Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

«Wenn Fakten nicht gebracht werden können...»

22. Dez 2003 08:29
Bettina Röhl
Die Journalistin Bettina Röhl hat vor Gericht erstritten, dass sie nicht in herabsetzender Weise als «Terroristentochter» bezeichnet werden darf. Die Netzeitung sprach mit ihr über ihre Arbeiten über Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit und die Folgen.

Netzeitung: Frau Röhl, Sie haben gegen die «Frankfurter Allgemeine» vor Gericht gewonnen. Der Zeitung wurde untersagt, Sie, wie Anfang September geschehen, in herabsetzender Weise «Terroristentochter» zu nennen. Was heißt das für Sie?

Bettina Röhl: Für mich ist die Entscheidung des Gerichts natürlich eine Genugtuung, vor allem, da in der Entscheidung zusätzlich ausdrücklich ausgeführt ist, dass ich erstens nicht den geringsten Anlass dafür geboten habe, dass mich die «FAZ» «Terroristentochter» nannte und zweitens, dass ich nicht dulden muss, dass meine Abstammung von Ulrike Meinhof, wie es im Urteil heißt, überhaupt hervorgehoben wird. Ich denke, das Urteil gilt künftig für alle Medien. Eine «Terroristentochter» gibt es objektiv nicht. «Terroristentochter» ist die übelste Verbalinjurie. «Terroristentochter» zielt auf die diesem Begriff absichtsvoll geschürten Assoziationen und Emotionen, dass die Tochter irgendwie einen Hauch «Terrorismus» «geerbt» hätte oder zumindest einen kleinen Terrorschaden haben müsse.

Der Artikel bei «faz.net» am 4. September war eine Reaktion auf meinen Artikel in der «Welt» und meiner Glosse zuvor in der «Rheinischen Post» über Udo Walz, wie er 1970 Ulrike Meinhof im Untergrund die Haare färbte und ihr half, sich vor der Polizei zu tarnen. Der «FAZ»-Autor beschäftigt sich indes gar nicht mit Udo Walz, sondern arbeitet sich in ungebührlicher Weise an meiner Person, oder besser gesagt an dem Phantom ab, dass er sich von meiner Person zurecht gelegt hat. Begriffe wie: «abgrundtiefer Hass», «Verschwörungstheoretikerin», «verbittert», «fanatisch» gegen meine Person sagen etwas über den «FAZ»-Schreiber selbst aus. Das ganze gipfelte in dem Satz: «Statt Respekt brachte man ihr nur Mitleid entgegen, der traumatisierten Terroristentochter, die als Siebenjährige in ein jordanisches Palästinenserlager verfrachtet werden sollte.» Diese Formulierung erinnert in Gedankenführung und Sprache fatal an ungute Zeiten der jüngeren deutschen Geschichte. In diesem Satz, der nicht wirklich die Journalistin Bettina Röhl, sondern um diese zu treffen, ein siebenjähriges Mädchen angreift, steckt entgegen dem Wortlaut eine unheimliche Mitleidlosigkeit. Die «FAZ» missbraucht hier die Pressefreiheit, die Politik und Staat kontrollieren soll, um eine einzelne Journalistin auf unterstem Niveau anzugreifen. Eine Journalistin, die ihrerseits ihre Pressefreiheit zu Aufklärungszwecken gerade benutzt hatte.

Netzeitung: Sie hatten in der «Welt» eine Äußerung des Prominenten-Friseurs Udo Walz aufgegriffen, der sich daran erinnerte, Ihrer Mutter, dem RAF-Mitglied Ulrike Meinhof, bevor sie seinerzeit untertauchte, die Haare gekürzt und blondiert zu haben, was ihr das Untertauchen ein wenig leichter gemacht haben könnte. Sie schrieben, er solle «Farbe bekennen».

