Auf der Spur des Windenergie-Gegners Aust
Von Martin Niggeschmidt
Das Gerücht, Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust wisse journalistische und persönliche Anliegen nicht immer sauber zu trennen, wurde nie so konkret, dass er es hätte dementieren müssen. Nur das Szeneblatt Klönschnack näherte sich im Mai 2000 ganz unbedarft einem neuralgischen Punkt. Hamburgs Stadtväter hatten sich damals entschlossen, ein Süßwasserwatt der Elbe dem Platzbedarf des Airbus-Konzerns zu opfern. Was er denn als «gegenüberliegender Anwohner» des Mühlenberger Lochs davon halte, fragten die Klönschnack-Redakteure den Spiegel-Chef. Und ob seine persönliche kritische Position auch die Position des Spiegel sei. Austs listige Antwort: «Das wäre vermessen zu behaupten. Redakteuren, die recherchieren und zu bestimmten Ergebnissen kommen, werde ich nicht meine private Position vorschreiben. Ich gehe davon aus, wenn intelligente Menschen recherchieren und logisch denken, kommen sie zu ähnlichen Ergebnissen.»
Und da waren sie wieder, die schlimmen Gerüchte: «Hat also Chefredakteur Aust, der beim Pferdezüchten im Elbeflachland bei Stade viele Windräder in der Nähe hat, sein Scharfmacher-Stück bekommen?» («Süddeutsche Zeitung», 31.3.04) «Angeblich, so wird kolportiert, sei der Artikel nur deshalb so windkraft-kritisch ausgefallen, weil Aust persönliche Aversionen gegen Windräder habe.» («Berliner Zeitung», 6.4.04) «Nicht wenige vermuten, der Windjammer im Spiegel gehe lediglich darauf zurück, dass sein Chefredateur die im Blickfeld seines Reitstalls im hamburgischen Umland stehenden Windkraftanlagen persönlich für unerträglich hält und sein Magazin für einen neofeudalen Privatkrieg instrumentalisiert.» («taz», 13.4.04)
Am 23. März zog die Gemeinde Armstorf ihren Antrag für den Windpark zurück - in erster Linie, weil die Anlagen den Flugbetrieb eines benachbarten Segelflugplatzes gefährdet hätten. Doch der Verpächter des Flugplatzgeländes läßt den Nutzungsvertrag Ende des Jahres auslaufen, und die Hobbyflieger sind auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Das Schreckgespenst Windpark Armstorf könnte also wieder auferstehen.
Stefan Austs Anwesen und das Haus seiner Schwester bilden ein Dreieck mit Gut Haneworth, das Heinz Gresens gehört, dem Initiator der Bürgerinitiative. In der Mitte dieses Dreiecks liegt die Fläche, auf der sich schon bald die Rotoren des Windparks Lamstedt-Mittelstenahe drehen sollen (siehe Karte). Von der Bürgerinitiative hat sich Aust stets ferngehalten. Er begleitete seine Schwester nicht auf die Gründungsversammlung von «Gegenwind Lamstedt» auf Gut Haneworth, und er leistete - obwohl er darum gebeten wurde - keine Unterschriften. Dass er den Gutsbesitzer und Bürgerinitiativen-Gründer Gresens kennt, bestreitet er nicht. Gresens selbst sagte dem Sonntagsjournal der «Nordsee-Zeitung» (11.4.04): «Uns verbindet die Pferdezucht. In Bezug auf den Windpark aber habe ich mir höchstens mal Tipps von Stefan Aust geben lassen, wie man dagegen vorgehen könnte. Dabei ist es auch geblieben. Alles andere ist konstruiert.»
Die Mandatsträger der dünn besiedelten Gemeinde im Kerngebiet der Hannoveranerzucht haben derzeit dünne Nerven. Wie bereits in anderen deutschen Pferdezuchtgebieten formiert sich nun auch hier öffentlicher Widerstand gegen die Windenergie. «Was da läuft, ist eine Kampagne», klagt Bürgermeister Werner Otten. Und Thomas Müller, der in der Gegend als einer der ersten Windräder aufstellte, fügt hinzu: «Die Pferdeleute haben gute Pressekontakte. In der 'Bild'-Zeitung ist von Windkraft-Mafia die Rede. Im Fernsehen wird unser Bürgermeister als korrupt vorverurteilt, und unser Lokalblatt schreibt, es gehe um Krieg oder Frieden. Wie sollen wir hier eigentlich weiter zusammenleben, wenn die Medien alle gegeneinander aufbringen?»
