21.12.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Wenn das Finanzamt Weihnachten feiert... (im aktuellen 'Wilsberg'-Krimi)
Foto: ZDF/ Guido Engels
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der deutsche Regionalkrimi boomt im Fernsehen. Bis Jahresende wird zwischen Münster und dem Königssee gemordet. Und in Stuttgart feiert die Mutter aller Regionalkrimis ein großes Jubiläum.
Das ZDF, das serienmäßig gerade werktäglich um 18.00 Uhr immer eine neue «SOKO»-Folge aus München, Köln, Stuttgart, Wismar und Wien im Angebot hat, ließ in seinen Fernsehfilmen zuletzt im
Spreewald und im
Wendland morden. Im Januar geht es auf Amrum («Mörder auf Amrum») und anderswo («Die Toten vom Schwarzwald») weiter. Aber auch bis Jahresende wird noch kräftig gemordet.
Beziehungsweise gemordet nicht überall wirklich. Die Gangster in Münster in «Wilsberg: Oh du tödliche ...» (Mo., 21.12., ZDF) malträtieren ein Opfer zwar bis aufs Blut. Es überlebt dann aber doch. Der Film reanimiert das Genre der turbulenten Krimikomödie, das das ZDF seit den «Musterknaben» (Trailer,
Youtube) aus rästelhaftem Grund aufgegeben hat. Dabei profitiert er sogar von seinem Schauplatz Münster. Dass sowohl die regelmäßigen Hauptfiguren wie auch die mehr oder minder Kriminellen, deren Fall dieses Mal gelöst werden muss, einander dauernd über den Weg laufen und so die Handlung vorantreiben, kauft man dem Film ab, weil er in einer relativ überschaubaren Stadt spielt.
Der nette Slapstick wurde vergangene Woche schon mit einer Vorpremiere auf dem an vergleichsweise junges Publikum gerichteten Sender ZDF-neo geadelt. Tatsächlich kann Wilsberg zum Beispiel im Vergleich zu «Bella Block» (die in ihrer Figuren-Legende inzwischen nicht mehr Kommissarin bei der Mordkommission ist, sondern als Pensionärin weiter ermittelt) als halbwegs jugendlicher Krimi gelten, weil der Darsteller Leonard Lansink sichtlich, darum authentisch altert, und sich als eher prekär lebender Privatdetektiv auf der Höhe der Zeit befindet.
Angenehme Herren mit AutofaibleSechs Tage drauf, an Sonntag, dem 27. September findet ein so großes Jubiläum statt, wie es das zuletzt vor siebeneinhalb Jahren
gab. Nun wird der «Tatort» 750 Filme alt.
Die Jubiläumsfolge kommt aus Stuttgart, trägt den hintersinnigen Titel
'Altlasten' und ist insgesamt ungefähr eine Viertelstunde lang gut: fünf Minuten am Anfang, zehn am Schluss. Zum Vorspann werden drei Sequenzen ineinander montiert: ein alter Mann beseelt mit einer Frau tanzend, derselbe Mann tot im Sarg, ein kleines Mädchen hilfeschreiend wegrennen.
Was das alles zu tun hat, darum geht's. Überhaupt geht es ja in jedem «Tatort»-Krimi um die Frage, was die unterschiedlichen Handlungsstränge miteinander zu tun haben. Dass sie einmal nichts miteinander zu tun haben, wie im wirklichen Leben und in guten Polizeikrimis à la «KDD», ist weitgehend ausgeschlossen.
Die Zeit bis zur Auflösung, die dann durchaus Wucht besitzt, nutzen die Stuttgarter Kommissare, um sich einmal mehr als angenehm gepflegte Herren mit leichten Beziehungsproblemen und starkem Autofaible zu zeigen. In den Dialogen wird dazu wie immer ein Talkshow-bekanntes gesellschaftliches Thema besprochen (das in besseren Folgen dagegen dramatisiert wird), in diesem Film die Zweiklassenmedizin. Solange entfaltet der Film die visuelle Brillanz eines
Radio-'Tatorts'. Wie sehr sich auch Regisseur Eoin Moore gelangeweilt haben muss, tritt zutage, wenn er einmal rätselhafterweise ein «Mensch ärgere Dich nicht»-Spiel, das der eine Kommissar mit seinen Kindern spielt, mit «Spiel mir das Lied vom Tod»-Musik unterlegt und auch so inszeniert.
