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Lupe Und alle so: Brender

Eine erstaunliche Welle des Engagements für Nikolaus Brender geht durch Mediendeutschland. Eher als mit dem ZDF und seinen Inhalten hat sie mit Roland Koch zu tun. Helfen könnte sie, wenn sie anhält.

Heute mittag richten sich alle Augen auf das Berliner Hauptstadtstudio des ZDF Unter den Linden. Vor der Tür werden auf Initiative des Kampagnen-Netzwerks campact verkleidete Mainzelmännchen für Rundfunkfreiheit demonstrieren. Drinnen wird ab 13.30 Uhr der 14-köpfige Verwaltungsrat des Zweiten Deutschen Fernsehens entscheiden, ob Nikolaus Brender über März 2010 hinaus Chefredakteur bleiben darf. Geht es 9:5 gegen Brender aus, wie zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung vorhersagt?

Oder werden die nicht völlig eindeutig Parteien zuzuordnenden Ratsmitglieder (siehe FR) für eine Überraschung sorgen? Schließlich ist das öffentliche Engagement beispiellos. Es gab offene Briefe von Bloggern, von 35 Verfassungsrechtlern (FAS) und 17 Chefredakteuren und Ex-Chefredakteuren (stern.de), es gibt die über 33.000-mal unterschriebene campact-Kampagne. Es gibt zwei Facebook-Gruppen. Und all das setzt ja nur fort, was schon Anfang des Jahres in offenen Briefen (einer mit 2491 Unterschriften, einer von führenden ZDF-Mitarbeitern wie Maybrit Illner, Claus Kleber und Guido Knopp) gefordert wurde. Und dann auch von Frank Schirrmacher, der inzwischen vor der «neuen Vergesslichkeit» und dem Internet warnt.

Das System der sogenannten Staatsferne
Doch der Ausgang heute ist im Grunde egal. Falls Brenders Vertrag verlängert werden sollte, wird sich das System der sogenannten Staatsferne, die von amtierenden Ministerpräsidenten und Politikern der zweiten Reihe gremienweise kontrolliert wird, wieder unangefochtener fortsetzen lassen. Dann schiene es, als sei alles gar nicht so schlimm. Dabei ist die Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine der verkrustetsten Einrichtungen der deutschen Medienpolitik.

Am ehesten besteht die Chance, dass im Falle von Brenders Ablösung doch eine abstimmungsberechtigte Minderheit den langen Weg vors Bundesverfassungsgericht geht, auch wenn sie damit selbst Einfluss verliert - wenn der öffentliche Zorn anhält.

Vermutlich hat dieses verblüffende Engagement für Medienfreiheit auch damit zu tun, dass Brender durch seine Elefantenrunde mit Gerhard Schröder von 2005 ein Youtube-Star geworden ist. Vielleicht sogar damit, dass er sich durch seinen «anachronistischen Saddam-Schnäuzer» (Tagesspiegel) als Ikone à la Che anbietet. Ganz bestimmt hat es mit Roland Koch zu tun, gegen den viele gern unterschreiben. Hessens Ministerpräsident gibt sich ja nicht zum ersten Mal als bad cop der CDU her.

Noch ein Schritt in die falsche Richtung
Mit dem ZDF und seinen Inhalten hängt das Engagement kaum zusammen. Viele derer, die bei der campact-Initiative mitmachten, dürften wenig am Hut haben mit dem Sender, der den Verlust Johannes B. Kerners bedauerte und auf den frei gewordenen Sendeplätzen Markus Lanz und Horst Lichter installierte. Der gestern eine neue Serie namens «Die Bergwacht» startete und heute abend wieder seine nette, unterdurchschnittlich langweilige Krimiserie «Flemming» zeigt, die ein kleiner Schritt in die richtige Richtung wäre - falls das ZDF nicht gerade auch angekündigt hätte, seine einzige richtig gute Krimiserie «KDD» zu beenden. So ist «Flemming» noch ein Schritt in die falsche Richtung.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Für solche fiktionale Sendungen ist Brender nicht zuständig, sondern für politische. Zum Beispiel für die Castingshow «Ich kann Kanzler», die im Sommer eine frische Idee war (und auch schon Kritik aus dem Kanzleramt nach sich gezogen haben soll), aber nur ein einziges Mal im ZDF lief. Zum Beispiel für Claus Klebers Honorare und das viel diskutierte virtuelle Nachrichtenstudio.

