Pleitgen: «Den Deutschen keine US-Verhältnisse im TV zumuten!»
Er spricht sich weiter für die Überprüfung der Form, in der Interviews unmittelbar nach Sportwettkämpfen geführt werden, aus: Es sollten direkt nach dem Wettkampf keine «philosophischen Fragen» gestellt werden.
Den Antrag auf Erhöhung der Rundfunkgebühren nennt Pleitgen «sehr behutsam». Die politischen Rahmenbedingungen, unter denen die öffentlich-rechtlichen Sender zu arbeiten hätten, bezeichnet er als «Planwirtschaft in spätzozialistischer Form».
Erstmals erläutert Pleitgen ausführlich die bevorstehende Struktrreform im WDR, die vermutlich gravierende Auswirkungen auf die Arbeitsweise der Mitarbeiter haben wird.
Netzeitung: Das sogenannte «Caroline»-Urteil hat viel Staub aufgewirbelt. Ist dadurch die Pressefreiheit eingeschränkt, wie von einer Medien-Allianz angeprangert?
Pleitgen: Mein journalistisches Herz gehört weder der Art des Journalismus wie ihn die Paparazzi praktizieren, noch der «verletzten» Caroline. Grundsätzlich bin ich aber immer sensibilisiert, wenn Medien in ihrer Berichterstattung eingeschränkt werden. Natürlich müssen wir stets den Anfängen wehren. Bisher waren wir beim Bundesverfassungsgericht in guten Händen. Ob die neue Linie des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte uns hier mit der gleichen Präzision weiterhilft, muss sich erst noch erweisen. Prekär empfinde ich den kürzlich verabschiedeten neuen Paragrafen 201a im Strafgesetzbuch, der - ohne darauf abzuzielen - letztlich auch investigativen Journalismus treffen kann.
Netzeitung: Medienkampagnen sind im Moment ja sehr in Mode, etwa bei der Rechtschreibreform...
Pleitgen: Vor der Reform war ich in der Rechtschreibung bombensicher, jetzt bin ich verunsichert. Vieles was die Reform will ist gut, anderes ist unsinnig. Ich gehöre aber nicht zu denen, die mit voller Kraft zurück wollen. Aber die Verantwortlichen sollten nachdenken, welche Veränderungen tatsächlich sinnvoll sind. Wenn der massive Protest dazu beigetragen hat, dann war er nützlich.
Netzeitung: Wie finden Sie die hohe Konjunktur der Kampagnen generell?
Pleitgen: Mir widerstrebt es, wenn sich Mächtige - ob in Politik, Gesellschaft oder Medien - zusammentun und sagen: «Jetzt bringen wir die Republik auf den Weg, auf dem wir sie haben wollen. Der Rest muss folgen.»
Netzeitung: Eine kleine Kampagne hat es ja auch gegen ARD und ZDF im Hinblick auf die Olympia-Berichterstattung gegeben. War diese wirklich so schlecht, wie die Kritik sie sah?
Pleitgen: Das war ein klassisches Beispiel für diesen neuen PC-Journalismus: Einer schreibt vom anderen ab und keiner macht sich die Mühe der eigenen Recherche. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Medienseiten der Zeitungen vom Publikum nur wenig wahrgenommen werden ich habe selten einen Normalbürger getroffen, der diese Seiten liest. Also drücken die Medienjournalisten besonders fest auf die Tube, um Eindruck zu machen. Was gibt es Schöneres als TV-Bashing?
Netzeitung: Wie fanden Sie die Olympiaberichterstattung tatsächlich?
Pleitgen: Wir haben insgesamt eine sehr gute Berichterstattung abgeliefert. Das ist auch an der Reaktion des Publikums und an den Quoten abzulesen. Ich konnte mich in Athen selbst davon überzeugen, was unsere Leute geleistet haben. Und der Vergleich zeigt es: NBC allein war mit 2500 Leute da, ARD und ZDF zusammen mit 530 und wir haben erheblich mehr Programmminuten geliefert. Meine Anerkennung bezieht das ganze Team ein, mit den exzellenten Präsentatoren Monica Lierhaus und Michael Antwerpes
Netzeitung: Also alles perfekt?
