BBC zieht Verbindung zwischen islamistischem Terror und seinen schärfsten Gegnern
15.10.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Die britische BBC hat diese Fragen gestellt, um sie kritisch zu beantworten und die Vielzahl Antworten, die es gibt, ihrerseits zu prüfen. Nach eingehenden Recherchen sind Reporter des Senders zu dem Schluss gekommen, dass Al Qaeda ein Mythos sei, ein Schauermärchen, das aus sich selbst heraus immer wieder neu entwickelt werde. Die Bedrohung mit einer «Schmutzigen Bombe» desgleichen: Ihre Gefahren werden demnach überschätzt. Und bislang hält keine der von Sicherheitsbehörden in aller Welt behaupteten Verbindungen zwischen den Massenmördern vom 11. September 2001, den Bombern von Bali, den Sprengsatzbastlern vom 11. März in Madrid, den Aufständischen in Irak und anderen islamischen «Terrorzellen» faktenorientierten Prüfungen stand.
Auf der Strecke bleiben allerdings jene, die wegen des Generalverdachts gegen Islamisten in die Terroristenfahndung geraten - ohne Chance auf einen Ausweg. Mögen sie nach rechtsstaatlichen Maßstäben auch nicht verurteilt werden, bleibt der Verdacht selbst im Fall eines klaren Freispruchs hängen. Denn seit 2001 hat die westliche Welt gelernt, in jedem nicht weiter auffälligen Islamisten einen mit einer bürgerlichen Existenz getarnten «Schläfer» des Terrors zu vermuten.
Eindeutig falsifizieren kann Curtis die Behauptungen der internationalen Sicherheitsbehörden nämlich mangels unmittelbaren Zugangs zu deren Quellen meistens auch nicht, wie er im Gespräch mit dem «Guardian» einräumte. So leicht wie bei der «Schmutzigen Bombe», dem konventionellen Sprengsatz, mit dem radioaktives Material zerstäubt und verteilt werden könnte, ist das sonst nicht: In diesem Fall sind sich von der BBC zitierte Experten einig, dass die Wirkung einer solchen Bombe in den zahlreichen Warnungen weit überzogen dargestellt wird.
Zwar gibt es unbestritten weltweite Verbindungen unter gewaltbereiten islamischen Extremisten, doch das Bild einer kadermäßig aufgebauten Organisation mit klaren Befehlsstrukturen ist laut Curtis nicht mehr als eine Sprachregelung, eine gesetzte Definition, um die Sache unter einen Begriff zu fassen und juristisch und politisch greifbar zu machen. Worte suggerieren hier, je nach Interpretation, Fakten, die die BBC in der Analyse des politischen und militanten Islamismus, der seit etwa fünf Jahrzehnten existiert, widerlegen zu können glaubt. Es gibt demnach nicht den einigen islamischen Extremismus, sondern eine Vielzahl Gruppen und Grüppchen, Sekten und Hassprediger, deren Erfolg von wenigen Ausnahmen abgesehen stets mäßig war.
Beider Geschichte und Interessen stimmen in einem Punkt überein, stellte sich heraus. Der Aufstieg der Neokonservativen zu hoher politischer Macht in den USA ging einher damit, dass sie sich in den Achtzigerjahren der «liberalen» Rhetorik der Entspannung im Umgang mit der Sowjetunion verweigerten und alles daran setzten, die UdSSR verbal, wirtschaftlich und auch mit Waffen zu bekämpfen, wo immer dies ohne unmittelbare Gefahr für die USA möglich war.
Curtis' These basiert darauf, dass nach dem Ende des kalten Krieges keinerlei Beweise dafür gefunden worden seien, was im Westen, zuletzt vor allem von den Neocons, behauptet worden war: Dass eine sowjetische Invasion jederzeit möglich sei und konkret für den Moment geplant werde, in dem sich der Westen Blößen gibt. Der 11. September 2001, so die These, erlaubte es den Neokonservativen, ein nach bewährtem Muster bereits im Aufbau befindliches neues mythisches Feindbild weltweit verbindlich zu machen.
Die islamischen Extremisten, einst in Afghanistan erstmals ungewöhnlich einig gegen die Sowjetunion - für sie wie für den US-Präsidenten Reagan das «Reich des Bösen» - sind darauf nur zu gern eingegangen. Ihre satanische Feindesmacht heißt heute USA, die Mission bleibt dieselbe. Beiden, den Wortführern des Neokonservatismus und den Propagandisten des islamischen Extremismus, dient die Dämonisierung des Feindes der Festigung der eigenen Machtbasis. In gewisser Weise, so Curtis, arbeiten die Neokonservativen und die Islamisten daher noch immer zusammen: «Sie fördern die Phantasie vom Krieg gegen den Terror.» (nz)