Röhl: Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. Walz hatte im «Stern» gesagt, er habe Meinhof frisiert, bevor sie in den Untergrund ging – die Haare wären blond gewesen. Fakt ist, dass sie, bevor sie in den Untergrund ging, ihre normale braune Langhaarfrisur hatte. Ergo war mir klar, dass Walz Meinhof im Untergrund mit seiner heutigen Angela-Merkel-Frisur ausgestattet hatte. Ich fand das witzig, dass die heutige Regierung und die RAF-Terroristen - wenn auch im Abstand einiger Jahre - nicht nur über gemeinsame Anwälte verfügten, sondern auch über einen gemeinsamen Friseur. Wirklich komisch war aber, dass ich das alte Fahndungsfoto von Meinhof mit dem frühen Udo-Walz-Schnitt gefunden habe. Walz hat sich wochenlang gegenüber dpa geziert, zuzugeben, dass er Meinhof im Untergrund frisiert hat, gab es dann aber schließlich widerwillig zu. Bis heute behauptet er allerdings, sie nicht erkannt zu haben.

Die Story nach der Story

Netzeitung: Der scharfe Ton, den die «FAZ» dann an den Tag legte, greift zurück auf 2001. Anfang 2001 hatten Sie auf Fotos aus den Siebzigerjahren Joschka Fischer identifiziert als den Vermummten mit Motorradhelm, der gerade auf einen Polizisten losgeht. Die Geschichte schlug hohe Wogen, und eine andere Story kam nach, die über die «traumatisierte Terroristentochter», die Achtundsechzigern wie Fischer und später Daniel Cohn-Bendit aus persönlichen Gründen nachstellt. Warum haben Sie nicht schon damals die Gerichte bemüht?

Röhl: Damals hat in wenigen Tagen fast hundert Medienanfragen bei mir gegeben. Die wollten Interviews usw., und in noch mehr Medien wurde in Deutschland und auch weltweit statt über Fischers Vergangenheit gegen mich geschrieben, wie Sie zu Recht andeuten. In einer solchen Situation kann eine einzelne freie Journalistin gegen diese Masse nicht einmal anlesen, geschweige denn gerichtliche Hilfe suchen. Im Übrigen hätte ich Heerscharen von Anwälten bemühen müssen, um mich gegen die damals aus dem Nichts aufgetauchten verleumdenden Psychologisierungen meiner Person, die zur «Meinhof–Tochter» stilisiert wurde, zur Wehr zu setzen. Das hätte viel Geld gekostet und viel mehr Zeit als 24 Stunden am Tag.

Mehr im Internet:
Ich habe versucht, mit einzelnen wichtigen Medien im Gespräch Mäßigung zu erreichen, stand dabei aber auf verlorenem Posten. Alles, was ich getan hatte war, dass ich die besagten so genannten Prügelfotos von Fischer in «Stern» und «Bild» veröffentlicht und den Film der gleichen Szene im ARD-Archiv gefunden hatte, der dann in den «Tagesthemen» kam. Ich meine, ich hatte ein gewisses Recht, erst einmal sprachlos zu sein, dass eine hervorragende journalistische Leistung nicht honoriert wird, und dass man sich nicht mit der Vergangenheit des Außenministers befasste, sondern mit einer mir angedichteten, fiktiven Vergangenheit.

Netzeitung: Die Fotos waren einmal veröffentlicht worden, nach dieser Demonstration ...

Röhl: ... ja, weder der Fotograf, noch die «FAZ» oder die «Frankfurter Rundschau», die die Bilder damals veröffentlichten, auch nicht die «Tagesschau», die den besagten Film damals zeigte, hatten 27 Jahre lang die geringste Ahnung, wer auf den Fotos den Polizisten verprügelte. Die Spontiszene um Fischer herum hatte sich allerdings dieselben 27 Jahre lang klammheimlich totgelacht über diesen Gag der Geschichte. Die Fotos haben einige Leute schockiert. Fischers Amtsstuhl hat für kurze Zeit gewackelt. Die Opposition hat geschlafen, die Medien haben Fischer exkulpiert, und plötzlich waren in einer Art Übersprungshandlung der Terrorismus und der Fanatismus und all das, was man Fischer angesichts der Fotos hätte vorwerfen können, bei der Journalistin gelandet, die die Fotos präsentiert hatte. Hier wurde die Überbringerin der schlechten Nachricht geköpft.

