«Bild»-Chef: «Das ist saudumm»
Netzeitung: Herr Diekmann, worum geht es bei dem Konflikt zwischen «Bild» und der Regierung wirklich? Schließlich können Sie - auch ohne an Reisen des Kanzlers teilzunehmen - berichten, was Sie wollen...
Kai Diekmann: Die Umfragewerte für den Kanzler sind verheerend. Der einst von den Medien verhätschelte Regierungschef sieht sich im Moment einer sehr ruppigen Medienlandschaft gegenüber, und das gilt keineswegs nur für «Bild». Die Medien spiegeln die schlechte Stimmung im Land jetzt sollen dafür als erste «Bild» und «Stern» als Sündenböcke herhalten und mit einem Informationsboykott abgestraft werden. Wir sind jedoch bei der Recherche nicht auf Gunsterweise des Kanzlers angewiesen. Mit unseren Exklusiv-Nachrichten sind wir heute die meistzitierte Tageszeitung, und das wird auch so bleiben.
Netzeitung: Was ist also verloren gegangen? Gab es einmal so etwas wie einen direkten Draht ins Kanzleramt?
Netzeitung: Unter Bundeskanzler Kohl war ein ruppiger Umgang mit kritischen Medien durchaus üblich. Was unterscheidet Gerhard Schröder in dieser Hinsicht von Helmut Kohl?
Diekmann: Spannungen zwischen Kanzlern und den Medien hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Neu ist unter Kanzler Schröder, dass der Medienboykott zur Tugend erklärt wird. Natürlich hat sich auch Helmut Kohl über Journalisten geärgert, natürlich gab es auch Journalisten, denen er kein Interview gab. Er hat sie aber, auch wenn ihm das nicht gepasst hat, auf Reisen mitgenommen. Jetzt werden Journalisten zum ersten Mal ausdrücklich unter Hinweis auf kritische Berichterstattung von Informationen ausgeschlossen, also zum Beispiel von der Möglichkeit, den Kanzler auf Reisen zu begleiten. Im Übrigen: Wenn der Regierungssprecher darauf verweist, dass es keine Ausladung gegeben habe, ist das falsch: Wir hatten eine mündliche Zusage für die USA-Reise, die unter Hinweis auf die Verärgerung des Kanzlers über unsere Berichterstattung wieder zurück genommen wurde.
Netzeitung: Wie kam es zu der Solidarisierung anderer Medien mit «Bild» und «Stern»?
Diekmann: Solch ein Informationsboykott gegen kritische Journalisten schafft zwei Lager: Diejenigen, die ausgeschlossen sind, und jene, die nun im Ruf besonderer Liebedienerei gegenüber der Regierung stehen werden. Besser kann man Journalisten gar nicht in den gemeinsamen Widerstand treiben.
Netzeitung: Nun bleibt die Regierung hart, und «Bild» wird wohl «Bild» bleiben. Was lassen Sie dem erfolglosen Appell folgen?
Diekmann: Eine Zeitung mit über zwölf Millionen Lesern und damit über zwölf Millionen potentiellen Wählern mit einem Informationsboykott zu belegen, erscheint nicht gerade als hohe Kunst der Politikvermittlung. Die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung steckt in einer Sackgasse ohne Weg zurück. Das ist immer die dümmste Situation, in die man hineinsteuern kann.
Netzeitung: Sie sagen «ohne Weg zurück» - nun geht das Miteinander-Leben aber weiter: Wie könnte es aus Ihrer Sicht wieder zu einer Basis für eine Zusammenarbeit mit Regierungssprecher Béla Anda kommen?
Diekmann: Auf der einen Seite beklagt die Regierung Kommunikationsprobleme bei der Vermittlung ihrer Reformpolitik. Auf der anderen Seite sollen diese Kommunikationsprobleme jetzt dadurch gelöst werden, dass man die Kommunikation ganz einstellt. Das ist nicht nur amateurhaft, das ist saudumm. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass sich im Bundespresseamt bei eingehender Betrachtung der Situation doch noch eine gewisse Professionalität einstellt.
Netzeitung: Peter Glotz hat im Interview mit der «taz» eingeräumt, dass man auf die boulevardeske Zuspitzung kritischer Berichte empfindlich reagieren könne. Haben Sie dafür Verständnis?
Diekmann: Es ist nicht die Aufgabe von Medien, Politikern zu gefallen oder Freude zu bereiten. Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass sich der Kanzler auch über Schlagzeilen ärgert. Das ist das eine. Das andere ist, dass sich der Kanzler die Schlagzeilen nicht aussuchen kann und auch nicht, welche Journalisten über ihn berichten und welche nicht. Solchen Ärger muss man professionell aushalten. Wer die Hitze nicht verträgt, gehört nicht in die Küche. Der Kanzler soll ja mal gesagt haben, zum Regieren brauche er «Bild», «BamS» und Glotze. Wenn jetzt zwei davon ausfallen muss er dann nicht eigentlich mit dem Regieren aufhören?
Mit Kai Diekmann sprach Joachim Widmann.

