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netzeitung.deNeo und die Absurditäten der Medienlandschaft

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ZDFneo: Senderlogo mit coolem Unterstrich (Foto: zdfneo.de<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe ZDFneo: Senderlogo mit coolem Unterstrich
Foto: zdfneo.de
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das gab's schon lange nicht mehr: einen richtig neuen Fernsehsender. ZDF-neo zeigt einem derzeit ziemlich kleinen Publikum zum Teil richtig gute Sendungen. Das Haupt-ZDF lässt derweil über 100 «Sternstunden der Deutschen» abstimmen, mit denen Guido Knopp auch auf Tournee geht.

Gerade fragt der Mainzer Mediendisput (PDF), ob das Internet «die alten Holzmedien Presse, Funk und Fernsehen» verdrängt. Das Fernsehen ist zwar schon ein elektronisches Medium, jedoch ein altes. Neue Sendungen gibt es häufig - neue Sender sind, seitdem 2005 «Das Vierte» auf Sendung ging (und die im Namen geführte Position auf den Fernbedienungen weit verfehlte), kaum mehr aufgetaucht.

Aber jetzt: ZDF-neo führt das Neue gleich im Namen, auch die neonbunten Logos mit coolem Unterstrich wirken neu. Um den digitalen «Zielgruppenkanal» zu bewerben, benutzt das alte ZDF für seine Verhältnisse neue Begriffe wie «Factual-Entertainment». Und das Programm enthält außer ZDF-Wiederholungen so viel Neues, dass Zeitungsartikel darüber wie der von Stefan Niggemeier in der FAS («Fernsehen für Menschen, die nicht mehr fernsehen») erstmal allerhand Sendungen aufzählen müssen und schon deshalb ziemlich automatisch zu Lob werden.

Victoria Beckham beim Shoppen
So laufen US-Serien, die bei ZDF und ARD quasi gar nicht mehr vorkommen, und Serien aus England, die im gesamten deutschen Free-TV kaum auftauchten. Andere Sendungen kommen aus Belgien ('Der Extrem-Tester') oder dem Internet, wie die «Süper Tiger Show», die auch auf dem Portal 3min.de zu sehen ist.

Die angelsächsischen Serien zeigen, «wie rückständig das serielle Erzählen in Deutschland ausfällt» (Harald Keller/ FR über «Spooks»). Undenkbar, dass hierzulande Fernsehen im Fernsehen in einer fiktionalen Serie so vorkommt wie in «Taking the Flak» (Webseite, nicht in der Mediathek), einer von fünf importierten BBC-Serien: Da rivalisieren Reporter im afrikanischen Karibu um den knappen Platz, den die BBC-Nachrichten bieten, bevor diese zu Victoria Beckham beim Shoppen schalten. Was in Karibu geschieht, ist den Reportern in der schwarzen Komödie eher gleichgültig. Der Staat ist, anders als die BBC, auch frei erfunden.

Die dreimal mit dem Emmy als beste TV-Comedyserie ausgezeichnete Topserie «30 Rock» mit Alec Baldwin und Tina Fey hat den real existierenden Medien- und Mischkonzern NBC Universal zum Hintergrund: Ein Experte für Elektroherde wird in die Fernsehabteilung befördert und mischt den Alltag der (nicht real existierenden) Comedyshow auf, hinter deren Kulissen die NBC-Produktion «30 Rock» spielt

«Randzielgruppe von 25 bis 49»?
Vergleichbares lässt sich im ZDF, dessen Humor in eigener Sache allenfalls zur «heute-show» reicht, nicht vorstellen. Die deutsche Medienlandschaft hat ihre eigenen Absurditäten und begeht sie mit Ernst auf Podiumsdiskussionen und in Staatskanzleien. Dort läuft auch schon eine heftige Diskussion um ZDF-neo. Der Privatsenderverband VPRT schimpft über Wettbewerbsverzerrung durch den neuen Gebühren-finanzierten Sender. RTL-Chefin Anke Schäferkordt wundert sich, «dass mit den 25 bis 49-Jährigen jetzt die Mitte der Gesellschaft schon eine Randzielgruppe ist und damit ein Nischenfernsehen rechtfertigt.»

Andererseits freut sich die Lobby der Film- und Fernseh-Produzenten «in Zeiten wie diesen, in denen Angebote ja eher zurückgefahren und eingespart als ausgeweitet und ergänzt werden», auf den «Innovationsmotor». Tatsächlich gingen Neo-Aufträge bereits an wichtige Produktionsfirmen wie Brainpool. Die Dokusoap «Der Straßenchor» ist eine Produktion der Ufa und geht auf das australische Format «Choir of Hard Knocks» (Youtube) zurück, das über die FremantleMedia-Group ebenfalls zur Bertelsmann'schen RTL-Group gehört.

Plaudern, jammen, singen
Diese Dokusoap (ZDF-Mediathek) zeigt die Entstehung eines Chores aus Berliner Obdachlosen, der dann passgenau zu Weihnachten, am 23. Dezember, ein großes Konzert geben soll. Das ist schön gedacht, aber alles andere als innovativ gemacht. Die Folgen sind weiträumig mit Radiohitmusik untermalt, und wie in allen Dokusoaps erklärt ein sanfter Kommentator alles so ausgiebig, dass es nicht nötig ist, sich eigene Gedanken zu machen. Was an deutschen Sendungen auf ZDF-neo läuft, ist nicht gerade revolutionär. Es entstammt ja auch Redaktionen des ZDF.

