Medizinjournalisten im Dienste der Industrie
17.11.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Frau Lange-Ernst, Sie fordern eine neue Ehrlichkeit im Verhältnis zwischen Journalismus und PR. Was meinen Sie damit?
Maria Lange-Ernst: Ich sehe das Problem darin, dass die PR in Journalistenkreisen noch immer negativ betrachtet wird. Gleichzeitig engagieren sich aber immer mehr Kollegen und Kolleginnen im PR-Bereich.
Das wird von den Fachorganisationen nicht gerne gesehen?
Lange-Ernst: Bei den Verbänden der Medizinjournalisten wurden und werden Anträge auf Mitgliedschaft von Kollegen verworfen, weil sie auch im PR-Bereich arbeiten. Bei einer solchen Situation bin ich schon vor Jahren einmal aufgestanden und habe gesagt: Es hebe jeder den Arm, der noch nie PR gemacht hat. Es hat sich keiner gemeldet.
Seit der Medienkrise hat sich die Situation sicherlich noch verschärft.
Lange-Ernst: Dieses verächtliche Herabblicken auf PR-Tätigkeiten ist reichlich altbacken. Journalisten müssen ihren Lebensunterhalt mit dem verdienen, was sie tun. Es ist ganz wichtig, dass jemand, der in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation zum Beispiel nicht mehr genug Artikel in den Zeitungen unterbringt, einen Job als Pressesprecher annehmen kann.
Dass er diesen Job annehmen kann, ist doch unbestritten. Die Frage ist, ob er gleichzeitig weiter als Journalist arbeiten kann.
Lange-Ernst: Natürlich lässt sich das unter einen Hut bringen. Ich selbst bin freie Journalistin und unter anderem Pressesprecherin des Berufsverbandes der Frauenärzte. Das eine geht in das andere über. Wichtig ist nicht, PR und Journalismus zu trennen, sondern mit seiner Aufgabe verantwortungsvoll umzugehen.
Aber es ist doch ein Unterschied, ob man als Journalist oder als PR-Macher an eine Redaktion herantritt. Ist das denn immer klar?
Lange-Ernst: Selbstverständlich kann das nicht immer ganz klar sein.
Wird dies nicht schon an der Bezahlung deutlich? PR-Texte werden der Redaktion umsonst zur Verfügung gestellt. Die Verfasser werden von Firmen oder Verbänden bezahlt. Für journalistische Texte hingegen wird man von der Redaktion bezahlt...
Lange-Ernst: Tut mir Leid, über Zahlungsmodalitäten kann und möchte ich keine Auskunft geben.
Es kommt also durchaus vor, dass man von beiden Seiten Geld bekommt?
Lange-Ernst: Das kann sehr gut sein, ist aber sicherlich sehr unterschiedlich.
Welche Medien sind das Betätigungsfeld für Medizinjournalisten? Geht es hier nur um Fachzeitschriften?
Lange-Ernst: Aber nein. Wir schreiben für die Massenblätter von «Bild» und der Yellow Press angefangen bis hin zu den Illustrierten und Magazinen wie «Bunte». Die Bevölkerung ist heute mehr denn je an Medizin- oder Gesundheitsberichten interessiert.
Ist es denn für die Leser immer deutlich, ob es sich um einen journalistischen oder um einen PR-Text handelt?
Lange-Ernst: Nein, es ist nicht immer ersichtlich, ob es sich um einen reinen PR-Text handelt; viele sind jedoch als solche gekennzeichnet.
Sehen Sie darin keinen Konflikt, unabhängigen Journalismus für die Interessen der Leser und gleichzeitig PR für die Interessen ihrer Auftraggeber machen zu wollen?
Lange-Ernst: Solche Dinge spielen sich nicht nur bei Journalisten, sondern auch bei anderen Berufsgruppen ab. Das sind Verflechtungen, die nicht ohne weiteres zu entwirren sind, da häufig merkantile Interessen im Vordergrund stehen.
Wäre es nicht eine Aufgabe einer Standesorganisation wie des Verbandes der Medizinjournalisten, klare Richtlinien zum Verhältnis von Journalismus und PR zu definieren?
Lange-Ernst: Da frage ich Sie sofort zurück: Wie sollten die denn aussehen?
Zum Beispiel, dass man nicht auf einem Gebiet journalistisch arbeiten darf, auf dem man selbst PR macht.
Lange-Ernst: Nein, nein. Das geht nicht. Es ist nicht die Aufgabe eines Dachverbands wie dem VDMJ, über seine Mitglieder oder Kollegen zu richten beziehungsweise bestimmte Anweisungen zu formulieren. Und wer fühlt sich berechtigt, den ersten Stein zu werfen? Heute ist es bereits so, dass Journalisten bei Kongressen und Veranstaltungen Schlange stehen, um eine Anzeige mit nach Hause zu nehmen, damit ihr Text überhaupt veröffentlicht wird. Ich weiß von Journalisten, die ihre Artikel vor der Veröffentlichung von der Herstellerfirma nochmals gegenlesen lassen müssen.
Halten Sie das für die Zukunft des Medizinjournalismus?
Lange-Ernst: Aber nein. Ich glaube vielmehr, dass sich Engagement und Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Lesern und eine vernünftige Aufklärung durchsetzen werden.
Die Fragen stellte Martin Niggeschmidt von «Message - internationale Fachzeitschrift für Journalismus».

