Media-Theke, die Medienkolumne der Netzeitung: 

netzeitung.deEine etwas andere Vorausschau aufs Medienjahr

 Herausgeber: netzeitung.de

Eines ist sicher: Das Medienjahr 2010 beginnt mit der Automatisierung der Netzeitung. Was sonst noch passieren könnte? Google macht weltweiten Mailverkehr verfügbar, paid content wird zum Megatrend, «Tatort» gibt's täglich. Und Guttenberg rettet mit den Hoteliers die deutschen Zeitungen.

Januar
+++ Gelungener Einstand für Wolfram Weimer beim «Focus». Das erste Heft des neuen Chefredakteurs mit der Titelstory «Die besten Partnerbörsen und wie Sie sie erkennen» verkauft sich mehr als 100.000-mal (inkl. Sonderverkäufe). +++ Nach dem Erfolg seines Zweiteilers
'Gier'
kündigt Dieter Wedel in der «Bild am Sonntag» an, als nächstes «Die Affäre Brender» um die Ablösung des ZDF-Chefredakteurs 2009 zu verfilmen. Für die Rolle des raubeinigen Titelhelden Nikolaus Brender har er Götz George gewonnen. +++

What would Google do? Der kalifornische Internetkonzern präsentiert seinen neuen Service «Gotcha!» ©, der ab sofort den globalen E-Mail-Verkehr durchsucht und in Echtzeit in seine Suchergebnisse einbindet. Dieses Angebot steht vorerst auf der US-Seite google.com zur Verfügung, jedoch werden auch in anderen Sprachen verfasste und über andere Dienstleister als Google Mail verschickte E-Mails bereits einbezogen. Jeder Internetnutzer kann unter Angabe seiner E-Mail-Adressen und der Passwörter bis 31.Mai bei Google Inc., 1600 Amphitheatre Parkway, Mountain View, CA 94043, USA postalisch beantragen, dass von seinen Adressen aus versandte E-Mails aus den von Google gelieferten Suchergebnissen entfernt werden («Opt-out»).

Februar

Bei der Gruner+Jahr-Innovationsolympiade gehen Bronze und Silber (und damit insgesamt drei Gratisabos) an die von Silke Burmester
eingereichten
Vorschläge «Gala Defloration» und «Gala Divorce». Gold geht an «Beef Family» als Line Extension des Männer-Kochmagazins
'Beef'.
Das Cover des prämierten Dummys ziert ein
rohes Kalbsschnitzel.
+++ Eine Analyse der internationalen Managementberatung Boston Consulting Group bescheinigt der deutschen Medienindustrie weit überdurchschnittliche Wachstumsraten von bis zu zehn Prozent. Die Südwestdeutsche Medienholding stellt ihre «Süddeutsche Zeitung» zum Verkauf. +++ Nachdem er das Sat.1-Abendprogramm an drei Wochentagen konstant an die 1 Mio.-Zuschauer-Marke geführt hat, wechselt Johannes B. Kerner innerhalb der Sendergruppe zu Kabel eins und übernimmt dort den schwierigen Sendeplatz um 18.30 Uhr. «Wir sind sicher, für Johannes jetzt eine ideale Herausforderung gefunden zu haben», sagt Marcel Mohaupt, Vice President Group Strategic Access Prime Time Development & Acquisitions bei ProSiebenSat.1. +++


März

Kurz bevor die internationalen Finanzinvestoren Permira und KKR die «Süddeutsche Zeitung» übernehmen, holt der Favorit der Bundesregierung, die Zeitungsgruppe NevenDuMont Schauberg, die britische Mecom Group ins Boot. Altverleger Alfred NevenDuMont: «Mit
David
verbindet uns eine Vision. Wir sind Verleger, die sich für die Zeitung, für die Publizistik, auch natürlich für Online interessieren.» Die neu formierte Zeitungsgruppe NevenDuMontGomery Schauberg (MDGS) erwirbt den Süddeutschen Verlag für rund 2,35 Mrd. Euro. Im Interview mit meedia.de skizziert NevenDuMont die neue Strategie: «Jetzt investieren wir kräftig in die Digitalisierung.» +++ Nur 0,09 Prozent der deutschen Internetnutzer haben von der «Opt-out»-Regelung bei Google Gotcha! © Gebrauch gemacht. Auf dem Digital Innovators' Summit in Berlin wischt Google-CEO Eric Schmidt Datenschützer-Bedenken vom Tisch: «If you have something that you don't want anyone to know, maybe you shouldn't be writing it in the first place». +++

