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Die Mohns: «Viele in Gütersloh
haben sich bestätigt gesehen»

07. Apr 2004 13:59
Gütersloh hatte immer einen besonderen Blick auf den Bertelsmann-Konzern und die Familie Mohn an seiner Spitze. Thomas Schulers Buch über die Mohns diente in der Bertelsmann-Stadt dem Ausgleich zwischen Legende und Wirklichkeit, so ein Kenner der Szene im Gespräch mit der Netzeitung.

In seinem Bestseller «Die Mohns. Vom Provinzbuchhändler zum Weltkonzern. Die Familie hinter Bertelsmann» erzählt der Medienjournalist Thomas Schuler die Geschichte des Bertelsmann-Konzerns als Familiensaga. Schuler schildert darin erstmals auch die privaten Affären Reinhard Mohns, der den Konzern zum Global Player machte. Jahrelang führte der Konzernchef ein geheimes Doppelleben als zweifacher Familienvater, bis er seine erste Frau Magdalene verließ, um seine langjährige Geliebte Liz Mohn, die heute großen Einfluss auf die Konzernspitze hat, zu heiraten.

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Für Gütersloh sind die Erfolgsgeschichte des Hauses Bertelsmann wie auch die Familiengeschichte der Mohns Lokalgeschehen. «Diese Geschichten konnte nur ein Außenseiter wie Schuler in Buchform fassen», sagte der Gütersloher Lokalchef der «Neuen Westfälischen», Stefan Brams, der Netzeitung. Entsprechend groß war das Interesse an dem Buch in der westfälischen Stadt, deren Name durch den Konzern weltweit bekannt ist. Durch das Engagement eines Buchhändlers war es dort sogar einige Tage vor seinem offiziellen Erscheinen in den Verkauf gelangt. Die Netzeitung sprach mit Stefan Brams über die besondere Gütersloher Sicht auf Schulers Buch.

Netzeitung: Herr Brams, wie ist Thomas Schulers Buch über Bertelsmann und die Familie Mohn in Gütersloh aufgenommen worden? War es dort erfolgreicher als anderswo?

Stefan Brams: Das Buch ist mit sehr großem Interesse aufgenommen worden und mit großer Neugier, was denn nun drinsteht. Viele der Geschichten, die dann in der Tat von Herrn Schuler geschildert wurden, hatten in Gütersloh schon die Runde gemacht. Viele hatten nachschauen wollen, ob es so stimmt, wie man es gehört hatte. Ich kenne die Verkaufszahlen in anderen Städten nicht, aber es war in Gütersloh schon sehr erfolgreich. Die Buchhändler sagen, sie hätten in den ersten Wochen weit über tausend Exemplare hier verkauft.

Netzeitung: In vielen Rezensionen von Schulers Buch heißt es sinngemäß, er blicke hinter die Kulisse der heilen Provinz. Da wird mit dem Klischee der doppelten Kleinstadt-Moral und der unausgesprochenen Wahrheiten gespielt: Gab es vor Schuler in Gütersloh ein Bertelsmann-Tabu?

Brams: Die Geschichten kursierten hier, sie sind aber in dieser Stadt nicht aufgeschrieben worden. Das kommt sicher von der Nähe zueinander. Schuler ist er der erste, der sie Schwarz auf Weiß geliefert hat.

Netzeitung: Es stimmt also, was Schuler sagt: Dass ein Insider oder ein Gütersloher diese Geschichte nicht hätte schreiben können?

Brams: Diese Geschichte konnte jemand von außen besser schreiben als jemand direkt aus der Nähe.

Netzeitung: Vor Erscheinen des Buches hat Liz Mohn Lokaljournalisten zu sich gebeten, um es – ungelesen, wie sie sagte – zu kritisieren. Bestellt sie öfter die Presse in eigener Sache ein?

Brams: Nein, ein Einbestellen der Presse gibt es nicht in Gütersloh. Wir werden ganz normal von Frau Mohn in ihrer Eigenschaft etwa als Präsidentin der Schlaganfall-Stifung eingeladen zu Pressekonferenzen, wie das anderswo auch üblich ist, genauso wie der Konzern uns einlädt oder die Bertelsmann-Stiftung. An diesem Fall war besonders, dass wir zu ihr nach Hause eingeladen wurden. Wenn man nach Hause einlädt und nicht ins Büro oder ins Casino des Bertelsmann-Konzerns, wo man sich sonst trifft, hat es eine besondere Aura. Ich denke, darüber wurde auch noch einmal die Nähe demonstriert, die man hier vor Ort zueinander hat. Uns wurde ein zitierfähiger Satz ausgehändigt, ansonsten war es ein Hintergrundgespräch, das zur Veröffentlichung frei war. Man durfte darüber schreiben, aber nur in indirekten Zitaten – das war in der Tat etwas widersprüchlich.

Netzeitung: War die Stimmung besonders emotional?

Brams: Sie wirkte nicht besonders aufgeregt, es war wie immer.

Netzeitung: Herrscht über den Umstand, dass die schon länger bekannten Geschichten über die Familie nun öffentlich sind, in Gütersloh Betroffenheit oder Schadenfreude?

Brams: Nein. Man hat es zur Kenntnis genommen, und viele haben sich bestätigt gesehen. Bei Herrn Schulers Lesung haben einige kritisiert, dass er sich im Buch so sehr auf das Privatleben der Mohns konzentriert. Das hält sich in der Bewertung die Waage. Insgesamt würde ich sagen, dass die Leute sich darin bestätigt sehen, dass es bei den Mohns so normal ist, wie man schon immer gedacht hatte. In diesem Bewusstsein ist man nun wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Netzeitung: Was heißt das für den besonderen moralischen Anspruch des Konzerns und der Familie, der bislang durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit sehr stabil war in der Außenwirkung?

Brams: Ich glaube, dass man hier immer zwei Bilder hatte. Das eine ist das äußere Bild, das andere ist das, was man aus eigenem Wissen und durch Kontakte mit Mitarbeitern des Konzerns gewonnen hat. Offenkundig nähert sich das jetzt an.

Mit Stefan Brams sprach Joachim Widmann.

 
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