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Bertelsmann in der Nazizeit: 

Geschäft ist Geschäft

07. Okt 2002 20:06
Er leitete den Bertelsmann-Verlag während der Nazi-Zeit: Heinrich Mohn
Auch zu Zeiten des Nationalsozialismus hatte der Medienkonzern Bertelsmann den Massenmarkt als Orientierung. So wurde Hitlers Zielen entgegengearbeitet. Eine Analyse.

Auf knapp 600 Seiten fasst die «Unabhängige Historische Kommission« (Saul Friedländer, Dr. Norbert Frei, Trutz Rendtorff, Reinhard Wittmann) ihre Erkenntnisse über Bertelsmann im Dritten Reich zusammen. Die Kommission war gegründet worden, als der Publizist Hersch Fischler Ende der neunziger Jahre auf eine Geschichtsklitterung in Gütersloh aufmerksam gemacht hatte. Bertelsmann hätte keinesfalls eine Widerstandsrolle unter Hitler gespielt, sondern im Gegenteil durch kriegstreiberische, antisemitische und ideologiefördernde Literatur gute Geschäfte gemacht.

Fischler blieb ein Außenseiter, er bekam zu spüren, wie das ist, wenn das Imperium zurückschlägt. Der Ruf des störrischen Forschers hat unter den Enthüllungen eher gelitten als dass sie seiner Karriere förderlich gewesen sind.

Deshalb ist es bemerkenswert, wenn der neue Bertelsmann-Chef Gunter Thielen jetzt anlässlich der Vorstellung des Kommissionsberichts Hersch Fischler ausdrücklich erwähnt, ihm dankt und ihn so vom Stigma der «persona non grata» befreit.

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Überhaupt ist die Tatsache, dass Bertelsmann die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, lobenswert. Die Ergebnisse könnten den Auftakt zu einer gründlichen Darstellung der regionalen Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus bilden.

«Den Nazis tendenziell zugearbeitet»

Die Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass das Verlagsprogramm in der fraglichen Zeit «dem Nationalsozialismus tendenziell zuarbeitete». Damit entspricht das Verhalten der Bertelsmänner dem, was Ian Kershaw für die gesamte deutsche Gesellschaft herausgearbeitet hat. Es war nicht Hitler, der wie ein Außerirdischer über eine unschuldige Nation kam. Gesellschaftliche Entwicklungen wurden durch viele Einzelinitiativen vorangetrieben. An bestimmten geschichtlichen Punkten von Hitler entscheidend verstärkt.

Der organisierte Völkermord an den europäischen Juden war kein singuläres Ereignis. Er war nicht die Tat einiger weniger blutrünstiger Schergen. Er war der logische Schlusspunkt, dem viele kleine Schritte vorangegangen waren.

In diesem Szenario ist auch die Positionierung des Verlagshauses Bertelsmann zu sehen. Heinrich Mohn wollte Geschäft machen. Im Text der Kommission heißt es: «Ohne den dezidierten Willen, die unternehmerischen Ziele über alle anderen Erwägungen zu stellen, hätte sich sein Haus nicht hocharbeiten können.» Mohn hätte ein «fast intuitives Talent zur Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Regime» entwickelt.

Die HJ traf sich bei Mohns im Keller

Mohn agierte geschickt und stets mit Rückversicherung nach beiden Seiten: «Zwar trat der Verlagschef nie der NSDAP bei, aber seine Fördermitgliedschaft in der SS signalisierte die Bereitschaft zum politischen Arrangement; zwar rechnete er sich zur Bekennenden Kirche und bewahrte seinen jüngsten Sohn vor der Konfirmation durch einen deutsch-christlichen Pfarrer, aber sein Verlagsprogramm beherrschten in immer größerem Maße völkische und nationalistische Inhalte; zwar äußerte er sich, soweit ersichtlich, selbst nie offen ideologisch, aber im Keller seines privaten Wohnhauses versammelten seine Kinder die Hitler-Jugend im 'braunen Zimmer'».