Die Bundesregierung stellt ihren Gesetzesentwurf zum Leistungsschutzrecht für die Verleger von Druckwerken vor. Entgegen verbreiteten Befürchtungen werden publizistisch tätige Internetnutzer wie z.B. Blogger nicht extra zur Kasse gebeten. Eine Abwägung, wann gewerbliche Textverwertung beginne, erscheine nicht praktikabel. Vielmehr unterliegen ab 2012 alle Geräte, die die sogenannte «elektronische Presse» aus dem Internet empfangen können, zum Beispiel Computer, Handys und ab 2016 auch Kühlschränke, einer Abgabepflicht an die zu gründende Verwertungsgesellschaft Presse. Die Höhe der monatlichen Abgaben wird 2011 durch externen Sachverstand bestimmt. Mit der Durchführung wird die Gebühreneinzugszentrale GEZ betraut, deren Bestand damit gesichert ist.


April

Der erste Megatrend der Zehner Jahre: paid content im Netz. Die Abonnentenzahl für das bezahlpflichtige Online-Angebot der Berliner Morgenpost hat sich seit Dezember verzehnfacht, meldet turi2.de (auf über 40). +++ Auf ihrer Intendantentagung in Erfurt beschließt die ARD, die «Tagesthemen» ab Herbst einheitlich um 21.45 Uhr zu senden und zur Unterstützung sechsmal pro Woche um 20.15 Uhr einen «Tatort» im Ersten auszustrahlen. «Damit erfüllen wir den Wunsch vieler Krimifans», so der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust, «wie auch den staatsvertraglichen Funktionsauftrag, aktuellen Informationssendungen ein großes Publikum zuzuführen.» +++ Die optimistische Boston Consulting-Analyse zur deutschen Medienindustrie beruhte auf einem Übersetzungsfehler. In Wahrheit weiten sich die Verluste um jährlich zehn Prozent aus. +++ In der neuformierten deutschen MDGS-Gruppe kommt das Personalkarussell in Schwung. Die Chefredaktion des Kölner Stadtanzeigers übernimmt der Leichlinger Hans Leyendecker («Macht hat immer zwei Seiten: Der Mächtige kann sich an ihr berauschen, kann sie aber auch zum Guten nutzen») und verspricht, den in Deutschland darniederliegenden investigativen Journalismus zu stärken. Die Leitung des zentral in Halle/ Saale eingerichteten Politikpools für die MDGS-Blätter übernimmt Kurt Kister. Ein neuer Chefredakteur für die Süddeutsche Zeitung wird weiter gesucht. Hochkarätige Kandidaten wie Claus Strunz, Josef Depenbrock und das Gespann Jakob und Franziska Augstein finden im neu formierten Redaktionsausschuss keine Mehrheit. +++

Mai

Die Deutsche Telekom wirbt «für eine mittlere siebenstellige Summe» («FTD») Sascha Lobo vom Wettbewerber Vodafone ab und macht ihn zum Vorstand New Products, Innovation & Procrastination. Vorstandsvorsitzender René Obermann im «Spiegel»: «Prokrastination ist eine Kernkompetenz der Telekom, und das muss auch der Vorstand verkörpern». Lobo soll auch neben Franz Beckenbauer in Werbespots auftreten. +++ Die Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» (MDGS) übernimmt der
Publizist
und darstellende Künstler Sky du Mont. +++ Die Bundesregierung kündigt einen Runden Tisch der Medienindustrie an. Unter dem Motto «Mit Medienkompetenz fit für die Zukunft» und dem Vorsitz des Bundesministers für Wirtschaft und Weinbau,
Rainer Brüderle,
tagen im Schlosshotel am Wörthersee Vertreter von Bund, Ländern und anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen. Engagiert werden Modelle zur Privatisierung des ZDF diskutiert, treffen jedoch auf scharfe Proteste der Ministerpräsidenten Koch (CDU) und Beck (SPD). +++ Dieter Wedel hat auch die zweite Hauptrolle in «Die Affäre Brender» besetzt: Den Roland Koch spielt Roland Koch
('GeldMachtLiebe')
.


