«Man kann nicht einer Gruppe allzu nah sein»
Netzeitung: Haben Sie vor den Präsidentschaftswahlen in den USA gehofft, dass sich nach einem eventuellen Regierungswechsel etwas an dem Arbeits- und Sendeverbot für Al Dschasira im Irak ändert?
Netzeitung: Was bedeutet das Arbeits- und Sendeverbot im Irak für Al Dschasira?
Suliman: Das ist ein harter Schlag. Wer etwas anderes sagt, der lügt. Der Irak ist im Moment der wichtigste Schauplatz der Welt. Wir machen unsere Berichterstattung jetzt mit Agenturbildern aus der Zentrale in Doha. Vermittlerfirmen besorgen uns im Irak interessante Leute, die per Telefon live in unsere Sendungen geschaltet werden. Technisch funktioniert es also ganz gut. Aber für das Image ist es schlecht. Unserem Motto Wir sind vor Ort können wir nicht treu bleiben, solange das Büro zu ist. Ärgerlicherweise wurde die Berichterstattung einfach von der Regierung verboten, ohne dass ein Gericht an dem Verbot beteiligt war. Das macht es uns schwer, die Anordnung zu akzeptieren.
Suliman: Wir nutzen die Pressefreiheit im Irak nicht aus, wenn man in einem Land unter Besatzung überhaupt von Pressefreiheit sprechen kann. Natürlich wird die Berichterstattung hier und da missbraucht von der einen wie von der anderen Seite. Aber die Frage ist: Darf man deswegen etwas zurückhalten? Und wer bestimmt das? Etwas wird nicht gesendet, um Jugendliche zu schützen etwa vor Kriminalität oder Pornographie. Aber wir machen keine Jugendsendungen, sondern einen Nachrichtensender für Erwachsene. Und da erlauben wir nicht, dass man uns sagt, ihr dürft das nicht senden, weil es missbraucht werden kann.
Netzeitung: Al Dschasira wird als Sprachrohr der Terroristen kritisiert, weil immer wieder die Videos von Geiselnehmern gesendet werden. Lässt sich der Sender als Plattform ausnutzen?
Netzeitung: Al Dschasira wurde verdächtigt, schon vorher von Anschlägen im Irak zu wissen, da die Kamerateams oft als erste am Unfallort waren.
Suliman: Wir sind ein Nachrichtensender und wollen immer die Ersten sein. Als ich in Bagdad gearbeitet habe, und es eine Explosion gab, haben wir immer wie verrückt danach gesucht, um den Unglücksort innerhalb von Minuten zu finden. Wir wollten unbedingt als erster Sender da sein und natürlich bevor US-Soldaten und Polizei die Stelle absperren, denn sonst kann man nicht mehr sehen, was los war. Manchmal haben wir es nur aus Glück geschafft, weil die Explosionen so nah an der Zentrale von Al Dschasira waren. Einmal konnte ein Kameramann zufällig nach einer Explosion direkt vom Dach seines Hotels filmen. Deswegen denken manche Menschen, dass Al Dschasira schon vorher Bescheid wusste. Als wir uns einmal in einem Hotel angemeldet haben, fragten uns die Menschen dort spaßhaft, ob bald eine Bombe explodieren wird.
Suliman: Die Situation ist sehr schwierig. Natürlich gibt es das Internet, Zeitungen und Rundfunksender, aber die Sicherheitslage erlaubt kaum eine vernünftige Berichterstattung. Von einer Liberalisierung der Medien kann man deswegen nicht sprechen. Auch für viele unserer Mitarbeiter im Irak ist der liberale Journalismus, nach dem man gegensätzliche Meinungen darstellt, Neuland. Manchmal müssen wir unsere Kollegen dort auch darauf aufmerksam machen, dass es rote Linien gibt. Man kann nicht einer Gruppe allzu nah sein. Man braucht zwar Nähe, aber nicht allzu viel Nähe. Das zu berechnen ist schwierig. Besonders in einem Land wie dem Irak. Dort kann ein falsches Wort den Tod bedeuten.
Netzeitung: Haben deutsche Politiker ein Interesse daran, auf Al Dschasira zu erscheinen?
Suliman: Wenn Politiker zu uns kommen, hat das nichts damit zu tun, ob sie uns mögen oder ob wir sie mögen. Die wissen, dass Al Dschasira die Tür zur arabischen Welt ist. Wenn im Nahen Osten gerade nichts los ist, ist es schwer, Interviews zu bekommen. Aber als Joschka Fischer nach der letzten Münchner Sicherheitskonferenz den USA eine gemeinsame Nahost-Initiative zur Stabilisierung der Region vorschlug, wollten wir natürlich wissen, was da dran ist. Und Fischer wollte sein Vorhaben vermitteln. Dann kreuzen sich die Interessen. Allerdings gibt es auch Momente, in denen die arabische Welt Thema ist, aber trotzdem keine Zusammenkunft möglich ist. Wie in der Zeit vor dem Irak-Krieg. Alles, was Gerhard Schröder und Fischer damals gesagt haben, war für uns äußerst interessant. Aber ein deutscher Politiker war in dem Moment nicht unbedingt gut beraten, einem arabischen Medium ein Interview zu geben, weil die Beziehungen zu den USA so belastet waren, dass ein Interview mit Al Dschasira weiter zu einer Frontenbildung beigetragen hätte.
Netzeitung: Wie begegnen Ihnen arabische Menschen in Deutschland, wenn Sie im Land unterwegs sind?
Suliman: Viele kennen Al Dschasira, und viele kennen mich durch die Arbeit hier in Deutschland, aber auch durch das halbe Jahr, das ich insgesamt für Al Dschasira im Irak gearbeitet habe und jeden Tag mehrmals live auf Sendung war. Da gewöhnen sich die Zuschauer an das Gesicht eines Reporters. Die Menschen sind sehr herzlich, wenn sie mich treffen. Als ich das erste Mal aus dem Irak zurückkehrte, haben mich schon auf dem Frankfurter Flughafen Araber angesprochen und sich gefreut, dass ich heil wieder zurückgekommen bin. Sie hätten sich Sorgen um mich gemacht. Ich habe kurz überlegt, ob ich die Leute schon einmal getroffen habe, aber die kannten mich nur aus dem Fernsehen. Die haben mich als ihren Freund betrachtet. Das fand ich sehr schön. Das gibt mir Wärme und Mut.
Netzeitung: Wie sieht die Zukunft von Al Dschasira in Deutschland aus? Wird das Korrespondentenbüro ausgebaut?
Suliman: Solange Ijad Allawi (der Ministerpräsident des Irak, die Red.) nicht Ministerpräsident von Deutschland wird, bleibt das Büro hier (lacht). Im Ernst: Es gibt konkrete Pläne, das Büro auszubauen und Leute einzustellen. Ich berichte nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Österreich und Osteuropa, da kann ich Hilfe gebrauchen.
Mit Aktham Suliman sprach Jan Dörner.

