Holtzbrinck-Manager kauft «Tagesspiegel»
29. Sep 2003 10:42, ergänzt 16:37
Die Holtzbrinck-Gruppe gibt den «Tagesspiegel» an den BDZV-Vizepräsidenten Pierre Gerckens ab. Eine Bestandsgarantie für die Zeitung gibt es nicht, wie ein Holtzbrinck-Sprecher der Netzeitung sagte.
Der Holtzbrinck-Verlag hat einen Käufer für den «Tagesspiegel» gefunden - und es ist nicht der Bauer-Verlag. Es sei eine Vereinbarung getroffen worden, nach der Pierre Gerckens das Berliner Blatt baldmöglichst erwirbt, teilte die Holtzbrinck-Gruppe am Montag in Stuttgart mit. Gerckens ist Vizepräsident des Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und sitzt im Aufsichtsrat der Verlagsgruppe Holtzbrinck.Der durch den Verkaufsbeschluss überflüssig gewordene Antrag, Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) solle die Teilfusion von «Tagesspiegel» und «Berliner Zeitung» per Ausnahmegenehmigung erlauben, wurde gleichzeitig zurückgezogen. Das Bundeskartellamt hatte die Übernahme des Berliner Verlages von der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr zuvor untersagt. Die Behörde befürchtete eine marktbeherrschende Stellung auf dem Berliner Zeitungsmarkt.
Holtzbrinck werde beim Bundeskartellamt nun erneut die Erlaubnis für den Erwerb des Berliner Verlags, in dem die «Berliner Zeitung» und der «Berliner Kurier» erscheinen, beantragen. Gerckens muss wiederum den Kauf des «Tagesspiegel» beim Kartellamt anmelden, wie eine Sprecherin der Behörde der Netzeitung bestätigte.
Holtzbrinck beklagt Politisierung des Falls
Mit einer baldigen Ministererlaubnis für eine verlagswirtschaftliche Kooperation von «Tagesspiegel» und «Berliner Zeitung» sei nicht mehr zu rechnen, nachdem das Thema stark politisiert wurde, teilte Holtzbrinck zur Begründung mit. Daher habe sich die Verlagsgruppe nun für eine schnelle, klare Lösung entschieden. «Die von uns angestrebte 'Berliner Lösung' ist nich mehr möglich gewesen», sagte Rolf Aschermann, Pressesprecher bei Holtzbrinck, der Netzeitung. Bisher hatte die Gruppe argumentiert, dass ein Verkauf des «Tagesspiegels» nicht möglich sei, weil dies die wirtschaftliche Zukunft beider Blätter - «Tagesspiegel» und «Berliner Zeitung» - gefährde. Daher sei eine Fusion die einzig mögliche Lösung. Es hatte aber im Rahmen des Verfahrens für die Ministererlaubnis mehrere Interessenten für den «Tagesspiegel» gegeben, darunter den Hamburger Bauer-Verlag.
Keine Bestandsgarantie
Über Einzelheiten des Verkaufs an Gerckens hält sich Holtzbrinck bedeckt: Der Einzelunternehmer Gerckens habe mehr Möglichkeiten als die Holtzbrinck-Gruppe, begründete Aschermann den Verkauf. Über Details des Vertrages wollte sich der Sprecher nicht äußern. Im Rahmen des Verfahrens für die Minister-Erlaubnis hatte der Bauer-Verlag angeboten, den «Tagesspiegel» zu kaufen und eine Bestandsgarantie für sieben Jahren zu geben. Mit dem Verkauf an Gerckens gibt es aber nach Angaben des Holtzbrinck-Sprechers keine Bestandsgarantie für den «Tagesspiegel».
Es sei überraschend, dass plötzlich ein Käufer aufgetaucht sei, sagte ein Sprecher des Bauer-Verlags der Netzeitung. Bedenklich sei zudem, dass ein «Quasi-Mitarbeiter» von Holtzbrinck den «Tagesspiegel» übernehme. Der Bauer-Verlag werde den Vorgang genau prüfen.
Holtzbrinck wollte mit dem Kauf der «Berliner Zeitung» den Druck, die EDV, den Anzeigenverkauf sowie die Buchhaltung der beiden Zeitungen zusammenlegen. «Die geplanten Kooperationen sind unter den derzeitigen kartellrechtlichen Bestimmungen nicht möglich», sagte Aschermann. Mögliche Kooperationen mit dem wahrscheinlichen neuen Besitzer Gerckens ließ der Sprecher offen.
Käufer ist Holtzbrinck-Manager
Gerckens hat unter anderem als geschäftsführender Gesellschafter die «Verlagsgruppe Handelsblatt» entwickelt, die Regionalzeitung «Südkurier» saniert und den Aufbau des Zeitungsbereiches der Holtzbrinck-Verlagsgruppe in den 90er Jahren wesentlich mitgestaltet. Seit 1992 ist Gerckens zudem Mitglied des «Tagesspiegel»-Beirats.Er scheidet mit sofortiger Wirkung aus dem Aufsichtsrat von Holtzbrinck sowie allen anderen Gremien der Verlagsgruppe aus, wie der Verlag mitteilte.
Wirtschaftsminister Clement begrüßte die Entscheidung Holtzbrincks, den «Tagesspiegel» nun doch verkaufen zu wollen. Es sei gut, dass in dem Verfahren eine unternehmerische Lösung gefunden worden sei. Der jetzt eingeschlagene Weg sei auch «gut für den Berliner Zeitungsmarkt», sagte der Minister am Montag in Berlin. (nz)