Dass es in der Nähe seines Reiterhofs überhaupt Windkraft-Projekte gibt, ist Aust anfangs gar nicht erinnerlich. Als es ihm wieder einfällt, sagt er über die Windkraft-Recherchen des «Spiegel»: «Ich habe den Redakteuren sogar gesagt: Macht einen großen Bogen um Lamstedt.»
Der Spiegel-Flurfunk verbreitet eine andere Variante: Aust soll persönlich mit den Unterlagen der Bürgerinitiative in der Hand zu einem seiner Redakteure gegangen sein und ihm den Auftrag erteilt haben, die Lamstedt-Passage einzufügen. Ob das den Tatsachen entspricht, ist nicht feststellbar. Die namentlich genannten Autoren der Story wollen oder können dazu nichts sagen.
Fest steht: Der «Spiegel» machte keinen großen Bogen um Lamstedt.
Immerhin: «Ich habe dafür gesorgt, dass Lamstedt nicht benannt wird, dass der Name nicht auftaucht», sagt Aust.
Hätte man den Namen nicht nennen müssen? Warum diese Verschleierungstaktik? «Wenn der Ortsname Lamstedt genannt worden wäre, hätten Sie gesagt: Aust will den Windpark in seiner Umgebung verhindern. Und weil wir Lamstedt nicht genannt haben, sagen Sie: Aust versucht, seine eigenen Interessen zu tarnen. Wie man's macht, ist es offenbar falsch.»
Windparks halte er für eine grenzenlose Geldverschwendung, so Aust weiter. «Wenn Sie sich mal die Zahlen anschauen, dann werden Sie feststellen, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis zueinander stehen. Offenbar sind die Windkraft-Befürworter so ideologisch festgelegt, dass sie die Realitäten nicht wahrnehmen wollen und bei kritischen Berichten Verschwörungen wittern.»
Dass auch Windkraft-Gegnern nicht alle Realitäten ins Konzept passen, beweist eine TNS Infratest-Umfrage, die im Auftrag des «Spiegel» am 30.3./1.4.2004 durchgeführt, aber niemals veröffentlicht wurde. Demnach befürworten alle Gesellschaftsgruppen, ob Ost oder West, ob Jung oder Alt, ob männlich oder weiblich, ob mit Gymnasial- oder Hauptschulabschluss den weiteren Ausbau der Windenergie in der Bundesrepublik. Insgesamt sind 62 Prozent der Befragten dafür, 33 Prozent dagegen.
Diese Daten waren für die wöchentlich erscheinende Rubrik «Nachgefragt» erhoben worden. Doch obwohl der «Spiegel» in der Woche zuvor mit seinem Windkraft-Titel viel Aufsehen erregt hatte, verschwanden die Ergebnisse in der Schublade. Stattdessen erschien in der Ausgabe 15/2004 ein Stimmungsbild zur Frage «Rentner ohne Lobby».
Weiter lässt sich dem Artikel entnehmen, dass seine Familie seit nunmehr drei Jahrzehnten auf dem Anwesen bei Lamstedt lebe. «Zunächst hatten die Eltern es gepachtet, seit sieben Jahren ist es im Besitz der Austs. Seitdem wird kräftig investiert und renoviert. Zunächst das Wohnhaus, dann wurde ein neuer Pferdestall mit allen Schikanen gebaut und nun wird bald die Reithalle fertiggestellt sein.»
Aust sei ein erfolgreicher Pferdezüchter und guter Reitsportler, sagt Heidtmann. «Wir hatten ihn gebeten, uns beim Dobrock-Turnier zu unterstützen, über seine Zusage haben wir uns sehr gefreut.» Auf dem volkstümlichen Turnier, das einmal im Jahr unweit der Börde Lamstedt stattfindet, war Aust vor langer Zeit selbst als Reiter gestartet. Im vergangenen Jahr stieß der «Spiegel»-Chef zum Beraterteam und verschaffte der Veranstaltung zusammen mit Reiter-Legende Paul Schockemöhle als neuem Schirmherren ungewohnten Glanz.
«Ich habe überlegt, was ich beitragen kann», ließ sich Aust in der «Niederelbe-Zeitung» zitierten (6.8.2003). Er beteiligte sich zeitweise an der Moderation und sorgte dafür, dass der zur Spiegel-Familie gehörende Sender XXP am 17. August 2003 exklusiv eine 75 minütige Reportage über das Turnier ausstrahlte. Außerdem findet sich sein Name auf der Liste der Sponsoren.
