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Die Rückkehr des Contergan-Wirkstoffs

04. Feb 2003 07:39
Der Wirkstoff des Contergan-Medikaments: Thalidomid.
Das Schlafmittel Contergan verursachte Ende der Sechziger Jahre schwere Missbildungen. Trotzdem soll der Wirkstoff jetzt gegen Krebs eingesetzt werden.

Drei Mark und neunzig Pfennige kostete das Schlafmittel «Contergan forte», das 1957 auf den Markt kam und Schwangeren ruhige Nächte versprach. Es sollte ein Albtraum für die werdenden Mütter und die weltweite Arzneimittelforschung werden: Der Wirkstoff Thalidomid verursachte schwere Entwicklungsstörungen bei tausenden ungeborener Kinder. Erst 1961 wird das Medikament vom Markt genommen. Jetzt soll eine klinische Studie zeigen, ob Thalidomid für die Therapie von Lungenkrebs wieder zugelassen werden soll.

Zulassung in den USA

Mehr in der Netzeitung:
Trotz des Contergan-Skandals ist Thalidomid (α-Phthalimidoglutarimid) nie ganz aus der Anwendung verschwunden. Eine Zulassung unter strenger Kontrolle hat Thalidomid in den USA beispielsweise für die Behandlung einer entzündlichen Komplikation der Lepra. Aber auch bei Entzündungen der Schleimhaut wie Mundulzera oder Folgeerkrankungen von Aids ist die entzündungshemmende Wirkung von Thalidomid gefragt.

Zur Behandlung von Krebs kommt Thalidomid aufgrund seiner Wirkung auf die Produktion des Tumor-Nekrose-Faktors (TNF) in Frage. Der Botenstoff kann das Immunsystem zur Zerstörung von Krebszellen veranlassen. Zur Zeit werden in Großbritannien zwei klinische Studien vorbereitet, in denen Thalidomid gegen Lungen- und Knochenmarkkrebs eingesetzt werden soll.

Therapieversuche

Mehr im Internet:
Angus Dalgleish vom St George's Hospital hat entdeckt, dass eine Komponente des Thalidomids, Seicid (selective cytokine inhibitory drugs) genannt, den Knochenmark-Tumoren von der Nährstoffzufuhr abschneidet, wodurch die entarteten Zellen in den Selbstmord getrieben werden. «Wir waren überrascht über die Fähigkeit dieser Wirkstoffgruppe, Krebszellen zu töten, aber normale Zellen offenbar unbeeinträchtigt zu lassen», sagte Blake Marriott, leitender Forscher in Dalgleishs Team. Diese neue Komponente und Seicid-Wirkstoffe im allgemeinen hätten deutliche Unterschiede zum Thalidomid, schreiben die Forscher im Fachmagazin «Cancer Research». Die Forscher rechnen damit, dass die klinischen Studien innerhalb der nächsten zwei Jahre beginnen könnten.

Eine Studie des Londoner University College versucht, Thalidomid bei 400 Patienten mit kleinzelligen Bronchialkarzinomen einzusetzen, die aggressivere Variante des Lungenkrebs. Der leitende Arzt Siow Ming Lee hofft, dass Thalidomid das Wachstum von Blutgefäßen stoppen kann, mit denen der Tumor sich versorgt. «Die Aussicht, mit den bisherigen Behandlungsmethoden gegen kleinzellige Bronchialkarzinome erfolgreich zu sein, ist gering. Deshalb müssen wir nach innovativen Therapiemethoden suchen», sagte Lee dem Onlinedienst der BBC.

Auch in Deutschland, an der Medizinischen Hochschule Hannover, läuft eine klinische Studie, bei der die Wirksamkeit von Thalidomid gegen eine Leukämie, das myelodysplastische Syndrom, getestet werden soll. Ebenso an der Kölner Universitätsklinik versuchen Ärzte Hodgkin-Lymphome, bei denen die übliche Chemotherapie nicht anschlägt, mit dem Contergan-Wirkstoff zu behandeln. Eine regelrechte Zulassung für Thalidomid gibt es jedoch nicht, noch handelt es sich lediglich um «Therapieversuche». (nz)

 
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