«Cicero» macht Ernst
23. Mrz 2004 16:38
 | Cover Cicero | Foto: Cicero |
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«Cicero» versucht, das Format der Intellektuellen-Zeitschrift wieder in Deutschland zu etablieren, und will auf Ironie verzichten.
Von Joachim Widmann«Big Brother» wäre nichts, wenn sich Menschen nicht für Menschen interessieren würden. Nur muss man immerzu so verdammt nah heran gehen? Die Grenzen zwischen Journalismus und Voyeurismus verwischen, wo Journalisten die Ich-Form wagen und sich und andere nicht nur zeigen, sondern oft und gern auch bloß legen. Das neue «Magazin für politische Kultur» mit dem Zizero zu sprechenden Titel «Cicero» zeigt sich ernsthaft-distanziert. Und Chefredakteur Wolfram Weimer gibt dem ersten Heft in seinem Editorial am Schluss der 146 Seiten die Verfassung: Jenseits der Ironie. Womit die modische Ironie der Flucht in die Nabelschau und in den fein dosierten Zynismus gemeint ist.
Tatsächlich gibt es in dem diesen Donnerstag erscheinenden Heft zwei auffällige ironische Elemente. Das eine ist die Fotografie Jim Raketes, unter anderem mit einem von unten geschnittenen Porträt des Kanzlers in monumentaler Kantigkeit und einer ganz ungespannt und liebenswürdig lächelnden Angela Merkel. Das zweite ist die Forderung Klaus Harpprechts, den Leitartikel zu vergessen. Mit kämpferischem Ausrufezeichen! Das ist erstaunlich in einer Zeitschrift, die vor allem anderen das Format des Leitartikels pflegt. So viele unverkrampft-kluge Meinungsstücke von klugen Autoren über interessante Menschen und Vorgänge findet man selten auf so wenigen Seiten versammelt.
Legendäres Format
Der Anspruch ist erklärtermaßen hoch. Eine Rubrik heißt gar «Weltbühne». «Cicero» ( monatlich, Startauflage 120.000, Ringier Publishing, 7 Euro) frischt das legendäre Format der deutschen Intellektuellen-Zeitschrift mit einer Prise «New Yorker» auf und hofft so, in eine Marktlücke zu stoßen. Die Erstausgabe wirbt für sich mit einer Reihe bekannter Namen (Arthur Miller! Hellmuth Karasek! Gesine Schwan! ...) und übt eine erfreuliche typographische Zurückhaltung, die neben anderen, eher experimentell gestalteten Neuerscheinungen der endenden Pressekrise geradezu provozierend wirkt. Natürlich bedient auch «Cicero» Leserbedürfnisse und beschäftigt sich überwiegend mit Menschen. Leitartikelhaft zumeist, auch im Interview (Horst Köhler, Gerhard Schröder, Jörg Immendorff ...). Das ganze atmet jene Solidität, die die meisten Journalisten pflegten, bevor der inzwischen auch schon angejahrte Pop-Journalismus seinen Siegeszug in der Publikumspresse antrat und die Distanz aufhob. Falls jedoch mit der Erinnerung an den «New Yorker» ein Ziel vorgegeben werden sollte, so mangelt es an Stories, investigativen Artikeln von hoher Originalität und Biss, wie sie das US-Magazin auszeichnen. Es gab sie auch schon in der «Weltbühne». Es gibt sie in der «Zeit».
Leser mit Abstraktionsvermögen
Ob «Cicero» genug Leser findet, muss sich erweisen. Es sind idealerweise solche, die sich als echte Liberale (mit der heutigen FDP hat das wenig zu tun) für Europa als Rechtegemeinschaft, nicht als Werteverbund begeistern können, wie es Robert Spaemann in einem Essay im Heft nahe legt: Thomas-Mann-Leser mit Abstraktionsvermögen, die es recht verstehen, das «Pathos der Distanz» der bürgerlichen Ironie als Lebensform zu pflegen. Sie könnten an einigen Stellen durchaus mehr Nähe vertragen. Es muss ja nicht gleich «Big Brother» sein.