11.11.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Für Journalisten gibt es keine Existenzgarantie
Der Mainzer Mediendisput, eine zweitägige Tagung der Branche, war in diesem Jahr gespickt mit Infos «aus dem Jammertal»: Medienexperte Weichert sieht den Qualitätsjournalismus seinem Ende nähern. Ministerpräsident Beck warnt indes vor «immer seichteren ...
Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert hatte trübe Aussichten für Journalisten zum Mainzer Mediendisput mitgebracht. Der Professor an der Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg gab eine Prognose ab, die nicht nur Menschen, die mit Journalismus ihr täglich Brot verdienen, beunruhigen sollte: «Ein Markt für Qualitätsjournalismus wird noch zehn Jahre lang existieren», sagte Weichert bei der Medienveranstaltung im ZDF-Sendezentrum auf dem Mainzer Lerchenberg.
Für Journalisten gebe es keine Existenzgarantie, sagte Weichert. Parallel zum Abstieg der herkömmlichen Medien erwartet er eine Professionalisierung der Internet-Blogs. In absehbarer Zeit werde es wohl keine herkömmlichen Berufsjournalisten mehr geben: Für Journalisten könne die Arbeit künftig darin bestehen, auf eigenen Internetplattformen Inhalte zu publizieren und damit auch Einkünfte zu erzielen. In den USA gebe es bereits erste Ansätze dafür, sagte Weichert.
Er warb zugleich um Verständnis für Medienunternehmen, die ihre Mitarbeiter zu schlechten Bedingungen beschäftigen. Nicht nur Journalisten, sondern auch Verlage hätten Zukunftsangst: «Auch die Verleger wissen, dass ihr Geschäftsmodell dem Tode geweiht ist.» Dagegen übte Gerhard Manthey von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi scharfe Kritik an der Honorarpolitik der Verlage. Selbst in wirtschaftlich guten Zeiten seien nur die Gewinne, aber nicht die Honorare gestiegen. «Viele freie Kollegen arbeiten auf Hartz-IV-Niveau», sagte Manthey. Besonders «unsittlich» sei die inzwischen weit verbreitete Forderung an freie Mitarbeiter, bei Presseterminen nicht nur zu berichten, sondern auch Anzeigen anzuwerben.
Neun Euro nettoBeim 14. Mainzer Mediendisput diskutierten am Montag und Dienstag gut 500 Teilnehmer aktuelle Themen der Medienbranche – darunter waren auch manche «Insider-Infos, direkt aus dem Jammertal», wie die «Frankfurter Rundschau» berichtete. So habe die Parlamentsredakteurin der «taz», Ulrike Winkelmann, erläutert, dass sie mit neun Euro netto genau so viel verdiene wie ihre Babysitterin, die sie engagieren muss, wenn sie auf Termine geht.
Winkelmann übte zugleich Kritik am Selbstverständnis vieler Qualitätsmedien. Gerade in Berlin sei es auch bei Journalisten überregionaler Medien weit verbreitet, voneinander abzuschreiben und viele Leitthesen der politischen Akteure nicht ernsthaft zu hinterfragen, sagte der «taz»-Journalistin.
Beck offen für staatliche HilfeEin weiteres Thema der Tagung: neue Finanzierungsmodelle für Verlage. Hier sprach sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), zugleich Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder, dafür aus, über Gebühren für Angebote im Internet nachzudenken. «Journalistische und verlegerische Arbeit ist auch im Netz etwas wert. Wir müssen uns darauf einstellen, wie das einer darauf nicht eingestellten Kundschaft vermittelt werden kann», sagte Beck.
Er zeigte sich auch offen für Überlegungen, Qualitätsjournalismus mit staatlicher Unterstützung zu sichern. «Ich würde nichts von all dem einfach vom Tisch wischen», kommentierte er entsprechende Maßnahmen anderer Länder – etwa Medienfonds oder die kostenlose Verteilung von Zeitungen an junge Leser in Frankreich. «Wir müssen darüber reden, aber nicht mit verdeckten Karten», sagte Beck und warb für einen «offenen Diskurs» aller Beteiligten.
Beck sprach sich dafür aus, die «tiefgreifenden Veränderungen der medialen Welt» als Chance zu sehen. «Natürlich wird mit den neuen Möglichkeiten viel Halbwissen, Unwissen und Unfug verbreitet. Aber bei solch großen Dingen sollten die Chancen im Vordergrund stehen, auch die Chancen für wirtschaftlichen Gewinn und Arbeitsplätze.»
Festhalten an «kritischer Aufbereitung»Das Internet erfordere ein Festhalten am Qualitätsjournalismus als «Leitfaden durch die Informationswelt» nach «kritischer Aufbereitung», sagte Beck weiter. Deshalb dürfe auf gute Ausbildung, angemessene Entlohnung, faire Arbeitsbedingungen sowie Zeit für Recherche auch künftig nicht verzichtet werden. Man dürfe nicht versuchen, überhöhte Renditeerwartungen mit immer seichteren Inhalten zu erfüllen, warnte er. «Das Internet ist kein Grund zu sagen: Wir brauchen keinen Qualitätsjournalismus mehr.»
Veranstalter der Tagung waren das Land Rheinland-Pfalz, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die rheinland-pfälzische Landeszentrale für Medien und Kommunikation. Medienpartner sind das ZDF und der SWR.