Im Mai wird der deutsch-französische Fernsehsender Arte sein zehnjähriges Bestehen feiern. Seit neun Jahren ist Programmdirektor Victor Rocaries beim Straßburger Kulturkanal. NZ-Redakteur Christian Bartels sprach mit ihm über die Probleme und die Zukunft von Arte und den europäischen Programmgeschmack. Netzeitung: Herr Rocaries, wieviele Europäer sehen Arte? Victor Rocaries: In Frankreich erreichen wir zwischen 19 und 3 Uhr immer mindestens 400000 Zuschauer, in Deutschland mindestens 100000. In Belgien haben wir 2,1 Prozent Marktanteil, in der Schweiz auch, wir sind bis nach Tschechien, Polen und Ungarn zu empfangen. Exakte Zahlen für ganz Europa gibt es leider nicht. Netzeitung: Sie sind seit 1993 bei Arte. Haben Sie mal geglaubt, dass die Idee eines deutsch-französischen Fernsehsenders scheitern könnte? Rocaries: Ich war nicht sicher, solange zu bleiben. Die ersten Programmdirektoren waren nur ein Jahr da. Aber ich war mir sicher, dass die Europäer ein solches Projekt brauchen. Natürlich haben wir am Anfang viele Schwierigkeiten gehabt. In Frankreich mussten wir die Politiker von dem Projekt überzeugen, in Deutschland die Fernsehleute. Inzwischen ist uns beides gelungen. Netzeitung: Hätten Sie gerne noch andere Länder im Sender? Rocaries: Es war und ist die Idee, dass Arte ein europäischer Sender wird. Aber welche Rundfunkanstalt ist bereit, finanziell bei Arte einzusteigen? Leider gibt es im Moment keine Anstalt, die die Mittel dafür hat. Nur die BBC könnte das machen, sie hat aber kein Interesse.
Rocaries: Die Filme von Truffaut haben zum Beispiel in Deutschland und in Frankreich großen Erfolg. Es ist erstaunlich, wie erfolgreich deutsche TV-Filme in Frankreich sind. Und auch Sendungen über gesellschaftliche Themen wie Abtreibung werden viel gesehen. Natürlich gibt es auch Probleme. Die Deutschen haben die Tendenz, nach Osten zu schauen, die Franzosen schauen nach Süden. Zum Beispiel sind Programme über Algerien in Frankreich sehr erfolgreich, aber nicht in Deutschland. Da sind Programme über Polen und Russland erfolgreicher. Netzeitung: Die erfolgreichste Arte-Sendung in Deutschland war die TV-Premiere von «Lola rennt» mit 1,6 Millionen Zuschauern beziehungsweise 6,2 Prozent Marktanteil. Rocaries: Und auch «Die Manns». «Lola rennt» ist in Frankreich seltsamerweise nicht gut gelaufen, schon im Kino nicht. Aber «Jenseits der Stille» und «Das Leben ist ein Baustelle» sind deutsche Kinofilme, die auf Arte auch in Frankreich viel gesehen wurden.
Netzeitung: Und welche war die erfolgreichste Arte-Sendung in Frankreich? Rocaries: Auch ein Spielfilm: «Marius & Jeanette» von Robert Guédiguian. Damit hatten wir 18 Prozent Markanteil. Diesen Film hat Arte als reinen Fernsehfilm produziert, und als der Leiter des Festivals von Cannes ihn gesehen hat, hat er ihn sofort im Wettbewerb präsentiert. Darauf sind wir stolz. Beim deutschen Arte-Publikum ist er leider nicht so gut gelaufen. Netzeitung: Früher gab es oft deutsch-französische Koproduktionen, etwa die Jules-Verne-Verfilmungen in den Siebziger Jahren, und viele Krimis. Warum gibt es heute so wenige? Rocaries: Heute ist es normal, dass sich ARD und ZDF, France 2 und France 3 mit ihren Mainstream-Reihen wie «Kommissar Navarro» in Frankreich an ein nationales Publikum richten. Die Sender wissen, dass das die erfolgreichsten Programme sind. Aber es gibt noch Koproduktionen bei außergewöhnlichen, teuren Projekten wie «Napoleon» und «Der Graf von Monte Christo». Netzeitung: Aber das sind alles Leo-Kirch-Koproduktionen und insgesamt nur wenige Filme. Rocaries: Deswegen ist Arte als Bindeglied zwischen den europäischen Sendern umso wichtiger. Netzeitung: Zurzeit haben viele Menschen in Frankreich und in Deutschland Angst vor einer Globalisierung des Fernsehens durch internationale Konzerne wie Murdoch, Berlusconi, Vivendi und Bertelsmann. Rocaries: Dagegen kämpfen wir, gegen diese Konzentration, und dafür, dass es nicht nur noch amerikanische Filme zu sehen gibt. Ich halte es für wichtig, dass die «exception culturelle», die kulturelle Ausnahme, in allen Ländern existiert. Netzeitung: Wie wird die Fernsehlandschaft in zehn Jahres aussehen? Rocaries: Um Deutschland mache ich mir keine Sorgen, denn die Rundfunkgebühren sind hoch. Die Deutschen zahlen viel mehr als die Franzosen, daher haben die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender viel mehr Mittel als France 2 und France 3. In Frankreich ist es schwieriger. Netzeitung: Wird das Pay-TV stärker werden? Rocaries: Das Beispiel von Premiere in Deutschland ist erleuchtend. Als Arte angefangen hat, gab es in Frankreich nur sechs Kanäle, jetzt empfangen 20 Prozent der französischen Haushalte 30 oder sogar 100 Programme, und dem französischen Pay-TV geht es auch schlechter. Pay-TV wird immer nur für eine Minderheit interessant sein. Netzeitung: Der einzige paneuropäische Sender neben Arte, der eine Zeit lang funktioniert hat, war das frühere MTV-Programm, als Ray Cokes in London Anrufer aus ganz Europa hatte. Jetzt moderiert Cokes eine Musiksendung für Arte... Rocaries: Ich weiß nicht, ob MTV europäisch war, in Frankreich galt es schon immer als amerikanisch. Aber Ray Cokes ist ein Star in Frankreich und in Deutschland, obwohl er Engländer ist, und Musik ist ein guter Weg, um Grenzen zu überschreiten. 30 Prozent unserer Programme kommen aus europäischen Ländern jenseits von Deutschland und Frankreich, wie England und Spanien. Ich glaube, dass Arte als gebührenfinanzierter Sender eine riesige Chance hat, ein wirklich europäischer Sender zu sein.
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