20.11.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Immer mehr Beobachter sind differenziert ratlos
Die Lage an den Print-gegen-Online-Fronten wird unübersichtlicher. Friedfertige Verleger überlegen, ein bisschen gegen Google vorzugehen und hoffen auf diffuse Gesetze. «niiu» bietet Zeitunglesen mit Surf-Anmutung. Aber der «Buchtrailer» gedeiht.
Anfang der Woche fanden in Berlin die Zeitschriftentage statt - eine hochvornehme
(244 Fotos) Veranstaltung eines der beiden gut vernetzten Verlegerverbände Deutschlands. Ursprünglich war Karl-Theodor zu Guttenberg, als
cooler, nach teuren Uhren süchtiger Baron Zeitschriftenstar von «Stern» bis «Zeit»-Magazin, für die Eröffnungsrede angefragt. Freilich war er da noch Wirtschaftsminister, als nunmehriger Verteidigungsminister kam er nicht.
Inzwischen scheint der rasante Medienwandel zu resignativer Friedfertigkeit geführt zu haben. Alles, zu dem sich eine fundierte Meinung vertreten lässt, ist bekannt und von jedem gesagt. Das andere, die Zukunft, ist unbekannt. So blieb offen, ob Karl-Ludwig Kley, Chef des DAX-Konzerns Merck, zur Podiumsdiskussion eingeladen wurde, weil er ein famos zurückhaltender Manager ist, der 22-jährige Karrieristen mit Aluköfferchen nicht mag, weil er interessante Ausblicke etwa zu virtuellen Bildschirme (gibt es in rund zwanzig Jahren) geben kann oder weil Merck einfach mehr Anzeigen in Zeitschriften schalten sollte.
VDZ-Präsident Hubert Burda stellte die Beatles («haben ein so vorzügliches Produkt, dass sie niemandem erlauben mussten, ihre Songs zum Download anzubieten») seinen Verlegerkollegen - oder zumindest Rupert Murdoch, wenn der die Angebote seines Konzerns ungooglebar macht, zum Vorbild. In Qualitätsjournalismus-Diskussionen bezichtigte Hajo Schumacher die «Generation Was mit Medien», lieber mit George Clooney am roten Teppich stehen zu wollen als investigativ tätig zu sein. Und um auch ein krasses Beispiel der «unglaublich unflexiblen Branche» zu geben, erzählte er von «Spiegel»-Ressortleitern, die ihm einst rieten, niemals eine Tastatur anzufassen, weil so etwas Sekretärinnenarbeit sei. In den frühen 90ern muss das gewesen sein
Die Freiheit und die KostenfreiheitZugleich wurden einen guten Kilometer weiter im Institut für Medien- und Kommunikationspolitik Unterzeichner der «Hamburger Erklärung» und des «Internetmanifests» zur Journalismuszukunfts-Diskussion aufeinander losgelassen. Thema: das ominöse «Leistungsschutzrecht», das einzuführen die Bundesregierung den Verlegern zusicherte, bei dem aber kaum jemand weiß, wie es aussehen wird.
Vor kurzem diskutierten Mathias Döpfner und Starbloggerin Arianna Huffington lebhaft in Monaco
(Youtube), dabei prägte der Springer-Chef den Begriff «Webkommunisten» neu (
«Sports, games, regional, sex & crime people will pay. Only web communists think otherwise»). In Berlin zeigte sich Springer-Vertreter Christoph Keese gegenüber den kämpferischen Matthias Spielkamp ('Die Lobbyisten der Unfreiheit',
irights.info) und Markus Beckedahl (netzpolitik.org) friedfertig: Viel Streit habe nur damit zu tun, dass «free» auf englisch sowohl Freiheit wie auch Kostenfreiheit bedeutet. Das Internet-Manifest würde Keese auch unterschreiben.
Auch hier ist die Lage derart komplex, dass der Konsens gerade weit reicht. Außer bei Themen, die noch keiner einschätzen kann, was dummerweise auch für die Entwürfe zum neuen Leistungsschutzrecht gilt. Keese zerstreute zwar Vermutungen, das Zitatrecht in Blogs solle ausgehebelt werden. Konkretere Beispiele aber als eine Zahnarztpraxis, die ihre Kunden mit einem Zeitungsartikel über irgendetwas informiert, dabei «gewerblich» handelt und dafür an eine neue Verwertungsgesellschaft zahlen soll, nannte er nicht.
Carta bietet nicht nur die zweistündige Diskussion
als Video, sondern auch den
Zeitschriftentage-Auftritt des Juristen Mathias Schwarz tags drauf. Da geht es um den Kampfbegriff der «Rip-Offs», «unauthorisierte Copy-und-Paste-Übernahmen aus der Qualitätspresse», und klang wieder ganz anders. Was die Bundesregierung, die sich eher durch Nähe zu Verlegerlobbys als durch Kompetenz bei aktuellen Medien auszeichnet, daraus strickt, bleibt ungewiss. Kritiker halten für möglich, dass am Ende das Verlinken und sogar das Online-Lesen von Texten unter bestimmten Umständen kostenpflichtig werden könnten.
Google News als iTunes für JournalismusImmer wieder im Raum steht die Frage, ob sich auch in Deutschland jemand wie Murdoch mit Google anlegen möchte. Hierzulande beherrscht der Konzern an die 90 Prozent des Suchmaschinenmarkts. In der
'Süddeutschen' (anderes Thema, aber längst hängt alles mit allem zusammen) wurde er gerade «Googliath» genannt, immer mehr Beobachter zeigen sich differenziert ratlos
(Björn Sievers: «Der Journalist und der Internetnutzer in mir liebt Google. ... Der Bürger in mir ist gleichwohl besorgt. Ziehe ich daraus Konsequenzen: nicht wirklich. ...»)
