netzeitung.deBBC zieht Verbindung zwischen islamistischem Terror und seinen schärfsten Gegnern

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Der Krieg gegen den Terror, so die provozierende These eines britischen Fernseh-Features, ist eigentlich ein neuer kalter Krieg. Das Terrornetzwerk Al Qaeda ist demnach ein Mythos.

Wie kommt es eigentlich, dass Terrorverdächtige in westlichen Rechtsstaaten so gut wie nie vor Gericht kommen oder, falls doch einmal, nicht klar schuldig gesprochen werden, wenn man sie dem Terrornetzwerk Al Qaeda zurechnet? Wer oder was ist eigentlich Al Qaeda - und komme bitte niemand mit den Geheimdienst-Floskeln von der weltweit verschlungenen Hydra mit den nachwachsenden Köpfen. Schließlich: Wie gefährlich ist der islamistische Terror wirklich?

Die britische BBC hat diese Fragen gestellt, um sie kritisch zu beantworten und die Vielzahl Antworten, die es gibt, ihrerseits zu prüfen. Nach eingehenden Recherchen sind Reporter des Senders zu dem Schluss gekommen, dass Al Qaeda ein Mythos sei, ein Schauermärchen, das aus sich selbst heraus immer wieder neu entwickelt werde. Die Bedrohung mit einer «Schmutzigen Bombe» desgleichen: Ihre Gefahren werden demnach überschätzt. Und bislang hält keine der von Sicherheitsbehörden in aller Welt behaupteten Verbindungen zwischen den Massenmördern vom 11. September 2001, den Bombern von Bali, den Sprengsatzbastlern vom 11. März in Madrid, den Aufständischen in Irak und anderen islamischen «Terrorzellen» faktenorientierten Prüfungen stand.

Kolportage unbeweisbarer Mitteilungen
Die Medien, stellt die BBC fest, kolportieren Nachrichten über derlei Gefahren und Vernetzungen, die zu weiteren Nachrichten über derlei Gefahren und Vernetzungen führen. Der wichtigste Realitätsbezug solcher Nachrichten sind laut BBC Informationen von Geheimdiensten, die wiederum ihre Quellen und Recherchen nicht offenlegen. Das mache den islamischen Terrorismus, so weit seine Globalisierung und einheitliche Führung behauptet wird, zu einem Mythos, von dem sowohl die Politiker profitieren, die ihn verbreiten und den Terrorismus bekämpfen, als auch die Terroristen selbst. Jeder islamistische Einzeltäter verfügt damit über die Schlagkraft einer weltweit verzweigten Organisation. Damit gewinnt auch jedes Attentat höchste Wichtigkeit für den nicht unmittelbar betroffenen Rest der Welt.

Auf der Strecke bleiben allerdings jene, die wegen des Generalverdachts gegen Islamisten in die Terroristenfahndung geraten - ohne Chance auf einen Ausweg. Mögen sie nach rechtsstaatlichen Maßstäben auch nicht verurteilt werden, bleibt der Verdacht selbst im Fall eines klaren Freispruchs hängen. Denn seit 2001 hat die westliche Welt gelernt, in jedem nicht weiter auffälligen Islamisten einen mit einer bürgerlichen Existenz getarnten «Schläfer» des Terrors zu vermuten.

Selbstzweifel
«Die Macht von Albträumen», so der Titel des Mehrteilers, stößt allerdings selbst bei Autor Adam Curtis auf gewisse Selbstzweifel: «Wenn irgendwo eine Bombe hochgeht, werden alle sagen, dass ich widerlegt bin, auch wenn der Anschlag nichts mit meiner Argumentation zu tun hätte. Das zeigt, wie sehr wir alle in der Falle stecken.»

Eindeutig falsifizieren kann Curtis die Behauptungen der internationalen Sicherheitsbehörden nämlich mangels unmittelbaren Zugangs zu deren Quellen meistens auch nicht, wie er im Gespräch mit dem «Guardian» einräumte. So leicht wie bei der «Schmutzigen Bombe», dem konventionellen Sprengsatz, mit dem radioaktives Material zerstäubt und verteilt werden könnte, ist das sonst nicht: In diesem Fall sind sich von der BBC zitierte Experten einig, dass die Wirkung einer solchen Bombe in den zahlreichen Warnungen weit überzogen dargestellt wird.

