Journalisten und Blogger sind keine Konkurrenz
13. Okt 2004 07:41
 | Jeff Jarvis | Foto: buzzmachine.com |
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Weblogs sind das Beste was dem Journalismus seit seiner Erfindung passiert ist – nur wollen das die meisten Journalisten nicht zugeben.
Von Jeff JarvisDan Rather, der Chefsprecher des amerikanischen Senders CBS, ist ein gutes Beispiel. Nur wenige Stunden nachdem ein Bericht über die Militärzeit von Präsident Bush gesendet wurde, der sich auf angeblich neu aufgetauchte Dokumente stützte, hatten Blogger diese Dokumente als plumpe Fälschungen enttarnt. Rather beschwerte sich über einen «Gegenangriff» von «politischen Partisanen». Eigentlich hätte er sich bedanken sollen. Er hätte sehen müssen, dass Blogger bei der Wahrheitsfindung helfen können. Im Endeffekt soll Journalismus doch Wahrheiten liefern.
Blogger sind im Prinzip Bürger mit Druckpressen. Das gibt ihnen ihre neue Macht. Sie können, wie der Blogger Ken Layne sagt, «Fakten bis aufs Letzte auseinandernehmen».
Bessere Lokalberichterstattung
Und sie können berichten. Blogger haben Augenzeugenberichte und Fotos von Ereignissen aller Art gepostet. Seien es Brände sei es Politik, sie ermöglichen Zeitungen eine bessere Lokalberichterstattung.Am wichtigsten ist aber, dass diese Leute Journalisten mitteilen, wie die Bevölkerung denkt. Nachrichten werden so von einer Einbahnstraße zu einem konstruktiven Austausch mit den Lesern.
Zuhören
Kluge Journalisten werden Bloggern zuhören um zu erfahren was die Leser denken, und um Ideen für Storys zu bekommen. Kluge Blogger werden erkennen, dass Journalisten hart arbeiten und teilweise sogar ihr Leben riskieren um Nachrichten zu den Lesern zu bringen. Sie haben die Ressourcen, die Ausbildung, den Zugang und die professionellen Standards die nicht jeder haben kann. Blogger und Journalisten sind keine Konkurrenz – zumindest sollten sie nicht konkurrieren. Vielmehr haben sie unterschiedliche Ansätze, mit denen sie gemeinsam die Nachrichten besser machen können.Ich bin Journalist und Blogger. Durch Blogs haben sich mein Leben und meine Karriere grundlegend verändert. Ich habe jetzt mehr Respekt für das Wissen, das durch Pluralität und Demokratie entsteht. Ich habe sehr viel von anderen Bloggern auf der ganzen Welt gelernt. Vor einigen Jahren begann ich, deutsche Blogs zu lesen und zu verlinken. Dadurch entstanden Gespräche und Freundschaften, die sonst nie entstanden wären. Daraufhin stieß ich auf die unglaubliche Blog-Kultur im Iran und wurde im Gegenzug von den Pionieren der irakischen Blogs entdeckt, die jetzt in der Nationalversammlung sitzen.
Auf den Nachrichtenseiten für Lokales, die ich betreue, versorgen uns Blogger mit Lokalnachrichten und neuen Ansätzen, die wir niemals hätten alleine zusammentragen können. Dadurch können wir sowohl unsere Berichterstattung als auch unseren Leserkreis erweitern. Auf diese Weise könnten Blogger den Journalismus sogar vor der ökonomischen Bedrohung sinkender Werbeeinnahmen retten.
Die Illusion der Objektivität
In den USA haben wir, stärker als in Europa, daran geglaubt, dass Berichterstattung objektiv sein solle. Die Blogger lehren uns nun wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich dieses Ideal zu erreichen ist – und vielleicht ist es auch gar nicht so erstrebenswert. Der Sender Fox hat mit seinen Nachrichtensendungen die höchsten Einschaltquoten, weil er einen Standpunkt hat. Am anderen Ende der politischen Skala gewinnt die Londoner Zeitung «Guardian» mit ihrem Onlineangebot viele Leser aus den USA. Und Blogs sind so beliebt, weil sie den Standpunkt des Autors ins Zentrum rücken.Journalisten können von Bloggern lernen, dass es wahrscheinlich besser ist, den eigenen Standpunkt deutlich zu machen, wenn man einen hat und wenn er relevant sein könnte. Vorhandene Ansichten nicht zu äußern ist Lügen durch Weglassen.
Transpararenz
Nach den jüngsten Skandalen im amerikanischen Journalismus, wie etwa den erfundenen Geschichten von Jason Blair in der «New York Times», gab es Forderungen von Bloggern nach einer neuen «Kultur der Transparenz»: Wir müssen unsere Voreingenommenheiten und unsere Arbeitsabläufe offen legen, inklusive der schockierenden Nachricht, dass auch Reporter und Redakteure Menschen sind und Fehler machen können.Auf einem Treffen der führenden amerikanischen Journalisten sagte ich zu diesem Thema: «Diese Kultur der Transparenz verlangt von uns offen zu sein. Und haben wir nicht genau das schon immer von denen, über die wir schrieben verlangt? Wir haben doch Politiker und Geschäftsleuten über die wir berichteten aufgefordert, offen und ehrlich zu sein. Jetzt ist es an uns, unsere Arbeitsabläufe und unsere vorgefassten Meinungen zu enthüllen. Wir müssen uns an der Diskussion beteiligen, wir müssen an der Gesellschaft teilnehmen, wir müssen transparent sein.»
Das Prinzip Open Source
Ich glaube diese Entwicklung ist ein Nebenprodukt der Open-Source Revolution in der Computertechnik. Die Grundidee der Open-Source Bewegung besagt, wenn man das eigene Wissen uneingeschränkt mit Anderen teilt, kann man ein Produkt gemeinsam verbessern. Egal ob es sich um ein Computerprogramm, Nachrichten oder Demokratie handelt.(Mich würde interessieren, ob Weblogs einen Einfluss auf Deutsche und Europäische Nachrichten haben. Wenn sie darüber etwas wissen, schreiben sie mir bitte eine E-Mail an: jeff@buzzmachine.com)
Jeff Jarvis ist einer der bekanntesten Blogger in den USA. Er arbeitete außerdem für verschiedene Verlage als Journalist.