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Bertelsmann: 

Buddenbrooks in Gütersloh

22. Mrz 2004 12:02
Die Geschichte der Familie Mohn wirft Licht und Schatten auf den Medienkonzern Bertelsmann.

Muss man sich für Reinhard und Liz Mohn interessieren? Muss man wissen, dass Herr Mohn schon während seiner ersten Ehe andauernd Affären mit Mitarbeiterinnen gehabt hat? Muss man wissen, wie Liz Mohn mit ihrer Liebe Reinhards Herz und damit auch nachhaltig seinen Geldbeutel geöffnet hat? Man muss natürlich nicht, aber leider: So ist das Leben - das Allzumenschliche zieht uns hinan, auch als Leser der großen Bertelsmann-Story, die Thomas Schuler jetzt vorgelegt hat.

Und Schuler ist ein Meister der Kolportage: Man liest das Buch einfach gerne, es ist süffig geschrieben von vorne bis hinten. Als «unautorisierte» Biografie hat das Buch den Vorteil, auf keine Bertelsmann-Bedenken Rücksicht zu nehmen. Das Buch ist sehr gut recherchiert und fast ohne Vorurteile geschrieben. Schuler zeigt, dass die Mohns tüchtig und erfindungsreich waren. Manches ist eher für Insider geschrieben, anderes dagegen wirklich wichtig.

So vor allem das Thema: «Hitler und die Folgen». Bertelsmann hat mit den nationalsozialistischen Verbrechern gute Geschäftsbeziehungen unterhalten, sich aber von der Politik ferngehalten. Die Mohns gewährten der Hitler-Jugend einen Versammlungsraum, bereicherten sich jedoch nicht an jüdischem Vermögen. Sie verlegten üblen Blut-und-Boden-Schund, bewahrten sich jedoch ihren evangelischen Glauben. Kurz: Bertelsmann erwies sich in der Zeit des Nationalsozialismus als Hort der Doppelmoral. Man kann ihnen das nicht vorwerfen, die Zeiten waren hart, jeder musste sehen, wo er bleibt.

Schuler berichtet betont distanziert über Reinhard Mohns Wehrdienstzeit, um nicht in den Verdacht der Nazi-Jägerei zu kommen. Aber eigentlich muss man schon fragen: Ja ist denn niemand in Gütersloh auf die Idee gekommen, dass die Entrechtung, Verschleppung und Ermordung von Millionen Juden ein wenig Widerspruch gerechtfertigt hätte? Warum ist denn keinem der frommen Tischgebetssprecher jemals eingefallen, dass die religiösen Bücher, die die Ahnen verlegt hatten, etwas mit dem eigenen Leben und der eigenen Haltung zu tun haben könnten? Gut, zwei Kinder sind der NSDAP beigetreten – das ist auch ein Statement. Aber was in aller Welt hat der alte Heinrich Mohn eigentlich gedacht über die Barbarei? Wir konnte der pietistische Schöngeist förderndes Mitglied der SS sein? Hielt er die Burschen für in die Jahre gekommene Pfadfinder – und stellte dann das Denken ab?

Nach dem Krieg hat der alte Mohn mit Wissen von Reinhard Mohn Dokumente gefälscht, um die Lizenz zum Drucken zu erhalten. Die Mohns haben alles getan, um den Betrieb wieder in Gang zu setzen. Sie haben ihre Rolle im Dritten Reich sehr clever heruntergespielt – auch das ist ihnen nicht vorzuwerfen.

Um nach dem Krieg wieder arbeiten zu können, wurde die Legende von Bertelsmann als Hort des Widerstandes in die Welt gesetzt. Diese hielt sich lange, bis in die neunziger Jahre. Dann fiel das Kartenhaus in sich zusammen und Bertelsmann vor der jüdischen Welt auf den Boden: Zerknirscht gratulierte man der eignen Historikerkommission und verzichtete darauf, den Bericht zur Gänze ins Englische zu übersetzen.

Wirklich traurig wird das Buch, wenn es um Reinhard Mohns erste Frau Magdalene und um die Kinder geht. Hier zeigt Schuler sehr einfühlsam, in der Sache jedoch unerbittlich: Die Doppelmoral als Prinzip belastet Bertelsmann bis zum heutigen Tage. Man könnte sagen: Ist deren Privatsache! Dann aber hätten die programmatischen Bücher nicht geschrieben, die grundsätzlichen Reden nicht gehalten werden dürfen, mit denen Reinhard und Liz Mohn, die neue Herrscherin, den Konzern positioniert haben.

Die Prinzipien des Weltkonzerns Bertelsmann werden in dem Buch auf den Prüfstand gestellt. Bei der Frage: Wie hältst Du es mit Deinem Kerngeschäft - der Moral? beginnt das Gebäude sehr zu wackeln. In dieser Woche liest der Autor im Epizentrum des Bebens, in Gütersloh. (nz)

Thomas Schuler: Die Mohns. Campus Verlag. Frankfurt am Main 2004. 280 Seiten, 21,90 Euro.


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