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Unabhängige Historiker-Kommission: 

Bertelsmann-Geschichte im Dritten Reich aufgearbeitet

07. Okt 2002 11:26
Die Unabhängige Historische Kommission hat heute ihren abschließenden Bericht über Bertelsmanns Verhalten im Dritten Reich vorgestellt, der inhaltlich kaum überrascht. Die Kommission spricht allerdings von «allzu großer politischer Anpassung» des Unternehmens.

Die «Unabhängige Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich» (UHK) war 1999 von der Bertelsmann AG eingesetzt worden, nachdem in der Presse Vorwürfe gegen das Unternehmen wegen seiner ungeklärten Rolle in der NS-Zeit aufgetaucht waren. Bereits in einem Zwischenbericht hatte die UHK Anfang 2000 zu den Hauptvorwürfen Stellung genommen: die fördernde Mitgliedschaft des Verlegers Heinrich Mohn bei der SS, regimefreundliche Veröffentlichungen des theologischen und belletristischen Verlagsprogramms, das erfolgreiche Wehrmachtsgeschäft, die Vorgänge um die Verlagsschließung 1944.

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Der heute vorgestellte Bericht umfasst 800 Seiten. Er zeichnet in elf Kapiteln anhand von umfangreichem, bisher unbekanntem Archivmaterial, Dokumenten und Textproben ein differenziertes Bild des Verlagshauses während der NS-Zeit. «Das antimoderne Milieu, in dem das Unternehmen situiert war, spiegelte sich im – eingehend analysierten – theologischen und erbaulichen Verlagsprogramm, das sich in der Debatte um das 'wahre Christentum' mit der NS-Weltanschauung teilweise kritisch auseinandersetzte, teils aber auch obrigkeitsfromm für sie Partei ergriff,» erklärte die Kommission heute. Im Ergebnis stellt sie fest, dass sich bei Bertelsmann eine politische Theologie herausbildete, «die dem Nationalsozialismus tendenziell zuarbeitete.»

Profit aus der Militarisierung der Gesellschaft

Mit den erfolgreichen Kriegsbüchern zog der Verlag «aus der Militarisierung der Gesellschaft Profit» und förderte diese. «Insbesondere die Jugendheftreihe 'Spannende Geschichten' stellte sich mit Millionenauflagen in den Dienst der Kriegspropaganda. Dort, aber auch an weiteren Texten des belletristischen und theologischen Verlagsprogramms sind antisemitische Stereotype und Polemik zu finden,» so die Kommission, der Saul Friedländer, Norbert Frei, Trutz Rendtorff und Reinhard Wittmann angehören.

Der wichtigste Befund der Kommission, der sich aber bereits aus dem Zwischenbericht von 2000 herauslesen ließ, lautet: «Die Legende, C. Bertelsmann sei als 'Widerstandsverlag' geschlossen worden, ist nicht aufrechtzuerhalten. Sie diente ab 1945 dazu, von den Besatzungsbehörden möglichst bald eine neue Verlagslizenz zu erhalten.» Die Schließung ging auf Anklagen wegen Papierschieberei zurück.

Politische Anpassung

Als Grund für die 1944 erfolgte Schließung des Verlags hatte Thomas Middelhoff 1998 erklärt: «Wir hatten Bücher publiziert, die vom Dritten Reich als subversiv verboten wurden. Bertelsmanns fortdauernde Existenz war eine Bedrohung für den Versuch der Nationalsozialisten, die Redefreiheit zu kontrollieren.» Die Kommission stellt nun fest: «Middelhoffs Sichtweise repräsentierte zugespitzt die im Laufe der Jahrzehnte verfestigte Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung des Unternehmens hinsichtlich seiner Geschichte während des Nationalsozialismus.» Demgegenüber konstatiert die Kommission nun eine «allzu große politische Anpassung», ein «fast intuitives Talent zur Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Regime».

«In der Person von Heinrich Mohn fand dies seinen Ausdruck in einer geradezu prinzipiell erscheinenden Ambiguität,» so der Bericht. «Zwar trat der Verlagschef nie der NSDAP bei, aber seine Fördermitgliedschaft in der SS signalisierte die Bereitschaft zum politischen Arrangement; zwar rechnete er sich zur Bekennenden Kirche und bewahrte seinen jüngsten Sohn vor der Konfirmation durch einen deutsch-christlichen Pfarrer, aber sein Verlagsprogramm beherrschten in immer größerem Maße völkische und nationalistische Inhalte; zwar äußerte er sich, soweit ersichtlich, selbst nie offen ideologisch, aber im Keller seines privaten Wohnhauses versammelten seine Kinder die Hitler-Jugend im 'braunen Zimmer'.»

Gunter Thielen, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, bedauerte anlässlich der Veröffentlichung, dass man vorher im Haus «mit unserem historischen Erbe nicht sorgfältig genug umgegangen» sei. Die Bertelsmann AG akzeptiere den Bericht der UHK «uneingeschränkt als offizielle Darstellung der Geschichte des Unternehmens im Dritten Reich - und als beste Grundlage für künftige öffentliche und wissenschaftiche Diskussion,» so Thielen.
(nz)

 
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