Mohns Blickrichtung war wirtschaftlich bestimmt und steht damit in der Tradition des Hauses. Es ging um die «kontinuierliche Orientierung an einem potentiellen Massenmarkt». Die Kommission zieht eine Linie von den erbaulichen Heftchen über die Wehrmachtsunterhaltung bis hin zum Buchclub-Konzept in den fünfziger Jahren.

Ein «national player» dank der Umstände

Dank dieser streng durchgehaltenen ökonomischen Ausrichtung gelang Bertelsmann im Dritten Reich eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Bertelsmann schlug sogar den Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf. und war die Nummer eins in den Produktionsstatistiken. Aus dem Gütersloher Mittelständler war dank der Umstände ein «national player» geworden.

Dieser Erfolg war nur zum Teil den handwerklichen Qualitäten geschuldet. Wesentlich war die inhaltliche Konvergenz der völkisch-antisemitischen Ideologie mit einer theologischen Vulgärliteratur, die dem Protestantismus entsprang: Luther-Renaissance und politische Ethik waren die prägenden religiösen Wegmarken, die den Weg ebneten für Führerglauben und Antijudaismus, zwei der zentralen Säulen in der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Praktischer Antisemitismus

Der Kampf gegen die Moderne, den Hitler zu fechten sich für berufen hielt, war auch der Kampf einer schollenverbundenen, konservativen Theologie. Schon 1927 hatte Heinrich Mohn diesen Weg «mit völkisch-nationalistischen Untertönen» eingeschlagen, indem er die Reihe «Der christliche Erzähler» herausgab. Die Beschäftigung des NS-Schrifttumsfunktionärs Will Vesper als Verlagsautor war die logische Konsequenz eines Zusammenfließens von eigenem Denken und politischem Mainstream. Es spricht gegen Mohns Instinkt, dass er Vesper im Sommer 1945 weiter als Autor an das Haus binden wollte.

Die Kommission schreibt: «Tatsächlich war bei Bertelsmann seit etwa 1937 eine zunehmende Orientierung an den Vorstellungen nationalsozialistischer Unternehmensführung zu konstatieren.» Es ist fraglich, ob sich diese Orientierung nur auf administrative Effizienz-Aktionen beschränkte.

Selbst wenn sich die Haltung der Mohns weiter in jener schillernden Ambivalenz ausdrückte, von der sie über so viele Jahrzehnte profitierten: Es ist Mohn nicht aufgefallen, dass sich der Kontext des religiösen Antijudaimus in seiner Erbauungsliteratur verändert hatte. Der Antisemitismus war ein praktischer geworden: «Er bedeutete nun die Bereitschaft, die eigenen Verlagsprodukte vor dem Hintergrund einer in ihrer Bösartigkeit ständig wachsenden Diskriminierung zu sehen. Soweit erkennbar, erblickte Mohn darin keine moralische Last.»

Ein schwerer Schatten über Bertelsmann

Dieses Fazit der Kommission liegt als schwerer Schatten über Bertelsmann. Auch wenn Mohn offenbar in Einzelfällen Menschen, die von den Nürnberger Rassengesetzen diskriminiert waren, Unterschlupf gewährte, auch wenn er nicht von Arisierungen profitierte, auch wenn er nachweislich einem Mann geholfen hat, dessen jüdische Ehefrau nach Theresienstadt deportiert worden war – vor dem intellektuellen Anspruch, die Zeichen der Zeit zu erkennen, gar zu handeln, ist der Verleger gescheitert.

Die Kommission beklagt in ihrem Bericht mehrfach die schlechte Quellenlage. Die Erben Heinrich Mohns können sinnvoll tätig werden: Sie sollten alle Dokumente zugänglich machen und möglichst viele Forscher zu Detailuntersuchungen ermuntern. Nicht um das eigene Haus zu beschmutzen. Sondern um zum Verstehen beizutragen, wie sich ganz normale deutsche Unternehmer in die Pflicht nehmen ließen; um zu zeigen, wie viele Werkzeuge Hitler zur Verfügung standen, die er selbst nie anzufassen brauchte; um zu erhellen, wie viele Bürger dem Führer entgegengearbeitet haben und so das Verbrechen in seiner ganzen Dimension möglich machten.

 
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