Netzeitung: Welches Interesse könnten die Medien daran gehabt haben?

Röhl: Die Medien als solche verfolgten nach meinem Dafürhalten eher keine Interessen. Vielmehr gibt es Dynamiken, oft von einigen wenigen entfacht, denen die Sache dann auch selber entgleitet.

Schließlich nannte sogar der Bundespräsident in einem «Max»-Interview den Namen der Journalistin Bettina Röhl, was normalerweise eine Ehre ist. Hier allerdings stellte der Bundespräsident, den ich zwei Mal zuvor im Schloss Bellevue zu einem Gespräch besucht hatte, die Psychobehauptung auf, ich hätte die besagten Fotos nur veröffentlicht, um eine traumatisierte Kindheit, von der Rau weiß, dass es sie nicht gab, auf Fischer zu projizieren und meine mir unterschobenen Meinhof-Probleme an ihm abzuarbeiten. Der Bundespräsident hatte mir kurz zuvor noch von seinen netten Erlebnissen mit Ulrike Meinhof erzählt, und wie er mich als Kind beim Spielen auf einer Party beobachtet hatte. Welches Interesse der Bundespräsident hierbei verfolgte, weiß ich nicht. Wenn ein solches politisches Schwergewicht den Medienwahn in einer so hochpolitischen Angelegenheit in dieser Weise öffentlich sanktioniert, hat das natürlich eine gewaltige Wirkung, nämlich die, um es klar zu sagen, eines individuellen Berufsverbotes.

Der frei erfundene Vorwurf der «Traumatisierung» ist kaum zu entkräften, weil es natürlich nicht gut kommt, wenn eine Einzelne singulär mit einer profunden Enthüllung hervorgetretene Journalistin gegen das Mediengebrüll antritt: Ich bin in Wirklichkeit aber gar nicht traumatisiert.

Schlimm sind Medien, die eine solche Situation hirn- und herzlos produzieren. Dies ist der Grund, weshalb ich mich bei diesem neuen, einsamen Vorstoß, besser Rückfall, der «FAZ» im September zur Wehr gesetzt habe. Die «FAZ», die vom Gericht die Verwendung des Begriffs «Terroristentochter» untersagt bekam, hatte bereits zuvor vertraglich auf die Verwendung der Formulierung «offenkundig traumatisiert» verzichtet und entsprechend diese Formulierung im Internet entfernt.

Netzeitung: Da Sie sich nirgendwo öffentlich wirksam gegen die Vorwürfe verwahrt hatten, war der Effekt natürlich, dass sie sich – auch in der Netzeitung – weiter verbreiteten. Jeder in der Zunft verlässt sich bei seinen Recherchen auch auf Rechereergebnisse seriöser anderer Medien. Was als Wahrheit nicht angegriffen wird, gilt nach einer gewissen Zeit als wahr.

Röhl: In diesem Fall gab es ganz klar isolierbar eine neben anderen hervorzuhebende Quelle: Die Deutsche Presse Agentur feuerte in Berlin eine Falschmeldung nach der anderen über meine Person heraus und erging sich in Verleumdungen zu meinen Lasten, und das Ganze, ohne den journalistischen Mindeststandard gewahrt zu haben. Dpa hat nicht ein einziges Mal Kontakt zu mir aufgenommen, um mich selber zur Sache zu fragen oder zu der damaligen Medienkampagne gegen meine Person. Bei dpa gab es eine Meldung nach der anderen mit dem Stereotyp «Meinhof-Tochter». Auch weitere Verleumdungen waren bei dpa enthalten, die ich hier nicht wiederhole, um sie nicht virulent zu machen. Ich selber habe dpa eine Reihe eigener Meldungen geschickt, die nicht veröffentlicht wurden, so dass Korrekturen nicht stattfanden. Selbst der NDR, Gesellschafter bei dpa, musste erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass seine klarstellenden Meldungen über meine Person schlicht und ergreifend von dpa nicht zur Veröffentlichung gebracht wurden. Der Name der Dame, die bei dpa hauptverantwortlich zeichnete, ist mir bekannt.

