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Weißer Ring beklagt Interview mit Gäfgen

07. Aug 2003 15:03
Magnus Gäfgen
Die Opferorganisation «Weißer Ring» hat gegen ein «Tagesspiegel»-Interview mit dem Bankierssohn-Mörder Gäfgen protestiert. Die Zeitung hatte ihn schriftlich befragt.

Die Opferorganisation «Weißer Ring» hat ein ausführliches Interview des in Berlin erscheinenden «Tagesspiegel» mit Magnus Gäfgen, dem Mörder des Bankierssohns Jakob von Metzler, scharf kritisiert: Es stelle einen «herben Schlag ins Gesicht von Gewaltopfern und ihrer Angehörigen» dar.

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«Es ist vollkommen unverständlich, wie man einem Menschen, der eine solche schwere Straftat begangen und so viel Leid über eine Familie gebracht hat, eine Plattform gibt, sich zu äußern und seine Gefühle darzulegen», sagte Helmut Rüster, der Sprecher des Opferschutzverbandes, in Berlin. In Erwartung möglicher Beschwerden wollte sich der Deutsche Presserat zu dem Interview nicht äußern.

Kodex untersagt nachträgliche Rechtfertigung

Dort verwies man indes auf die entsprechende Richtlinie des Standeskodex. Demnach sollen Redaktionen Verbrechern keine Gelegenheit geben, Straftaten nachträglich zu rechtfertigen oder zu relativieren.

Auch dürfen Opfer nicht «unangemessen belastet und durch eine detaillierte Schilderung eines Verbrechens lediglich Sensationsbedürfnisse befriedigt werden», so der Kodex weiter. Diese Passage beziehe sich allerdings vorwiegend auf Verbrecher-Memoiren, schränkte der Presserat ein.

«Antworten fordern zum Widerspruch heraus»

Unter dem Titel «Der Hass ist massiv geschürt worden» veröffentlichte der «Tagesspiegel» am Donnerstag ein ausführliches Interview mit dem 28-jährigen Gäfgen, der in der vergangenen Woche wegen Mordes an dem elfjährigen Jakob von Metzler zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Im Vorspann zu dem Wortlaut-Interview betont die Redaktion, dass hierfür weder Gäfgen noch seine Familie ein Honorar erhalten haben.

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Korrekturen an Gäfgens Aussagen und «spontane Einwände» auf die Antworten seien aber wegen der vom Gericht angeordneten Schriftform nicht möglich gewesen, schreibt die Zeitung: «Auch da nicht, wo der Befragte in Larmoyanz und Selbstmitleid ausweicht.» Inhaltlich gibt das Blatt über weite Strecken dem Befragten Gelegenheit zu eingehender Darstellung seiner Befindlichkeit vor Gericht und in der Haft – auch wenn es im Vorspann heißt: «Die Antworten fordern zum Widerspruch heraus.»

Weißer Ring vermutet Gegengeschäft

Die letzte Frage geht auf die Folterandrohungen der Polizei gegenüber Gäfgen kurz nach seiner Festnahme ein. Der «Tagesspiegel» hatte unter Verweis auf den Anwalt des Tatverdächtigen als erste deutsche Zeitung darüber berichtet.

Dagegen protestierte Weißer-Ring-Sprecher Rüster mit den Worten, es «wäre ein Skandal», sollte sich herausstellen, dass das Interview eine Art «Dankesgabe» für vorab gelieferte Exklusivinformationen sei. Mit Schwerverbrechern dürften keine «Geschäfte zu Lasten der Hinterbliebenen und letztlich des Opfers» gemacht werden. (nz)

 
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