Springer-Mann Keese hat die Vision, Google News zum «iTunes für bezahlten Journalismus» zu machen. Bloß einfach müsse es sein:
«Bei iTunes, Amazon oder im App Store genügt ein einziger Klick. Komplizierter darf der Kauf von Artikeln, Fotos und Videos nicht sein. ... Wenn neben dem Google-, Bing- oder Yahoo-Link ein Preis stehen kann, werden die Leute auch kaufen», schrieb er in der
FTD. Don Alphonso freut das schon: «Jedes Stück von Springer und Murdoch, das hinter einer Bezahlwand verschwindet, steigert die Qualität des Internets».
Eigentlich hatte Keese auf einen anderen FTD-Kommentar reagiert, der dem «Irrglauben, für Printinhalte werde gezahlt» galt. In Wahrheit würden Zeitungsleser ja bloß für Herstellung und Vertrieb ihres Blattes zahlen,
argumentierte da Joachim Dreykluft, sozusagen für bedrucktes Totholz.
Der Abonnent als HerausgeberWie viel physische, nichtjournalistische Arbeit in Papierzeitungen steckt, können entwöhnte Leser seit ebenfalls Montag in Berlin erfahren. Seither gibt es die individualisierbare Tageszeitung
'niiu' (Durchblättern via fontblog.de). Welche Ressorts aus welchen von 16 zur Auswahl stehenden Zeitungen sein Exemplar ungefähr enthält, bestimmt der Abonnent. Lustigerweise wird er im Impressum dafür als Herausgeber genannt. Nun müssen lauter Zeitungen mit immer anderen Inhalten gedruckt und an den richtigen Empfänger ausgeliefert werden - von Zeitungsboten, die mitunter keinen Haustürschlüssel haben. Dann liegt das Blatt statt im Briefkasten vor der Haustür, was die Gefahr birgt, dass ein Passant es einsteckt. Viel Problempotenzial, bevor man beginnen kann, sich über den Inhalt zu ärgern.
Das Zusammenstellen funktionierte anfangs kaum, im Lauf der Woche aber schon besser. Dass auf den Mantelseiten Blogtexte erscheinen, die alle im Internet-Original gesetzten Links auf drei bis vier Zeilen als - naturgemäß nicht klickbare - URLs dokumentieren, ist unglücklich. Auch wirkt das Angebot der
auswählbaren Blogs angesichts der Fülle im Internet sehr überschaubar. Aber das wird sich ändern.
Lust aufs Lesen macht «niiu» - zum Teil unfreiwillig, weil Verweise auf nicht enthaltene Seiten führen und das Blatt mit Zeitungen schwer zurechtkommt, die wie die «Frankfurter Rundschau» und das frisch verkleinerte «Handelsblatt» in ähnlichen Tabloidformaten erscheinen. Erstrecken sich Artikel über eine Doppelseite, kann deren andere Hälfte im «niiu»-Mix schon mal fehlen.
Andererseits, wer sich wirklich für etwas interessiert, das in seiner Zeitung fehlt, kann dem ja online nachgehen. Dort findet sich einstweilen immer fast alles. Zeitunglesen mit Surf-Anmutung - inclusive des Umstands, das man längst nicht alles im Prinzip Interessante zu Ende liest - bietet «niiu». Und kommt dem «Unbundling» nahe, das Medientheoretiker nach dem Beispiel der Musikindustrie, die längst eher Songs als Alben verkauft, gern allen alten Medien vorhersagen. Wenn es mehr Differenzierungsmöglichkeiten gibt (nur zum Beispiel: Medienseiten zu bestellen), könnte dieses Konzept Zukunft haben.
Buchclubs für die «Was mit Medien-Generation» Das komplexe Verhältnis zwischen alten Papier- und neuen, digitalen Medien spiegelte dann noch eine skurrile Veranstaltung, auf der an Studenten der
'Buchtrailer-Award' verliehen wurde.
Beim «Buchtrailer» handelt es sich nach Meinung der Veranstalter um ein «Medium», das Bücher in Videos anpreist - also um Werbespots für Bücher. Wegen des Veranstalters dieses Wettbewerbs aber nicht für solche, die auf dem freien Buchmarkt erhältlich sind (der es zwischen den Ketten, Amazon & Co sowie all den Googliath-Aktivitäten auch nicht einfach hat). Sondern auf dem proprietären Buchmarkt der Bertelsmann-Clubs. Deutschlands größter Medienkonzern lobt den Award aus, um das Geschäftsfeld, das ihn nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland groß machte, der «Was mit Medien-Generation» unterzujubeln: die Buchclubs.
Insofern gelten die teilws hübsch gemachten Animationen Filme relativ unbekannten Büchern wie «Die Affären meines Mannes» von Bridget Asher, dessen Vertrailerung gewann, und eher noch bekannten Kochbüchern. Wenn der Buchmarkt an sich dem Internet entspräche, wäre der Club Bertelsmann etwa das alte AOL, das das Internet einst (mit Erfolg) benutzte, um eigenen Content an zahlende Mitglieder zu verkaufen. Inzwischen ist AOL in dieser Variante längst abgewickelt und auch offiziell abgeschrieben. Die Totholz-Variante des Modells, den Buchclub, gibt es trotz allen Medienwandels immer noch. Darin liegt auch etwas Beruhigendes für Freunde gedruckter Medien.