebhaft an Krieg interessierten amerikanischen Ölmultis gelegt wurde, war aber selbst großen Freunden der Serie klar, dass Staffel drei schwächer wird. Sie ist unvermeidlich nicht «größer als das Leben», dafür aber von besonders überzeugend wirkendem Realismus und großem dramaturgischem Witz.

Das Gesetz der Serie ist auch ein Fluch für die europäischen Verwerter dieses Fernseh-Wunders. Natürlich haben die treuesten Zuschauer, wenn sie nur ansatzweise des Englischen mächtig sind, Staffel drei in langen, fiebrigen Nachtsitzungen längst auf DVD gesehen. Sie warten schon auf die vierte Staffel, die am kommenden Sonntag in den USA anläuft. Nur im englischen Original können sie genießen, was in der gar nicht einmal schlechten deutschen Synchronfassung teilweise verloren geht: leises, ungewöhnlich nuanciertes Spiel. «24» verzichtet auf typische Thriller-Elemente einschlägiger Kinoformate, zu denen nicht nur Spezialeffekte zählen, sondern auch die pathetische Überhöhung von Posen und Aktionen der Helden und Antihelden. Die Unmittelbarkeit wird noch gesteigert durch die differenzierte Zeichnung der Charaktere. Die eine Botschaft lautet: Der Kampf gegen das Böse korrumpiert selbst die Besten, auch den Superagenten Jack Bauer (erneut brillant: Kiefer Sutherland). Die andere ist: Selbst die Bösen lieben ihre Kinder.

Wortkarger Folterexperte
Es ist so banal, wie es klingt. «24» schafft es aber gerade damit, dem realen Krieg gegen den Terror in Guantánamo Bay, Irak und Afghanistan Plastizität zu verleihen. Nach 48 Folgen ohnehin an einiges gewöhnt, wird der Zuschauer in der dritten Staffel systematisch zur Komplizenschaft mit den Antiterror-Kämpfern erzogen. Sie setzen mit Folter, Mord und Erpressung tatsächlich jedes Mittel ein, um eine Verschwörung von Bioterroristen aufzuhalten, die in der Lage sind, mit einem genetisch manipulierten Virus amerikanische Großstädte in Geistersiedlungen zu verwandeln. Selbst sensible Zuschauer ertappen sich dabei, dem «Spezialisten» Richard, dem wortkargen Folter-Experten der Counter Terrorist Unit (CTU), bei seinen Bemühungen, Aussagen zu erzwingen, Erfolg zu wünschen.

Das perfide Spiel mit der Moral des Publikums beginnt damit, dass Richard als konturloser Technokrat gezeichnet wird, als Mittel zum Zweck. Folter ist bei der CTU ein sauberes Geschäft, Richard betritt den Verhörraum mit einem blanken Alu-Köfferchen, in dem Spritzen mit schmerzerzeugenden Substanzen auf den Einsatz warten. Und es ist bei weitem nicht die größte Erschütterung der Moral in «24.3», dass sich bald herausstellt, dass auch die Guten sehr schnell der Folter unterzogen werden, wenn sie zum Schutz der eigenen Ränke gegen das Böse gelegentlich länger schweigen, als es die CTU für geboten hält.
Erledigte «McGuffins»
Dem Prinzip der Aushöhlung aller Gewissheit folgt auch die Dramaturgie. Im Vergleich zu den früheren Staffeln ist die Erzählung absichtsvoll so verwirrend, dass Alfred Hitchcock, der große Formalist des Kinos, seine Freude daran hätte. Er hatte den «McGuffin» erfunden, den die Handlung tragenden, beliebigen Gegenstand. In jeder Folge von «24.3» bieten sich Lösungen an, die von der CTU mit aller Kraft verfolgt werden. Jede einzelne davon wäre hinreichendes zentrales Motiv einer herkömmlichen Serie. Ein bedeutender «»McGuffin» nach dem anderen erledigt sich aber, so dass sich die Erzählung immer wieder neu öffnet und die CTU mit derselben Verve in eine ganz andere Richtung eilt. Wie in den besseren Romanen James Ellroys sterben wichtige Figuren, sobald das Thriller-erprobte Publikum seine Erwartung in ihr weiteres Schicksal gefestigt hat. Demgegenüber wirkt das Ende schwach und konventionell. Doch wenige Minuten vor Schluss der letzten Folge gibt es noch eine Zuspitzung, die in ihrer Radikalität im Fernsehen ohne Beispiel sein dürfte.

«24.3» zeigt die westliche Welt, ihre Gesetze und Werte inmitten allumfassenden Verfalls. Misstrauen in jeden, und sei es der engste Freund, ist jederzeit geboten, Misstrauen zur falschen Zeit aber führt ins Verderben. Diese Staffel ist weit konsequenter als die früheren ein Spiel mit losen Enden, sie kommt folgerichtig ohne klassischen «Cliffhanger» am Ende aus, versagt dem Publikum aber die Erlösung.

«Checks and Balances»
Bleibt die Frage, was den Medienkonzern Fox dazu gebracht hat, diese düstere und von verstörendem Skeptizismus geprägte Serie zu produzieren. Kein Kritiker spart sich den Hinweis darauf, dass Fox News, der Nachrichtensender desselben Hauses, an Schwarzweißmalerei und Hurra-Patriotismus in Sachen Terror und Krieg nicht zu überbieten ist.

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Der kommerzielle Erfolg differenzierter, gut erzählter Geschichten im Journalismus wie in der Unterhaltungsindustrie motiviert seit jeher eine der wirkmächtigsten und am besten funktionierenden gesellschaftlichen «Checks and Balances», die die Zentralmacht der USA und ihr Wirken beständig in Frage stellen. Eine andere Antwort gibt die Serie selbst: Auch die Gutwilligsten waten nicht durch tiefen Schmutz, ohne dass etwas haften bleibt. Das lässt sich ohne Weiteres über Präsident George W. Bush sagen, der Fox News viel zu danken hat, aber es gilt nicht minder für seine politischen Gegner und Kritiker, die sich eher mit dem Politikertypus identifizieren dürften, dessen hohe Moral in «24.3» an ihre Grenzen stößt.