04.12.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Tanz am Pool: Gerd Wameling, Sabine Orléans in 'Gier'
Foto: ARD Degeto/Boris Guderjahn
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Zweiteiler «Gier» zeigt Regisseur Wedel wie ein kleiner Fellini das süße Leben der alternden Spaßgesellschaft - und macht ansonsten ratlos. Klar ist: Im Januar gibt es die volle Dröhnung.
Fritz Lichtenhahn war da, der Darsteller des alten Semmeling aus alten Wedel-Filmen. Klaus-Michael Kühne, der reichste Mann Hamburgs soll auch da gewesen sein. Solche Gäste lade Wedel eben ein, hieß es. Es herrschte großer Trubel im Hamburger Hotel «Vier Jahreszeiten», als Dieter Wedel, Regisseur legendärer Fernsehmehrteiler wie «Der Schattenmann» (1996) und «Der große Bellheim» ('93), am gestrigen Donnerstag seinen neuen Film präsentierte.
'Gier' kommt im Januar ins Arte- und ARD-Programm.
Fünf Jahre soll Wedel daran gearbeitet haben, sagen seine Produzenten. Eher drei Jahre, sagt Wedel selbst. Der gerade 70 Jahre alt gewordene Regisseur ist bekannt dafür, die Verfilmung so ziemlich jeden Skandals, der gerade durch die Presse geht, projektweise anzukündigen.
Das Dreifache und noch viel mehr«Gier» ist inspiriert vom Fall des Anfang der 1990er Jahre aktiven Finanzbetrügers Jürgen Harksen, verlegt ihn in die Gegenwart und reklamiert daher «atemberaubende Aktualität» (Wedel
zu Radio Bremen). Der Protagonist mit dem weniger sprechenden als schreienden Namen Dieter Glanz (Ulrich Tukur) verspricht das Dreifache des eingesetzten Kapitals und noch viel mehr als Rendite. Diese Versprechen hält er zwar nicht, aber sie allein locken immer mehr Anleger, die ihm ihr Geld sogar aufdrängen.
Der Immobilienmakler Andy Schroth
(Devid Striesow, ein Auslastungswunder des deutschen Kino und Fernsehfilms) arbeitet sich in Glanz' Entourage vor und drängt Kollegen und seinen Vater (Heinz Hoenig), ihm ihr Erspartes anzuvertrauen, auf dass Glanz es vermehrt. Hinter dessen angeblichen Geschäften steckt überhaupt nichts, das merkt man als Zuschauer schnell. Nur die Filmfiguren merken es nicht.
Wenn wieder einmal einer ahnt, dass der wieder einmal kurzfristig verschobene Zahltag niemals kommen wird und Glanz ein Betrüger ist, dann schmeißt dieser eine neue Runde Schampus. Und alle trinken und tanzen und freuen sich auf den bevorstehenden noch größeren Reichtum.
Sie stibietzen sich die Hummer von den TellernSo werden die Spekulanten, die den Betrüger in seinen Villen besuchen und mit ihm rauschende Partys feiern, zum eigentlichen Zentrum des Films. Mit Fellini-hafter Freude filmt Dieter Wedel das
dolce vita des Hofstaats um Dieter Glanz: der füllige kleine Spaßvogel (Gerd Wameling), der immerzu «Dieser Schlingel!» und «Was für ein Teufelsbraten!» akklamiert, wenn wieder eine vermeintliche Erfolgsmeldung des Meisters kommt, die noch fülligere Unternehmerin (Sabine Orléans) mit dem jungen Gigolo an der Seite, der mager-verhärmte, aber beim Tanzen umso exaltiertere Ex-General (Dieter Laser), dem sein Geld wegen seiner Krebserkrankung sowieso egal ist, der ängstliche Juwelier (Kai Wiesinger) mit Gattin, der versoffene Millionenerbe (Harald Krassnitzer), der gern zynisch wäre, aber auch dafür nicht klug genug ist.
Sie alle lümmeln am Pool herum oder planschen darin, bespritzen einander mit Wasser und Cocktails, stibietzen einander die Hummer von den Tellern, biegen sich vor Lachen, knuffen und puffen sich. Und vor allem tanzen die Schranzen in Glanz' Hofstaat immer wieder jubelnd-verzückt zu Musik, die erst nach Flamenco-Pop, später afrikanisch angehaucht klingt und manchmal von Anouschka Renzi gesungen wird. Die alten Filmmusikrecken
Harold Faltermeyer und
Eberhard Schöner haben die teils fürchterlichen Songs für Wedel geschrieben.