Dpa ist, wie sie wissen, in solchen Fällen der wichtigste Multiplikator, und viele Publikationen übernehmen dpa wörtlich, und nach einer Übernahme heißt es dann schon in einem dritten Medium, dass ein anderes Medium oder die Medien als solche die Journalistin Bettina Röhl so oder so bezeichnet hätten, was dann als pressefreiheitliches Zitat mit Klauen und Zähnen verteidigt wird.

Die Medien haben mir keinen Platz zur Replik eingeräumt. Nicht ein einziges Medium. Alle wollten ein Interview, aber die erste Frage war: Was ist Ihre Motivation? Geht es um Ihre Mutter? Könnte es nicht doch sein, dass dies die Motivation ist? Bis dahin hatte ich nicht eine Sekunde lang daran gedacht. Dazu muss ich sagen: Ich habe Frau Meinhof, meine Mutter, zuletzt vor dreißig Jahren für wenige Stunden gesehen – es ist absurd.

Alle Interviews, die ich gegeben habe, vor allem für ausländische Medien, hatten diese Fragen, und die Artikel hatten dann alle Formulierungen, wie «Bettina Röhl wehrt sich gegen ..., will nicht gesehen werden als ...» Man stellte mich unter permanenten Rechtfertigungsdruck. Ich hatte keine Chance, die Wahrheit-Werdung der Unwahrheiten zu verhindern. Ich hätte ja nicht nur etwas Platz in den Medien haben müssen, sondern qualitativ und quantitativ adäquaten Platz. Nach der Medienhetze Anfang 2001, die über Wochen anhielt mit erheblichen negativen Nachwirkungen, gab es einige Interviewportraits im In- und Ausland. Hervorheben möchte ich die drei Portraits in «Max», im «Spiegel Reporter» und in der «Süddeutschen». Obwohl die Portraitschreiber selber alles andere als frei von dem Mediengeschehen waren, zeichneten sie nach den Gesprächen, die wir führten, ein freundlicheres Bild, konnten aber an den Klischees und der Schublade, in die ich sozusagen «verfrachtet» worden war, nichts wesentliches mehr in Richtung Vernunft und Mäßigung ändern.

«Danni, der Taktiker»

Netzeitung: Sie schreiben auf Ihrer Website in einem Text unter dem Titel «Danni, der große Taktiker» vom «gewalterprobten und besessenen Joseph Martin Fischer» und über Cohn-Bendit als «Fischers milde Mathilde, Szene- und Propagandaminister ..., Gewaltschürer mit Neigung sich selber gelegentlich aus der Schusslinie herauszuhalten» – ich schließe aus dem Zusammenhang, dass der Text aus dem Frühjahr 2001 stammt: Warum diese Schärfe, diese Emotion?

Röhl: Dies ist eine irreführende Frage. Ich kann mich nicht in eine Diskussion einlassen, ob ein paar Wörter von mir scharf waren, die angesichts der Brutalität der Medien mir gegenüber doch eher in das Waffenarsenal eines behüteten Mädchenpensionats gehören und im Übrigen auf Fakten beruhen. Auch wenn Sie es nicht gern hören sollten: Die Gewalt, die die Frankfurter Szene über mehr als eine Dekade ausgeübt hat, hatte gelegentlich bürgerkriegsähnliche Züge. Klein-Chicago, wie Frankfurt damals genannt wurde, war nicht von Pappe. Möchten Sie hören, mit welchen Waffen die so genannten Demonstranten agierten? Die Medien behandeln es als Sakrileg, dies zu thematisieren, das ist eine gigantische, staatstragend gewordene Geschichtsklitterung.

