Ende der Schmidt-Show eine «Überraschung»
08. Dez 2003 15:16
Comedystar Harald Schmidt ist seiner Show müde. Deutschland trauert, und um Schmidts wahre Motive ranken sich Spekulationen.
Thema: Ende der Schmidt-Show |
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Für die Mitarbeiter der «Harald-Schmidt-Show» war die Mitteilung des Endes nach Informationen der Netzeitung eine Überraschung. Vor einigen Tagen noch war dem Vernehmen nach von zwei Wochen Pause zum Jahreswechsel die Rede gewesen, bei der Mitteilung des jähen Endes hat Schmidt dann selbst auf den plötzlichen Personalwechsel an der Spitze von Sat.1 in der vergangenen Woche angespielt. Auch für den Sender kam das offenbar recht plötzlich. Die letzte reguläre Sendung der Show wird am 23. Dezember ausgestrahlt, im Januar werden die frei gewordenen Sendeplätze mit Wiederholungen gefüllt, was dann kommt, ist noch unklar.
Druck auf Schmidt, etwa aus wirtschaftlichen Gründen, wird bei Sat.1 bestritten. Zwar lässt, wie es in Branchenkreisen heißt, der neue Hauptgesellschafter der ProSiebenSat.1 Media AG alle Programme der Gruppe derzeit evaluieren, doch war Schmidts Show in ihrem Segment ein Quotenrenner und laut Sat.1 auch sehr gut zu vermarkten. Offiziell ist unerschütterlich von einer rein persönlichen Entscheidung Schmidts die Rede, und bei Schmidts Firma Bonito TV, die die Show produziert, wird ohne weitere Kommentare auf die Pressemitteilung aus dem Hause Sat.1 verwiesen.
Täglicher Kindergeburtstag
Die Show hat nicht nur Quoten-Erfolg. Auf der Suche nach ein wenig Substanz im deutschen Fernsehen hatten die Feuilletons Harald Schmidt seit langem als Hoffnungsträger ausgemacht, den Comedystar, der in seiner Show nach eigenem Bekunden die Substanzlosigkeit des Fernsehens selbst inszeniert. Mit Schmidt und seinem Adlatus Manuel Andrack konnte man jeden Tag eine Art Kindergeburtstag feiern - anscheinend zweckfrei, gelegentlich mit ironischen Kulturschüben, wenn etwa mit Playmobilfiguren Weltliteratur nachgestellt wird. Was verliert Deutschland, wenn jetzt Schluss ist? «Alles«, sagt der Chef des Feuilletons der «Zeit», Jens Jessen: »Alle Hoffnung, allen Spaß, alle Intelligenz - Deutschland sinkt zurück in die völlige Dumpfheit.» Und Daland Segler, der Medienredakteur der «Frankfurter Rundschau», meint: «Das Herdfeuer wird kühler, an dem man sich wärmt, der Spiegel wird blinder, in den man gern schaut.»Schmidt steht für ein Format, das sich als umso kulturhaltiger erwies, je mehr es sich von der klassischen Late-Night-Show seiner amerikanischen Vorbilder entfernte. Die Show wirkte zuletzt immer spontaner und verlässt sich heute bei einem Minimum von Inszenierung nahezu vollständig auf Schmidts nicht immer politisch korrekte Schlagfertigkeit und das familiär wirkende Geplänkel zwischen ihm und seinen Stichwortgebern. Im Gespräch mit seinen Gästen, die meist ihre neue Sendung, ihr neues Buch oder ihre neue CD vorzustellen hatten, schaffte Schmidt die schwierige Gratwanderung zwischen Nähe zu jenen, die etwas zu sagen hatten, und Distanz zu den «kleinen Schlampen, die sich halb nackt auf meinem Sessel räkeln» und nach dem Gespräch über ihr jüngstes Werk zu Recht vergessen werden, ohne sich an die einen heranzuwerfen oder die anderen seine Abschätzung unmittelbar spüren zu lassen.
Sat.1 geadelt
Schmidt hat dafür jeden wichtigen Preis bekommen und dazu die Anerkennung, als Maßstab für neueren deutschen Humor herangezogen zu werden, an dem sich abzuarbeiten oder ihn wenigstens als Referenz zu nennen zur Pflicht geworden ist. Er wurde als «TV-Gewissen» und als «Stimmungsgradmesser» der Republik zitiert, und Interviewfragen, die Bezug nahmen auf Running Gags der Show, die auf Spitzenkräfte in Regierung und Opposition zielten, machten selbst gestandene Profis in Sachen politischer Eigen-PR nervös. Schmidt hat nach einhelliger Ansicht Sat.1 geadelt, nicht zuletzt weil er nicht in die Corporate Identity des sonst eher harmlosen Privatsenders passte und das auch thematisieren durfte. Die Show war ein Reservat im Sender und nach Empfinden vieler auch im Land. Diese Rolle schien Schmidt mit Behagen zu tragen. An seiner Schaffensmüdigkeit - Jens Jessen freilich räumt nicht als einziger ein, dass sie nach acht Jahren Show durchaus möglich sei und vielleicht nur einen Anlass gesucht habe - werden daher Zweifel laut.
Der Wechsel an der Spitze von Sat.1 von Martin Hoffmann (Schmidt nannte ihn einen Freund) zu dem Schweizer Roger Schawinsky kurz vor der Bekanntgabe des Endes der Show gibt Spekulationen Nahrung, auch wenn Zusammenhänge direkt nicht bekannt wurden: «Das spielt sicher eine Rolle», meint Ralph Kotsch, der Medienredakteur der «Berliner Zeitung». Selbst wenn Schmidt müde sei, so «FR»-Redakteur Segler, entstehe doch «für Sat.1 größtmöglicher Schaden». Der Sender hätte alles tun müssen, Schmidt zu halten, nun sehe es für Sat.1 wie «Selbstmord auf Raten» aus, so Segler. Kotsch: «Dem Sender geht mehr verloren als Harald Schmidt», dem eine Pause eher gut täte und der auch nicht Schaden nehmen werde. (nz)