Schwarzweiße Avantgarde
27. Jul 2001 07:31
 | Zeichnerin Okazaki Kyôko arbeitete früher für Männermagazine | Foto: Katalog |
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Schon lange geistert der Begriff Manga durch die westliche Comicwelt. Mit einigen kontroversen Serien wurden die japanischen Comics auch einem größeren Publikum bekannt. Dass Manga in Japan zum Alltag gehören, wird im Westen dagegen erst langsam verstanden.
Von Florian ZeyfangDurch den Import einiger Gewalt verherrlichender und sexuell expliziter Serien wurden Manga für westliche Medien interessant. Hinter den am Skandal orientierten Berichten über Schulmädchensex trat aber in den Hintergrund, was Manga vor allem sind: ein populärkulturelles Phänomen, dem eine über 200-jährige Geschichte nachgesagt wird. Eine Ausstellung im Ostasiatischen Museum in Berlin rückt dieses Bild nun zurecht und wirft einen Blick auf andere, künstlerische Seitenlinien von Manga.
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In Japan reicht die Kultur der kleinen Bildergeschichten weit zurück: Der Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai (1760-1849), in Europa berühmt geworden durch die Bewunderung Van Goghs und seiner Zeitgenossen, warf bereits Anfang des 18. Jahrhunderts kleinformatige, schnelle Zeichnungen aufs Papier. Er nannte sie «Manga», gebildet aus den chinesischen Schriftzeichen «man» (impulsiv, ziellos, übertrieben) und «ga» (Bild). Dargestellt sind in diesen als Holzdruckbücher gebundenen Blättern zumeist Beobachtungen des Alltags; verwendet wurden sie unter anderem zur Belehrung seiner Schüler.
Frühe Wegwerfliteratur
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden diese Bilder Allgemeingut: In hohen Auflagen druckte man die Farbholzschnitte auf billigem Papier und in einem typischen gelben Umschlag - wer denkt da nicht an Reclam. Diese Produkte einer frühen Wegwerfliteratur erfuhren erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Aufwertung und erzielen seitdem als Sammlerobjekte hohe Preise.
 | Minami Shinbô: Kleiner Mann im Ohr. Minami zeichnet mystische Erzählungen Chinas | Foto: Katalog |
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Hokusais Beobachtungen finden ihre Entsprechung knapp 200 Jahre später: Die meisten der Comics in Japan beschäftigen sich keineswegs mit Monstersex, sondern mit ziemlich banalen Alltagsthemen, nach Zielgruppen diversifiziert. Es gibt Comics für Angestellte, Sekretärinnen, Pensionäre, für Mädchen, Jungs, für Motorradfahrer und viel andere mehr - insgesamt macht die Produktion von Manga ein Drittel des gesamten Printmarktes in Japan aus.
Abstraktion und Drama
Das meiste davon kann man sich etwa wie Ally McBeal vorstellen: Liebeskummer in der Anwaltspraxis. Doch zwischen diese populären Dramoletten schieben sich bisweilen seltsam abstrahierte Geschichten. Beispielsweise die des Zeichners Taniguchi Jirô, dessen Bilder ohne Worte auskommen - eine Besonderheit im eigentlich textorientierten Manga, wo sogar Raumeindrücke und Stimmungen mit vereinfachten Lautsymbolen unterstrichen werden.
 | Taniguchi Jirô: 'Durch die Gassen' | Foto: Katalog |
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In seiner Serie «Der gehende Mann» etwa lässt er seinen Protagonisten einfache Spaziergänge in der urbanen Nachbarschaft unternehmen, während derer dieser nichts anderes tut, als seine Umwelt zu beobachten.
Sexualität und Geschichte
Einen großen Raum nehmen innerhalb der Ausstellung die Zeichnerinnen ein, Okazaki Kyôko etwa, die ursprünglich für Männermagazine arbeitete - ihr wird zugeschrieben, zusammen mit anderen Zeichnerinnen erstmals Sexualität im Genre thematisiert zu haben. In der Ausstellung sieht man ihre Achtziger-Teenager in typischer Unterhaltung, sie nennt die Serie «Sie sprechen wie aus dem Maschinengewehr».
 | Sugiura Hinako: 'April' | Foto: Katalog |
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Oder Sugiura Hinako, die Themen aus der Edo-Zeit verarbeitet. Ursprünglich wollte sie mit diesen Manga ihre Existenz als selbständige Historikerin absichern, nun gibt es von ihr bereits mehrere Sammelbände mit Anekdoten, die peinlich genau recherchiert sind.
Japan-Pop gestern und heute
Vor dem Hintergrund der historischen Sammlung des Ostasiatischen Museums gelingt es, die Verbindung der heutigen Manga mit Kunst und Alltagskultur der japanischen Vergangenheit herzustellen; hier konnte die ursprünglich von Natsume Fusanosuke kuratierte Ausstellung mit den Originalwerken Hokusais und seiner Zeitgenossen ergänzt werden. Ein Zufall: Ursprünglich wollte die Japan Foundation die Ausstellung in den Kunstwerken stattfinden lassen - dort hatte man aber kein Interesse. So gelang der wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Ostasiatischen Museum, Khanh Trinh, ein kleiner Coup: Statt der innerstädtischen Kunstmeile Auguststrasse lockt nun das entfernte Dahlem.
Gewaltige Unterhaltung
Auf diese Art wurden Manga bislang noch nicht einmal in Japan präsentiert - vielleicht steht dem bislang ihr Charakter als banale Alltagskultur im Wege. In den letzten Jahren jedoch hat die zeitgenössische Kunst Formen und Funktionen dieser Comics in ihr Repertoire aufgenommen und zu einer neuen, bunten Pop-Art hochstilisiert.In Dahlem dominiert dagegen Schwarz-Weiß, wie in den Manga auf Japans Strassen. Es sind die eher lyrischen Herangehensweisen in den meisten der dort gezeigten Comics, die die Schau interessant machen. Man wird sich der Besonderheit einer Massenkultur bewusst, in der solche Außenseiterprodukte doch ihren Ort in den in hohen Auflagen produzierten, buchdicken Manga-Heften finden. Dort werden die avantgardistischen Versuche Teil einer gewaltigen Populär-Unterhaltung.
«Manga - Die Welt der japanischen Comics». Bis 16. September, Museum für Ostasiatische Kunst, Lansstr. 8, Berlin-Dahlem.
Am Samstag, dem 28. Juli findet dort ein eintägiges Symposium statt: «Manga - Ein japanisches Kulturphänomen der Moderne?»
14 Uhr im Vortragssaal, Eingang Takustrasse 40
Florian Zeyfang ist Künstler und Autor und lebt in Berlin.