Zu Cohn-Bendit: Ich war zuvor auf seinen Artikel in der Zeitschrift, «Das da», gestoßen [in dem Cohn-Bendit in Mitte der Siebzigerjahre explizit erotische Begegnungen mit Kindern, die er in einer Kita betreut hatte, beschreibt, d. Red.] und dachte mir: Wer ist eigentlich kindheits- und problemgesteuert? Als ich Mitte Januar 2001 am gleichen Tag dem «Observer» und «Libération» ein Interview gab, gab ich beiden Korrespondentinnen eine Kopie des «Das da»-Artikels und wies auf meine Website hin, wo ich das erklärte. Ich finde nicht, dass es ganz ohne ist, was Cohn-Bendit da schrieb. Hätten das andere nicht auch so gesehen, wäre das in England und vor allem in Frankreich nicht so groß debattiert worden.

Netzeitung: In Frankreich, vor allem in «Libération», wurde die Geschichte eingeordnet als Auswuchs der Diskurskultur der Siebzigerjahre: Damals habe man Strukturen, Denkweisen und Tabus durch gezielte Provokationen aufbrechen wollen. Auch die seinerzeit in «Libération» geführte Debatte über die sexuelle Selbstbestimmung Minderjähriger war keine Pädophilen-Debatte, stellte man in der Rückschau fest. Damit galt das Thema eigentlich als erledigt, nicht nur für Cohn-Bendit.

Röhl: Das sagen Sie. Im Übrigen ist das von Ihnen skizzierte Geschehen in Frankreich Reaktion auf meine Veröffentlichung über Cohn-Bendit gewesen. Dass das Thema für Cohn-Bendit erledigt ist, halte ich für falsch. Ich stelle fest, dass seine Imagekurve in Frankreich deutlich gesunken ist. Vielleicht zieht er deswegen nicht mehr für die französischen Grünen ins Europaparlament. Andere französische Medien zum Beispiel TV 1, «Le Figaro», «Le Monde» und «L’Express» haben Cohn-Bendits «Das da»-Artikel auch anders bewertet.

Es ist schon so, wenn man sich in der einschlägigen Literatur dieser Jahre auskennt, dass den Kindern einiges zugemutet wurde damals. Da wurden Probleme debattiert wie: «Mein Kind ist vier und onaniert noch nicht.» Die Kinder, die damals in dem Alter waren, werden das vielleicht selbst mal thematisieren. Da muss man doch aus heutiger Sicht nüchtern feststellen dürfen, dass sich diese Eltern eher selbst therapierten. Wenn jemand sagt, das sei keine Pädophilie, sage ich, dass es auf diese Begrifflichkeiten nicht ankommt, nur darauf, dass so etwas aus meiner Sicht unbestreitbar die Rechte der Kinder verletzt hat.
Ich finde es armselig, dass die Grünen unfähig waren, den Komplex Fischer und den Komplex Cohn-Bendit zu diskutieren.

Kritik der Achtundsechziger

Netzeitung: Nun machen die Grünen und Joschka Fischer keinerlei Hehl daraus, dass sie zum Teil eine militante Vergangenheit haben, bei ihm gehört das geradezu zum Mythos seiner Karriere. Man geht nicht ins Detail, wozu ohne Anlass ja auch keine Pflicht besteht, aber es ist keineswegs ein Geheimnis. Was werfen Sie ihm heute vor, wo liegt sein Defizit?

Röhl: Was Sie da eben so gelassen aussprechen, ist schlicht unrichtig. Natürlich wird ein Hehl aus den Vergangenheiten gemacht. Hätte ich die Fotos nicht veröffentlicht, hätte Fischer weiterhin getan, was er schon ein Vierteljahrhundert getan hatte, nämlich von den Fotos keinen Piep von sich zu geben. Fischer hätte sich nicht bei dem verprügelten Polizisten Marx entschuldigt. Fischer widerspricht nicht, wenn man ihn einen früheren Streetfighter nennt. Das ist ein inhaltsleeres Wort. Er hat im «Stern» auch gesagt: «Wir haben Steine geworfen.»

Mehr in der Netzeitung:
Der Mythos Fischer ist ursprünglich aus seiner besonderen Stellung im gewaltbereiten Teil der Frankfurter Szene entstanden und hat sich von dort bis ins Außenamt fortgepflanzt. Ein bisschen durch die Fotos angeknackst, wurde ein Hilfsmythos erfunden, dass Fischer alles freimütig erklärt hat.