Juni

Der ZDF-Verwaltungsrat, ohnehin durch Wedels Recherchen aufgestört, zieht Konsequenzen aus der unbefriedigenden Quotenentwicklung seit April. Ab Herbst soll der bisherige Chefredakteur Peter Frey (im Wechsel mit der vom MDR abgeworbenen Else Buschheuer) die fortan fünfzehnminütige Wettershow im Anschluss ans «heute-journal» aufwerten, in der künftig auch täglich ein prominenter Gast auftritt. Neuer Chefredakteur wird der zuletzt bei Neun Live unzufriedene Johannes B. Kerner, der täglich im Anschluss an die Wettershow das alte journalistische Format «Was nun...?» wiederbelebt. +++ Deutschlands größter Medienkonzern im Brennpunkt. Die Bertelsmann AG stößt Gruner+Jahr an Permira und KKR ab und übernimmt im Gegenzug 120 Karstadt-Warenhäuser. In Hintergrundreportagen aus Ostwestfalen nähren H.-P. Siebenhaar («Handelsblatt») und Thomas Schuler («Berliner Zeitung») Spekulationen, wonach oppositionelle Kräfte in der Familie Mohn Thomas Middelhoffs Rückkehr nach Gütersloh betreiben. +++


Juli

Das Platz Spiel um 3 bei der Fußball-WM in Südafrika avanciert in Deutschland zur meistgesehenen TV-Sendung des Jahres. Deutschland schlägt Italien mit 1:0 im Elfmeterschießen. Nachdem Michael Ballack, Lukas Podolski und David Odonkor ihre Elfmeter verschossen haben, wird der in der 119. Minute eingewechselte Ersatztorhüter Jörg Butt (FC Bayern) zum Matchwinner. +++ Die zweitmeistgesehene Sendung 2010: das Finale am 11. Juli. Rund 21,5 Mio. Zuschauer sehen, wie Nürnbergs Edelreservist Angelos Charisteas in der 83. Minute Seleção-Torhüter Júlio César überwindet und das spielentscheidende Tor erzielt. +++ Das Comeback des Jahres: Leo Kirch ist wieder da. Der 83-Jährige erwirbt von Rupert Murdochs News Corp. deren rund 45 Prozent an der Sky Deutschland AG, dem Betreiber der gleichnamigen Pay-TV-Plattform. Kreise beziffern den ungenannten Kaufpreis auf eine hohe fünfstellige Summe. +++


August

Man darf einfach nicht alles glauben, was im Internet steht. Die «New York Times» fällt auf eine Fälschung in der deutschen Wikipedia herein und verpasst auf ihrer gedruckten Titelseite dem neuen Bundeskanzler einen überzähligen Vornamen («Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Gutfried Freiherr von und zu Guttenberg»). +++ Seit Bekanntwerden der «Tatort»-Offensive läuft die Gerüchteküche heiß. Christoph Maria Herbst soll als Hauptkommissar Feldhusen in
Bornheim-Walberberg
auf Mörderjagd gehen. Frank Plasberg, der im Rahmen der Programmreform seinen «hart aber fair»-Sendeplatz verlor, liegt das Angebot vor, künftig als Kommissar Klaus Barski im «Tatort Köln Süd» zu ermitteln. +++ What would Google do? Der Internetkonzern erzielt einen Durchbruch bei der Spracherkennung und verschriftlicht ab sofort den globalen Telefonverkehr, um ihn in Echtzeit in Suchanfragen einzubeziehen. Der Service umfasst vorläufig nur den Mobilfunk, soll aber zügig auf nordamerikanische und europäische Festnetzgespräche ausgeweitet werden. In der Volksrepublik China bleibt die Auswertung des Dienstes während einer Betaphase staatlichen Stellen überlassen. Ein Opt-out-Modell äquivalent dem beim E-Mail-Verkehr praktizierten (siehe Januar) verspricht Google bis Ende 2013 anzubieten. Google-CEO Schmidt zu gawker.com: «Don't be evil, and there is no cause for fear».


September

+++ Auf dem Zeitungskongress 2010 in Anklam stellt Kanzler zu Guttenberg sein Zeitungszukunftssicherungsgesetz vor: Ab Januar 2011 können Betreiber von Hotels, Pensionen oder Gasthöfen pro Übernachtungseinheit jeweils eine überregionale Qualitätszeitung und eine lokale oder regionale Tageszeitung abonnieren. Die Kosten für die Gutscheine übernehmen anteilig Bund, Länder, Kommunen und die Europäische Union. +++ Chefredakteur Kerners Rezept beschert dem ZDF Erfolg in der Second Prime Time. «Was nun, Frau Nebel?» und «Was nun, Herr Lafer?» gehören zu den beim Gesamtpublikum erfolgreichsten Sendungen des Jahres. In «Was nun, Freiherr von und zu Guttenberg?» enthüllt ZDF-Chefredakteur Kerner, dass hinter dem «NYT»-Wikipedia-Eklat virales Guerilla-Marketing eines deutsches Lebenmittelsherstellers steckt. Kanzler Guttenberg dementiert, eingeweiht gewesen zu sein.