Die Pools im Mittelpunkt der Handlung befinden sich sowohl auf Mallorca, wo Teil 1 vor allem spielt, als auch in Südafrika, wohin Dieter Glanz (wie einst der echte Harksen) im Laufe der Handlung vor den deutschen Steuerbehörden flieht. Dass die teuren Schauspieler (unter denen Uwe Ochsenknecht als hessisch babbelnder Proll-Unternehmer hinabragt) an authentische Originalschauplätze geflogen wurden, ist eine Frage der Ehre. Etwas unter sechs Millionen Euro soll der Zweiteiler die ARD gekostet haben, rund doppelt so viel wie sonst für zwei Neunzigminüter bezahlt wird.
«Wir Frauen sind da geübter»Wo das Geld steckt, sieht man dem Film an. Gern setzt Wedel auch blütenweiße Anzügen an blütenweißen Stränden in Szene. Und spielt da seine Spezialität aus, den knackigen oder knackig gemeinten Oneliner. Einmal klettert Schroth erstmals in seinem Leben auf ein Pferd - natürlich auf einen Schimmel am weißen Strand. «Ich hätte nie gedacht, wie breit Pferde sind, ich kriege meine Beine gar nicht so weit auseinander», sagt er. Glanz-Gespielin Nina (Sibel Kekilli) entgegnet: «Wir Frauen sind da geübter.»
Die Handlung verliert Wedel allmählich aus dem Fokus. Der zweite Teil trägt zwar den Untertitel «Das Duell», doch von einem Duell ist nichts zu sehen. Weder bringt Schroth, dessen Elternhaus inzwischen zwangsversteigert wird, den Mut auf, Glanz' Methode zu hinterfragen, noch wird klar, was genau die ostentativ graumäusig inszenierten Finanzbeamten (Mariella Ahrens, Gerald Alexander Held) gegen Glanz zu unternehmen versuchen. Ermüdend wiederholen sich die Spielchen der kurz aufbrausenden, rasch wieder besänftigten Investoren: Im süßen Leben entlädt sich alle Energie der stets Hin- und Hergerissenen, die sich niemals entscheiden können, in scheinbar immerwährendem Tanz.
Ob der Tanz um den Pool allegorisch spiegelt, dass das Geld und die sogenannte Realwirtschaft nichts mehr miteinander zu tun haben, oder eher das ARD-Rezept reflektiert, mit sonnig exotischen Schaupätze die Einschaltquoten zu erhöhen - darüber lässt sich streiten.
Ebenso darüber, ob Wedel der alternden Spaßgesellschaft mit ihrem ererbten Wohlstand den «Spiegel vorhält», was ARD-Programmdirektor Volker Herres als Wedel-Qualität sieht, und ob die gewaltige Redundanz besonders in Teil 2 bewusst herkömmlichen Sehgewohnheiten zuwiderläuft. Eigentlich ist man aus jedem Fernsehfilm gewohnt, dass Charaktere sich entwickeln. und ein positiver Held in Erscheinung tritt. In «Gier» geschieht das gar nicht.
Hinterher Diskussion bei PlasbergJedenfalls wird es im Januar die volle Dröhnung Wedel geben: Im Anschluss an den ersten Teil soll in Frank Plasbergs Talkshow die Gier diskutiert werden. Dann wird die Dokumentation «Geld für alle!» mit Tobias Schlegl und York Pijahn als Presenter-Reportern den Themenabend abrunden. Ebenfalls gesendet wird ein Filmporträt Dieter Wedels («höchstpersönlich»), dessen Autobiografie
'Vom schönen Schein und wirklichen Leben' auch im Januar herauskommt.
Der Roman zum Film
(online reinschmökern: «Vier traumhaft schöne Frauen beobachteten die Maschine im Landeanflug auf Mallorcas Flughafen...») liegt bereits vor.
Jörn Klamroth ist Geschäftsführer der ARD-Filmfirma Degeto, die wegen ihrer zahllosen seichten Freitagsfilme gerade etwas stärker in die Kritik geriet und durch ebenfalls unter ihrer Federführung entstandene Werke wie «Gier», ihr Image aufbessern möchte. Klamroth erzählte nach der Hamburger Premiere gern, wie schön es gewesen sei, mit Wedel und den Produzenten von der ARD/ ZDF-Firma Bavaria auf Mallorca an dem Film gearbeitet zu haben. Das zumindest glaubt man sofort.