Stark in der Breite, selten ganz schlecht
Das ist alles weder herausragend, noch schlimm. Dass jedoch ein Nachfolger vieles besser machen würde als Brender, ist so wahrscheinlich wie, dass er vieles schlechter machen würde. Die kreativen Spielräume, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich gestattet, sind sowieso eng. Auch das liegt im System seiner Kontrolle begründet, das auf dem Konsens der frühen Jahrzehnte aufbaut. Damals gab es wohl tatsächlich eine überschaubare Anzahl «gesellschaftlich relevanter Gruppen», die «die binnenpluralistische Gesellschaft abbilden», wie es in der Selbstdarstellung so schön heißt. Diese Kontrolle sichert, dass das milliardenschwere öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Breite stark ist, dass es selten abgrundtief schlecht ist. Und vor allem, dass sich kaum etwas daran ändert.

Da hilft es, ins Jahr 2002 zu schauen: Damals herrschte nach der hochkomplizierten Wahl des neuen (und jetzigen) Intendanten Markus Schächter ungefähr die gleiche Stimmung wie jetzt, was Politik und öffentlich-rechtliches Fernsehen betrifft. Damals zogen die Politiker Wolfgang Clement und Heide Simonis Konsequnzen und gaben einen ihrer Partei, der SPD, zustehenden Platz im Verwaltungsrat für einen unabhängigen Experten frei. «Entpolitisierung des ZDF», hieß das. Was daraus wurde (zwischenzeitlich durchaus etwas, das sich dann wieder erledigte, als SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck den entsprechenden Verwaltungsratssitz übernahm) schildert Stefan Niggemeier.

So viel Biathlon im Fernsehen!
Aktuell möchte Hans-Joachim Otto eine vergleichbare Welle lostreten. Der FDP-Politiker wurde gerade zum parlamentarischen Staatssekretär für «Informationsgesellschaft und Kreativwirtschaft», die Berliner Zeitung nennt ihn den «neuen starken Mann für Medienfragen bei der Bundesregierung». Otto forderte im Berliner Institut für Medienpolitik (siehe Altpapier) als «ersten Schritt», um den seit 20 Jahren angelaufenen Reformstau in der Medienpolitik aufzuarbeiten, «alle Ministerpräsidenten und Leute, die öffentliche Ämter bekleiden, aus den Aufsichtsgremien der Rundfunkanstalten zu beseitigen».

Falls Otto zumindest einzelne Mitglieder seiner Partei (die in Hessen mit Roland Kochs CDU koaliert) überzeugen könnte, wäre man wieder so weit wie 2002. Ob er das kann, bleibt zweifelhaft. Weniger machtversessen als andere Parteien ist die FDP kaum, und als wichtig gilt Medienpolitik auch ihr nicht. Die Frage, ob sie wegen Brender eine Klage beim Bundesverfassungsgericht unterstützen würde, verneinte Otto. Dann nannte er die Kinkerlitzchen, die Ulrich Wickert in der FAZ neulich gegen ARD und ZDF vorgebracht hatte, einen «Weckruf». Und ärgerte sich, wieviel Biathlon das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt.

So steht es um die Medienpolitik in Deutschland. Insofern schön, dass die Brenderdebatte über diese ganze Jahr hinweg so erstaunlich weite Kreise zieht. Es wäre großartig, wenn das Interesse anhielte und die reformwilligen Medienpolitiker, zukunftsinteressierte Spitzenpolitiker und Senderfunktionäre anstachelte, das System zu entkrusten. Wahrscheinlich ist allerdings, dass viel schneller als Reformen zustande kommen, der Einfluss des ZDF selbst schwinden wird, weil es schon jetzt kaum mehr junge Zuschauer erreicht und wenig tut, um das zu ändern.


Für das Web ediert von Christian Bartels