Oktober

+++ Trotz Kerners Erfolg legt der ZDF-Verwaltungsrat Intendant Markus Schächter den Rücktritt nahe. Sein Konzept, der ARD-«Tatort»-Offensive mit dem Ausbau eigener Krimi-Marken wie «Bella Block» zu begegnen, sei «den Gebührenzahlerinnen und Gebührenzahlerin nicht vermittelbar!», twittert
@KurtBeck
. Ein Nachfolger ist schnell gefunden. Mit 13 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung wählt der Verwaltungsrat den bisherigen Geschäftsführer der ARD Degeto, Hans-Wolfgang Jurgan, zum neuen Intendanten. +++ Nach Protesten des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger sowie des Konzerngeschäftsführers Public Affairs der Axel Springer AG, Christoph Keese, wird das Zeitungszukunftssicherungsgesetz als Zeitungs- und Zeitschriftenzukunftssicherungsgesetz (ZZZSG) nachgebessert: Ab 2011 dürfen Hotelbetreiber pro Übernachtungseinheit und Tag zusätzlich eine Straßenverkaufszeitung erwerben, pro vier Einheiten eine wöchentliche oder zwei monatlich erscheinende Zeitschriften abonnieren. +++ Überraschung für Claus Kleber. Während einer vermeintlichen Kaffeepause bei der Jurysitzung des neu gestifteten Nikolaus-Brender-Preises für kritischen Journalismus verlässt der Anchor den Raum. Kurz darauf überrascht ihn die Nachricht, dass er der Gewinner ist. Zunächst verärgert, erklärt sich Kleber bereit, den Preis anzunehmen und das Preisgeld einem gemeinnützigen Zweck zuzuführen.


November

Die Netzeitung feiert ihr zehnjähriges Bestehen und erscheint mit über 100.000.000 Visits erstmals seit Jahren wieder unter den Top Ten der Nachrichtenseiten. «Erfolg verhält sich online umgekehrt proportional zur Manpower», äußert ein ebenfalls bereits
automatisierter
Chief Digital Officer. Der Erfolg zieht Nachahmer an: «stern.de» und der «Welt Online»-Newsroom sagen zu, die Anzahl ihrer Redakteure mittelfristig auf den state of the art runterzufahren. +++ Bayerns Staatsminister Markus Söder (CSU) setzt eine Nachbesserung im ZZZSG durch: Zur Lese- und Medienkompetenzförderung erhalten alle Eltern, die ihre Kinder selbst zuhause betreuen, pro Kind zusätzlich zum Betreuungsgeld ein Tageszeitungs- und ein Zeitschriftenabonnement. +++ Auf dem Mainzer Lerchenberg kündigt Intendant Jurgan an, unter dem Motto «Im Zweiten führen alle Wege zum Glück» gegen den täglichen «Tatort» einen täglichen
Sonntagsfilm
zu setzen.


Dezember

Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten begrenzt die Expansionspläne von ARD und ZDF. Die Zahl der «Tatort»- und «Sonntagsfilm»-Neuproduktionen wird auf vier bis sechs pro Woche gedeckelt. Auch im Ersten und im Zweiten müsse Raum für Fußballspiele und Volksmusik bleiben, heißt es bei der KEF. Die Rundfunkgebühren steigen in der nächsten Gebührenperiode auf 36,99 Euro im Monat. «Das sind weniger als 1,22 Euro für zwei Hochglanzfernsehfilme am Tag», sagt der Vorsitzende der Gremienvorsitzendenkonferenz, Althaus. +++ Riesenerfolg für den Süddeutschen Verlag: «Dieses Jahr verschenke ich was Selbstgemachtes», die DVD-Edition des neuen Chefredakteurs du Mont (mit den Spielfilmen «Otto - der Film», «Eyes Wide Shut», «Der Schuh des Manitu» und «Samba in Mettmann») verkauft sich über 900.000-mal. +++ Bund und Länder beschließen, das ZDF zu privatisieren, sobald sich das Börsenklima verbessert haben wird. Mit dem Erlös soll der private Sender RTL2 erworben werden und unverzüglich in die Kontrolle des bisherigen ZDF-Verwaltungsrats und -Fernsehrats übergehen, die der Transaktion unter diesen Bedingungen zustimmen. «Wir stellen die Zukunft der künftigen öffentlich-rechtlichen Sender auf ein sicheres Fundament», freuen sich Beck und Koch. +++ Gerüchten zufolge wird Google Gotcha! © ab 2011 in einem teils kostenpflichtigen «Freemium»-Modell sämtliche seit 1995 geschriebenen E-Mails durchsuchen. +++ Der Claus-Kleber-Preis für Fernsehjournalismus 2010 geht an Nikolaus Brender.



Für das Web ediert von Christian Bartels