Ihre Behauptung, dass jemand, der Vizekanzler ist, keinerlei Erklärungsbedarf hat, wenn er nicht konkret angesprochen wird, ist nach meinem Dafürhalten unzutreffend. Wir sind hier nicht im Strafrecht, und deswegen gilt hier auch nicht die Unschuldsvermutung. Wir sind im gesellschaftlichen und politischen Bereich, und da muss in einer Demokratie jemand seine Qualifikation freimütig offen legen. Dazu gehört auch die Konkretisierung, was der Wähler wohl unter Streetfighter im Detail zu verstehen hätte. Umgekehrt: Wenn Fakten nicht gebracht werden können, wie steht es dann um die Demokratie?

Netzeitung: Ist die von Ihnen unterstellte Diskurshoheit Ihr Hauptpunkt der Kritik an den von Ihnen immer wieder kritisierten Achtundsechzigern?

Röhl: Wenn Sie mit Achtundsechzig Popkultur, Aufbruch, Pille, Offenheit und eine neue Lässigkeit meinen, dann kritisiere ich diesen Teil, der in den Sechzigerjahren in allen westlichen Ländern aufkam und in dem ich mich selber zuhause fühle, sicherlich nicht. Von dieser Modernitätswelle, die durch Wohlstand, durch Technik und viele Umstände bewirkt wurde, die die Achtundsechziger nicht selber verursacht haben, sondern deren Nutznießer sie wurden und die teils mit den 68ern, teils gegen deren massive Irrtümer sich durchsetzte, hat die ganze Gesellschaft profitiert. Dagegen kritisiere ich die politischen Exzesse, nicht nur den Terrorismus.

Sehen Sie sich etwa das kryptomanische und wahrhaft paranoide Zeug an, das Fischer und Cohn-Bendit und selbst Rudi Dutschke damals von Weltrevolution, von Stadtguerilla und Staatssturz gefaselt haben. Heute sagen die Achtundsechziger gelegentlich – die so genannten, es ist eigentlich nur ein Begriff, der wenig beschreibt –, das sei alles nicht wirklich ernst gemeint gewesen. Das ist unwahr. Natürlich meinten die das damals so, jedes Wort und jeden Stein. Fischer sagte im Interview mit mir, man sei «für Massenmilitanz» gewesen. Heute will man das gern als «Pop» sehen, damals war es Fischer und den anderen allerdings tierisch ernst. Damals haben die Achtundsechziger in Frankfurt den Kampf gegen den demokratischen Staat der BRD als eine Art Krieg gesehen – O-Ton Cohn-Bendit. Wenn man das heute den Jüngeren gegenüber anders darstellt, fälscht man die Geschichte.

Netzeitung: Gibt es aus Ihrer Sicht ein Wahrheits-Defizit in Deutschland oder so etwas wie einen falschen Gründungsmythos der «Berliner Republik», die ja wesentlich schon in den Siebzigerjahren geprägt wurde?

Röhl: Die Achtundsechziger gehen ja zum Teil so weit, dass sie sagen, sie hätten Steine werfen müssen, um in den Siebzigern die Demokratie erst wirklich einzuführen. Das ist falsch. Willy Brandt und Helmut Schmidt haben zu der Zeit nicht Regierungen geführt, die den Vorwurf verdient hätten, die Nazizeit auszublenden. Es gab noch Nazis in den Ämtern, die man hätte bekämpfen können und aus meiner Sicht auch müssen, aber das hat man gerade versäumt. Es war in Wirklichkeit ein wahnhafter Kampf gegen das so genannte Establishment. Natürlich gab es bei den Unmengen von Aktivitäten fast unvermeidbar Richtiges. Heute wird vielfach versucht, reinzuwaschen, was damals an Entgleisungen passierte. Die Achtundsechziger lieben es nicht, wenn eine Nachgeborene wie ich das Denkverbot mit Namen Achtundsechzig ignoriert.

Mit Bettina Röhl sprach Joachim Widmann

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.