Dass als Hauptsponsor ausgerechnet EADS-Airbus auftrat (Motto: «Überflieger trifft Überflieger») und Aust sich Seite an Seite mit EADS-Kommunikationsdirektor Christian Poppe beim Sprung über eine Reiterhürde fotografieren ließ, irritierte vor allem die Bürgerinitiativen gegen die Airbus-Erweiterung im Mühlenberger Loch, die den «Spiegel» bis dahin als verlässlichen Mitstreiter an ihrer Seite wähnten.
«Tatsächlich ist die kritische Berichterstattung über die Airbus-Erweiterung seit Mitte des vergangenen Jahres abgebrochen», sagt Andreas Tjaden, Sprecher des Schutzbündnisses für Hamburgs Elbregion. «Wir wissen, dass kritische Artikel im Spiegel geblockt wurden. Und wir haben den Eindruck, dass dies mit dem Dobrock-Turnier zu tun haben könnte.»
Und Aust? «Ich wohne weder in der Einflugschneise noch sehe ich von meinem Fester in Blankenese aus auf das Mühlenberger Loch», sagt er. Wahrscheinlich nur eine sprachliche Ungenauigkeit: Eine Ortsbegehung zeigt, dass der «Spiegel»-Chef von seinem Hauptwohnsitz aus sehr wohl aufs Mühlenberger Loch sieht - allerdings nicht auf die Baustelle.
Die Airbus-Erweiterungsfläche - es handelt sich etwa um ein Fünftel des Mühlenberger Lochs - ist mittlerweile zugeschüttet. Die Stadt hat vollendete Tatsachen geschaffen, an denen auch der «Spiegel» nicht vorbeikommt. In der Ausgabe 20/2004 vom 10. April erschien wieder ein größerer Artikel zum Thema, an dem keiner der bislang mit Airbus befassten Autoren beteiligt war. Ein Jubelstück ist «Das Zehn-Millionen-Abenteuer» nicht geworden, aber ein ausgewogener Text, der Risiken und Chancen gleichermaßen beschreibt. Seinen Kampf gegen das Projekt hat der «Spiegel» offenbar aufgegeben.
Von den früheren Feindseligkeiten des Hamburger Magazins will Kommunikationsdirektor Poppe übrigens gar nichts mitbekommen haben. «Wir als Konzern wurden immer korrekt behandelt, über Airbus-Produkte ist nie entstellend berichtet worden. Im Kern richtete sich die Kritik des 'Spiegel' doch ohnehin eher gegen die Regionalpoltik. Das Gelände wird von der Stadt bereitgestellt, wir pachten es nur.»
Und der sonntägliche Ausritt? Sollte der noch nie Inspiration für eine «Spiegel»-Geschichte gewesen sein?
Dazu eine letzte Anekdote: In der «Spiegel»-Ausgabe 34/1997 erschien ein Artikel über den Waldbesitzer Gebhard von der Wense, der sein Gebiet wegen der von Pferden angericheten Schäden für Reiter gesperrt hatte. Von der Wense kommt schlecht weg in diesem Artikel: Er sei «grimmig wie Räuber Hotzenplotz» - ein moderner «Raubritter», dem es einfach nur ums Geld gehe.
Als Kronzeuge gegen den Waldbesitzer führte der «Spiegel» den damaligen Bürgermeister der Wingst-Gemeinde an: «Reine Schikane!», schimpfte Klaus Föge. «Was für ein Affenzirkus», und «von der Wense möge bitte endlich Vernunft annehmen». Föge ist auch bekannt als «Mister Dobrock» - er war vier Jahrzehnte lang der Turnierchef.
Von der Wense jedenfalls findet, seine Interessen seien im «Spiegel» nicht ausreichend zum Ausdruck gekommen. Mittlerweile sei der Konflikt allerdings längst beigelegt. «Heute wird wieder geritten in meinen Wäldern, und die Reiter zahlen Nutzungsgebühr», sagt von der Wense. Ob auch Stefan Aust ab und zu in diesen Wäldern reite? Davon gehe er aus, sagt von der Wense. «Letztes und vorletztes Jahr jedenfalls hat er bei mir Vignetten gekauft.»
Hat Aust jemals eine Geschichte aus eigener Betroffenheit in den Spiegel gebracht? «Nie», sagt er. «Aber ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Und ich werde bezahlt dafür, dass mir Dinge auffallen, die man journalistisch verwerten kann.»
Mitarbeit: Dirk Bliedtner