Ausnahmen bestimmen die Regeln
Curtis vergleicht die Lage mit dem Kalten Krieg. Zwei sich sich gegenseitig verteufelnde und überzogen darstellende Ideologien prallen aufeinander, gelegentliche offene Gewaltausbrüche sind zwar die Ausnahme, bestimmen aber die Regeln der Wahrnehmung. Al Qaeda ist demnach ein juristisch motiviertes Konstrukt, geschaffen von amerikanischen Sicherheitsbehörden, die nach den Anschlägen auf US-Botschaften in Afrika und die USS «Cole» in Jemen eine kriminelle Organisation benennen mussten, um auf der Basis eigentlich gegen die Mafia gerichteter Gesetze ein Verfahren gegen den Terroristenführer Osama bin Laden und seine Leute zu eröffnen.

Zwar gibt es unbestritten weltweite Verbindungen unter gewaltbereiten islamischen Extremisten, doch das Bild einer kadermäßig aufgebauten Organisation mit klaren Befehlsstrukturen ist laut Curtis nicht mehr als eine Sprachregelung, eine gesetzte Definition, um die Sache unter einen Begriff zu fassen und juristisch und politisch greifbar zu machen. Worte suggerieren hier, je nach Interpretation, Fakten, die die BBC in der Analyse des politischen und militanten Islamismus, der seit etwa fünf Jahrzehnten existiert, widerlegen zu können glaubt. Es gibt demnach nicht den einigen islamischen Extremismus, sondern eine Vielzahl Gruppen und Grüppchen, Sekten und Hassprediger, deren Erfolg von wenigen Ausnahmen abgesehen stets mäßig war.

Recherche über die Neocons
Eine dieser Ausnahmen waren die Mudschahedin und die Taliban in Afghanistan, und zwar dank der Unterstützung, die sie von ihren späteren Gegnern erhielten. Besondere Brisanz gewinnt die BBC-Recherche an diesem Punkt - Curtis gab im «Guardian» sogar zu, dass seine Geschichte sich zunächst um die amerikanischen Neokonservativen drehen sollte, die vorgeblich schärfsten Gegner der islamischen Extremisten.

Beider Geschichte und Interessen stimmen in einem Punkt überein, stellte sich heraus. Der Aufstieg der Neokonservativen zu hoher politischer Macht in den USA ging einher damit, dass sie sich in den Achtzigerjahren der «liberalen» Rhetorik der Entspannung im Umgang mit der Sowjetunion verweigerten und alles daran setzten, die UdSSR verbal, wirtschaftlich und auch mit Waffen zu bekämpfen, wo immer dies ohne unmittelbare Gefahr für die USA möglich war.

Schlachtfeld Afghanistan
Eines der Schlachtfelder dieser Strategie war Afghanistan. Die Neocons setzten die aktive Unterstützung von Gruppierungen im Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer durch - eine davon geführt von Osama bin Laden -, mit denen sie die Strategie der mythischen Übersteigerung des Feindbildes teilten.

Curtis' These basiert darauf, dass nach dem Ende des kalten Krieges keinerlei Beweise dafür gefunden worden seien, was im Westen, zuletzt vor allem von den Neocons, behauptet worden war: Dass eine sowjetische Invasion jederzeit möglich sei und konkret für den Moment geplant werde, in dem sich der Westen Blößen gibt. Der 11. September 2001, so die These, erlaubte es den Neokonservativen, ein nach bewährtem Muster bereits im Aufbau befindliches neues mythisches Feindbild weltweit verbindlich zu machen.

Die islamischen Extremisten, einst in Afghanistan erstmals ungewöhnlich einig gegen die Sowjetunion - für sie wie für den US-Präsidenten Reagan das «Reich des Bösen» - sind darauf nur zu gern eingegangen. Ihre satanische Feindesmacht heißt heute USA, die Mission bleibt dieselbe. Beiden, den Wortführern des Neokonservatismus und den Propagandisten des islamischen Extremismus, dient die Dämonisierung des Feindes der Festigung der eigenen Machtbasis. In gewisser Weise, so Curtis, arbeiten die Neokonservativen und die Islamisten daher noch immer zusammen: «Sie fördern die Phantasie vom Krieg gegen den Terror.» (nz)