Pleitgen: Es gibt immer etwas zu verbessern. Wir werden überprüfen, ob es sinnvoll ist, die Athletinnen und Athleten unmittelbar nach dem Wettkampf zu befragen. Sie befinden sich dann in einem Ausnahmezustand, in dem sie schwerlich tiefgehende Stellungnahmen zu «philosophischen» Fragen abgeben können. Außerdem sollten wir unser Fragepotenzial überprüfen, zum Beispiel nach dem «Wie» statt nach dem «Warum» fragen. Die Analyse kann nicht unmittelbar nach einem Wettbewerb erfolgen. Wir haben es mit Menschen und nicht mit Computern zu tun. Darauf müssen wir achten.
Netzeitung: Und der Vorwurf, man habe Athleten hochgelobt und nach der Niederlage fallen lassen?
Pleitgen: Ich weiß nicht, wen der Bundeskanzler gemeint hat, als er sagte, er habe sich über die Berichterstattung «geärgert». Tatsache ist, dass das Hochloben von Sportlerinnen und Sportlern durch einige Printmedien erfolgt ist. Die Athletinnen und Athleten wurden nicht im Fernsehen zu Göttinnen und Göttern ausgerufen. Tatsache ist aber auch, dass das deutsche Team nicht nur in der Leichtathletik und im Schwimmen hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Dies ist an Ort und Stelle angemerkt worden und das ist auch unsere Aufgabe als Rundfunkjournalisten. Schließlich hängt die ganze Frage der Sportförderung daran, warum bestimmte Sportler zu Hause bleiben mussten und andere mitfahren durften.
Netzeitung: Kritisiert wird auch das kommerzielle Engagement von öffentlich-rechtlichen Journalisten als Werbeträger für große Firmen. Sollte man strenger sein?
Pleitgen: Es gibt Fälle von Sinnestäuschung. Bei der Tour de France wurde unserem Reporter Hagen Boßdorf vorgeworfen, einen deutschen Fahrer des «Verrats» bezichtigt zu haben. Im Auftrag seines dänischen Rennstalls CSC hatte Jens Voigt das Verfolger-Feld wieder an den führenden Jan Ullrich herangeführt. Boßdorf hat diese normale sportliche Situation völlig korrekt und fair kommentiert. Für Jens Voigt ist dieser Vorgang inzwischen auch geklärt. Hagen Boßdorf hat seinerseits nach der Tour Nebentätigkeiten aufgegeben, die zu Missverständnissen führen könnten. Im übrigen haben wir strenge Richtlinien, an die wir uns auch halten. Ein Moderator darf nicht in den Geruch kommen, in Konflikt mit seinen Aufgaben zu geraten. Die Objektivität der Berichterstattung darf nicht in Frage stehen, ebenso wenig der Arbeitseinsatz für den Sender.
Netzeitung: Klar ist aber auch, dass die Öffentlich-Rechtlichen gerade wegen der Gebühren besonders genau beobachtet werden. Und wenn eine Erhöhung der Gebühren beantragt wird, dann ist die Öffentlichkeit eben besonders sensibel...
Pleitgen: Unsere Bedarfs-Anmeldung ist sehr behutsam. Sie wurde von der unabhängigen KEF kritisch geprüft. Die von dieser Kommission vorgeschlagene Gebührenerhöhung um 1,09 Cent für ARD und ZDF gleicht lediglich den Preisanstieg aus. Mit dem Geld machen wir Programm und stopfen uns nicht die Taschen voll. Bei den Besserverdienern sind ohnehin die Gehälter längst eingefroren. In der Altersversorgung sind schon lange deutliche Einschnitte vorgenommen worden.
Netzeitung: Wie sehen Sie denn die Chancen für eine Erhöhung?
Pleitgen: Wir haben unsere Schulaufgaben gemacht. Gebühren- und Strukturdiskussion müssen allerdings strikt getrennt geführt werden. Mit unserer Selbstbindungserklärung zu Personal, Online und Marketing gehen wir ebenfalls sehr weit. Unsere Reformen werden mittelfristig gebührensenkende Wirkung haben. In Leitlinien zum Programm haben wir außerdem dargestellt, was in den Bereichen Information, Kultur und Bildung geleistet wird. Manches, was von uns verlangt wird, nimmt allmählich den Charakter von Planwirtschaft an, in nahezu spätsozialistischer Form.
