Netzeitung: Wie ist die Situation der Medien im Irak?Suliman: Die Situation ist sehr schwierig. Natürlich gibt es das Internet, Zeitungen und Rundfunksender, aber die Sicherheitslage erlaubt kaum eine vernünftige Berichterstattung. Von einer Liberalisierung der Medien kann man deswegen nicht sprechen. Auch für viele unserer Mitarbeiter im Irak ist der liberale Journalismus, nach dem man gegensätzliche Meinungen darstellt, Neuland. Manchmal müssen wir unsere Kollegen dort auch darauf aufmerksam machen, dass es rote Linien gibt. Man kann nicht einer Gruppe allzu nah sein. Man braucht zwar Nähe, aber nicht allzu viel Nähe. Das zu berechnen ist schwierig. Besonders in einem Land wie dem Irak. Dort kann ein falsches Wort den Tod bedeuten.
Netzeitung: Haben deutsche Politiker ein Interesse daran, auf Al Dschasira zu erscheinen?
Suliman: Wenn Politiker zu uns kommen, hat das nichts damit zu tun, ob sie uns mögen oder ob wir sie mögen. Die wissen, dass Al Dschasira die Tür zur arabischen Welt ist. Wenn im Nahen Osten gerade nichts los ist, ist es schwer, Interviews zu bekommen. Aber als Joschka Fischer nach der letzten Münchner Sicherheitskonferenz den USA eine gemeinsame Nahost-Initiative zur Stabilisierung der Region vorschlug, wollten wir natürlich wissen, was da dran ist. Und Fischer wollte sein Vorhaben vermitteln. Dann kreuzen sich die Interessen. Allerdings gibt es auch Momente, in denen die arabische Welt Thema ist, aber trotzdem keine Zusammenkunft möglich ist. Wie in der Zeit vor dem Irak-Krieg. Alles, was Gerhard Schröder und Fischer damals gesagt haben, war für uns äußerst interessant. Aber ein deutscher Politiker war in dem Moment nicht unbedingt gut beraten, einem arabischen Medium ein Interview zu geben, weil die Beziehungen zu den USA so belastet waren, dass ein Interview mit Al Dschasira weiter zu einer Frontenbildung beigetragen hätte.
Netzeitung: Wie begegnen Ihnen arabische Menschen in Deutschland, wenn Sie im Land unterwegs sind?
Suliman: Viele kennen Al Dschasira, und viele kennen mich durch die Arbeit hier in Deutschland, aber auch durch das halbe Jahr, das ich insgesamt für Al Dschasira im Irak gearbeitet habe und jeden Tag mehrmals live auf Sendung war. Da gewöhnen sich die Zuschauer an das Gesicht eines Reporters. Die Menschen sind sehr herzlich, wenn sie mich treffen. Als ich das erste Mal aus dem Irak zurückkehrte, haben mich schon auf dem Frankfurter Flughafen Araber angesprochen und sich gefreut, dass ich heil wieder zurückgekommen bin. Sie hätten sich Sorgen um mich gemacht. Ich habe kurz überlegt, ob ich die Leute schon einmal getroffen habe, aber die kannten mich nur aus dem Fernsehen. Die haben mich als ihren Freund betrachtet. Das fand ich sehr schön. Das gibt mir Wärme und Mut.
Netzeitung: Wie sieht die Zukunft von Al Dschasira in Deutschland aus? Wird das Korrespondentenbüro ausgebaut?
Suliman: Solange Ijad Allawi (der Ministerpräsident des Irak, die Red.) nicht Ministerpräsident von Deutschland wird, bleibt das Büro hier (lacht). Im Ernst: Es gibt konkrete Pläne, das Büro auszubauen und Leute einzustellen. Ich berichte nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Österreich und Osteuropa, da kann ich Hilfe gebrauchen.
Mit Aktham Suliman sprach Jan Dörner.