24. Dez 2003 00:55
Die letzte «Harald-Schmidt-Show» hat nichts Besonderes sein sollen. Einmal abgesehen von einer kleinen Beckett-Aufführung und einem Auftritt Günther Jauchs.
Die Kunstfigur Harald Schmidt, in der gleichnamigen Show verkörpert vom Entertainer und Schauspieler gleichen Namens, hat sich mit einer Inszenierung von Samuel Becketts «Endspiel» offiziell in die unbefristete «Winter-» beziehungsweise «Kreativpause» seiner Sendung verabschiedet. Mit Beckett hat Schmidt sich und den Bühnencharakter Schmidt vor einer klassischen Abschiedssendung sowie Fragen und Erklärungen bewahrt, die er in den Wochen seit der Nachricht vom Ende der Show ebenso lächerlich gemacht wie hartnäckig verweigert hatte. Auch sein Sidekick und Redaktionsleiter Manuel Andrack, seine «kleine Showfamilie», Suzanna, Bandleader Helmut Zerlett und Nathalie, seine französische Telefonistin, die die Regieanweisungen auf Französisch vortrug, nahmen an der aus Textbüchern gelesenen Aufführung teil. Das Ganze endete nach fünf Minuten ohne Pointe im Nichts: «Wollen wir spielen, wer den größten Luftballon aufblasen kann?», fragte Andrack. Schmidt schwieg grimassierend bis zur nächsten Werbung.
Die letzte Ausgabe der Show nach mehr als acht Jahren hatte besonders unspektakulär sein sollen. Doch war der Rummel nicht zu übersehen, schon weil Fotografen im Studio standen, als sie aufgezeichnet wurde. Schmidt beklagte die «Hypernervosität beim Publikum»: «Es ist schon völlig aus dem Häuschen, wenn der Moderator den Weg zum Tisch findet.»
Harald Schmidt, der in Feuilletons gelegentlich als «Comedy-Gott» – einige Male auch ohne das erste Wort – bezeichnet wurde, und dessen Show man als maßgebend für intelligenten Qualitätshumor nahm, hatte die Verhältnisse gleich zu Beginn mit einer Geste zurecht gerückt: Er verbeugte sich vor einem anderen Schmidt, Helmut Schmidt, dem er zum 85. Geburtstag gratulierte.
«Bloß im Endspiel nicht die Taktik ändern», zitierte er nichtsdestotrotz (so Schmidt) Franz Beckenbauer, kurz bevor anstelle von Requisiteur Sven Günther Jauch das Wasserglas auf die Bühne brachte. Dann wurde recht gewöhnlich aus den «Lieblingen des Monats» der «Liebling des Jahres» ausgelost (Michel Friedman), mit Hilfe einer jungen Frau aus dem Publikum, die sich als Journalistin outete und nach dem wahren Grund der Schmidtschen «Kreativpause» fragte. Schmidt: «Wer hat Sie denn aufgehetzt?»
Die letzte Sendung der Show, die von konventioneller Comedy allmählich zu einer sehr eigenwilligen und oft sehr komischen Mischung aus Kabarett und Improvisationstheater – mit den Laiendarstellern der Show-Familie und Zuschauern – mutiert war, schloss mit „White Christmas“, gesungen auf Deutsch von Schmidts «Werkschor». Schmidt riet zum Schluss, im «Kleingedruckten in Ihrer Lokalzeitung» auf das Ende der Winterpause zu achten. Er hatte, wie immer, nicht nur das erste, sondern auch das letzte Wort in seiner Show: „Frohe Weihnachten.“ Da war die mackenreiche, hypochondrische, mitunter schrullige und verbal hyperaktive Kunstfigur Schmidt schon abgegangen – ohne die Manieriertheiten, die Schmidt zu Anfang für eine Vorpausenshow erwogen hatte: «Den Vokaaaalen nachschmecken.» (nz)