Netzeitung: Was geschieht, wenn die Erhöhung nicht kommt?
Pleitgen: Das werde ich Ihnen nicht sagen. Ich bin überdies als Rheinländer zu Zuversicht verpflichtet. Im übrigen setze ich auf die Weisheit der Ministerpräsidenten. Es geht um mehr als nur die Gebührenerhöhung. Es geht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland und die Frage, ob dieser erstklassig bleiben soll. Das ist er bis jetzt im weltweiten Vergleich. Es hat sicher niemand ernsthaft ein Interesse daran, den Rundfunk zu beschädigen.
Netzeitung: Was unterscheidet den deutschen Rundfunk von dem in anderen Ländern?
Pleitgen: Ich möchte den Deutschen keine amerikanischen Verhältnisse zumuten. Das US-Fernsehen hat vor dem Irak-Krieg seine Verantwortung nicht wahrgenommen. Statt dem Publikum ein objektives Bild von der wahren Lage zu geben, hat es sich in «patriotischer» Weise in den Dienst der Regierung und ihrer Politik gestellt. Dies wirkt sich nun nachteilig für das Ansehen der USA in der Welt aus.
Netzeitung: Ähnliches ist für Deutschland nicht vorstellbar?
Pleitgen: Für das deutsche Fernsehen kann ich solche Fehlentwicklungen ausschließen. Wir werden unabhängig von dem, was die politische Führung will, immer einen kühlen Kopf bewahren. Unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung umfassend und wirklichkeitsgetreu zu informieren, damit sie zu einem abgewogenen Urteil kommen kann.
Netzeitung: Neben der Gebührenerhöhung haben Sie außerdem eine Strukturreform auf der Agenda. Was soll die bringen?
Pleitgen: Der WDR bringt die größte Strukturreform in seiner Geschichte auf den Weg. Unsere Gremien werden sich in den kommenden Wochen damit befassen. Dabei werden Technik und Produktion zu einer neuen Direktion zusammengeführt. Davon sind fast die Hälfte des Betriebes betroffen, rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit dieser Maßnahme wollen wir Synergien schaffen und Ressourcen gewinnen. Mögliche Doppelstrukturen bauen wir ab. Außerdem wollen wir unsere IT-Welt für den gesamten Betrieb neu ordnen sowie Bi- und Trimedialität fördern.
Netzeitung: Was heißt das?
Pleitgen: Die Redakteure sollen technische Mittel von Hörfunk, Fernsehen und auch des Internet selbst handhaben können. Ich möchte niemandem zu seinem Glück zwingen. Aber als Journalist und Reporter habe ich es immer als bereichernd empfunden, selbst zu wissen, wie eine bestimmte Technik zu bedienen ist. In unseren NRW-Studios werden wir neue Formen der Zusammenarbeit einführen, in Siegen ein Muster-Studio für bi- und trimediales Arbeiten einrichten.
Netzeitung: Sie können auch sparen, indem Sie die Rechte mit Privatsendern teilen, etwa im Sportbereich. Wie steht es da beim Streit um die Olympiarechte?
Pleitgen: Wir sind bereit, umfangreich Sublizenzen zu erteilen und zwar für Fernsehen und Multimedia. Es ist ein Verfahren in Arbeit, wie wir Interessenten auf diese Möglichkeit aufmerksam machen können. Dabei sollen Angebote auch im Internet abrufbar sein. Es werden die parallele Ausstrahlung, Live- und zeitversetzte Berichte sowie Zusammenfassungen möglich sein. Das IOC wird allerdings keine Aufsplitterung des olympischen Angebots zulassen. Die Senderechte für einzelne Kern-Sportarten dürfen wir nicht exklusiv an Dritte weitergeben.
Netzeitung: Aber ist das dann für Privatsender noch interessant?
Pleitgen: Jeder, der daran wirklich interessiert ist, wird ein interessantes Paket erwerben können. Sie werden sehen: Wenn sich der Pulverdampf gelegt hat, werden sich die Fachleute zusammensetzen und zu Ergebnissen kommen.
Mit Fritz Pleitgen sprach Michael Maier.