Überdies lassen sich gelernte Regeln überprüfen: Wer nach 70 Minuten als Mörder erscheint, kann es niemals sein, weil die finale Auflösung frühestens ab Minute 80 erfolgen darf. Das hat der «Tatort» über die Jahrzehnte dem Publikum eingeschliffen.
Aus dem Fundus der 749 schon gesendeten Stücke läuft weiterhin täglich durchschnittlich mehr als eines im Fernsehen. Daneben werden bis zu 150 Stück seit Anfang Dezember erstmals auch massenweise auf DVDs verkauft, bizarrerweise (bzw. unbizarr aus
aus finanziellen Gründen) nicht von einem der ARD-Labels, sondern von Walt Disney Studios Home Entertainment.
Morbide auf Romys SpurenRichy Müller ist ja eigentlich ein guter Schauspieler, bloß zeigt er das als Stuttgarter Kommissar selten. Gut zum Beispiel war er neben Yvonne Catterfeld im Sat.1-Krimi «Schatten der Gerechtigkeit» der es dann auch zum
Fernsehfilm-Festival Baden-Baden schaffte.
Nächste Woche (30.12., 20.15 Uhr) ist Catterfeld im, nun ja, Krimithriller
'Das Geheimnis des Königssees' zu sehen. Hier geht's also um einen Mord ganz im Süden Deutschlands. «Für den Thriller stand die Schauspielerin und Sängerin erstmalig für einen 90-Minüter vor der Kamera», heißt es im offiziellen
Sendertext. Das stimmt insofern, als der Film vor genau drei Jahren entstand. RTL hat ihn jetzt erst aus dem Giftschrank geholt, in dem beim erfolgreichsten deutschen Privatsender so allerhand deutsche Produktionen lagern.
Der Film möchte gern mit Bezug auf Daphne du Maurier Mysteryspannung aufbauen, und unterhält immerhin etwas, weil Regisseur Marcus O. Rosenmüller Bildgestaltungswillen demonstriert (RTL: «Marla kehrt zum Königssee zurück, der sich bleigrau und in eisiger Kälte zeigt»). Die Handlung allerdings taucht aber er schnell in Diffussion.
Marla wird vom Hotelier Maximilian umgarnt, der über 20 Jahren früher die schöne Nora liebte, bis diese spurlos verschwand. Diese Nora aber war die wahre Mutter Marlas, deren vermeintliche Mutter sie nur aufgezogen hat. Dass es so ist, erkennt man gut daran, dass Nora damals in Rückblenden genau wie Marla heute aussieht, also auch von Catterfeld gespielt wird.
Während Marla unter verschwiegenen Bayern alte Geheimnisse aufdeckt und der Plot zwischen Albern- und Wirrheit schwankt, verflüchtigt sich der eigentliche Film in ein leicht morbides Verschränken der Zeitebenen, nicht zuletzt, weil Yvonne Catterfeld sich in zeitgenössische Kostüme der frühen 80er Jahre kleidet. Und Romy Schneider-hafter denn je aussieht. Das Jahr 1982, in dem die Rückblenden spielen, war Romy Schneiders Todesjahr, die bayrisch-österreichische Grenzlandschaft ist nicht bloß «Sissi»-Areal, am Königssee wuchs Romy Schneider sogar auf. So scheint der ganze Film nichts anderes als Catterfelds Bewerbungsvideo für die Romy-Rolle gewesen zu sein, für die sie ja zeitweise auch engagiert war.
Vor der Folie alter Schneider-Filme, in denen es ja oft um verdrängte und verschwiegene Vergangenheit der Nazijahre ging, ergibt der RTL-Film fast schon wieder Sinn.