Andere Eigenproduktionen sollen, «wiederzubeleben, was es heute selbst bei MTV und Viva kaum noch gibt» (so Redaktionsleiter Norbert Himmler im epd-Interview) «nämlich eine Chart-Show» namens neoMusic. Zumindest, auch wenn das der Chart-Show-Idee zuwiderläuft, einmal monatlich: «An jedem ersten Sonntag im Monat stellt die Sängerin Marta Jandová in einem Plattenladen in Berlin-Kreuzberg die aktuellen Top 20-Videos in Deutschland und die spannendsten Chart-Neueinsteiger vor. Dazu lädt sich Marta prominente Gäste in den Plattenladen, um mit ihnen über die Charts und ihre persönlichen Musikvorlieben zu plaudern» sowie zu jammen und singen, lautet das Konzept. Erste Gäste waren Jan Josef Liefers, der ganz bestimmt nicht zu selten im Fernsehen auftaucht, und die Band 2Raumwohnung, deren Song «Wir werden sehen» die ZDF-neo-Trailer untermalt.

Bis mittags 0,0 Millionen Zuschauer
Cross- und Eigenpromotion mit dem so ungefähr breitesten Mainstream also. Aber auf rein experimentellem Level - schon daher, weil der nur im Digitalfernsehen (über Kabel und Satellit sowie ab 21.00 Uhr Antenne) empfangbare Sender bei Marktanteilen weit unter einem Prozent startet, die er vom Vorgängerprogramm «zdfdokukanal» übernahm. Am 1. November, dem ersten Sendetag «lagen die Zuschauerzahlen... bis in die Mittagsstunden bei 0,0 Millionen», meldete dwdl.de, «eine Prestige-Serie wie '30 Rock' sahen offenbar weniger als 5.000 Zuschauer.» Auch in der üppig gefüllten ZDF-Mediathek ist Neo karg vertreten, was sowohl daran liegen dürfte, dass Online-Rechte bei ausländischen Lizenzgebern nicht preiswert sind, als auch daran, dass das ZDF den Sender im klassischen Fernsehen und auf den Fernbedienungen etablieren will.

Trotzdem bewegt sich ZDF-neo an der heißesten Front der Fernsehlandschaft. «Es gibt bei Neo nicht einmal Nachrichten», kritisiert RTL-Vertreter Tobias Schmid zum Beispiel. «Wir dürfen keine Nachrichten anbieten. Der Begründungszusammenhang bei der Genehmigung des Rundfunkänderungsstaatsvertrags war: Nachrichten sind das wichtigste Kennzeichen eines Vollprogramms», und eben das soll ZDF-neo nicht, entgegnet Redaktionsleiter Himmler (im epd-Interview). Die «eingekaufte US-Ware» (Schmid) war «seit Jahren auf dem Markt erhältlich. Die Privaten wollten sie nur nicht» (Himmler).

In der Tat ist es einerseits schön, dass solche bislang nicht im Free-TV verfügbaren Sendungen nun auf einem neuen mutigen Sender laufen. Andererseits, auch wenn es kein Holzmedium ist - der Fernsehmarkt wird nicht mehr wachsen, aber vom Internet angeknabbert. Wenn der neue Mut aus den Rundfunkgebühren bezahlt und in einem Nischenprogramm neu entwickelt wird, statt sich auf die bestehenden Programme auszuwirken, ist das zweifelhaft. RTL-Chefin Schäferkordt hat recht, wenn sie fragt: «Braucht es wirklich 23 Kanäle, um einem öffentlich-rechtlichen Auftrag gerecht zu werden?»

Auftritte in Erfurt, Hamburg und Chemnitz
Zumal ZDF-neo nur einer von sechs öffentlich-rechtlichen Digitalkanälen ist, die ARD und ZDF zugestanden sind und (mit erheblich unspektakulärerem Programm) längst laufen. Sollte das Neo-Experiment Erfolg haben, dürften die anderen Kanäle dem Beispiel folgen.

Einstweilen führt der Kontrast auch die Schwäche des Hauptprogramms vor Augen. So ist das ZDF zwar seit einigen Wochen vom quasi täglichen Kerner befreit, der nun auf Sat.1 «jauchen» (welt.de) möchte. Die Chance, dessen Sendeplätze neu zu verteilen und die ja nicht gottgegebene Talkschiene aufzuweichen, hat der Mainzer Sender nicht allein für Markus Lanz genutzt, sondern auch, um mit Horst Lichter eine eher noch schlimmere Farbe ins Programm zu heben.

Eine besonders typische ZDF-Farbe wartet am kommenden Dienstag mit 'Die Sternstunden der Deutschen' im Hauptprogramm. Man muss gar nicht darauf hinzuweisen, dass die Reizfigur Guido Knopp mit dieser... Rankingshow («Im Mittelpunkt stehen die ersten zwanzig von den Zuschauern gewählten Lieblingsmomente der Deutschen») auf Tournee geht und kommende Woche in Erfurt, Hamburg und Chemnitz auftritt, um darin einen grotesken Meilenstein zu sehen.

Es reicht, diesen Trailer anzusehen. Fünf aus insgesamt 100 'Sternstunden' präsentieren die Deutschen als Partypeople im Wandel der Zeit - vom WM-«Sommermärchen» über den Mauerfall zu John F. Kennedys Berlin-Auftritt; Sternstunde vier zeigt die Feierlichkeiten zum millionsten VW-Käfer anno 1955. Anschließend springt der nicht ganz zweiminütige Trailer exakt eintausend Jahre zurück, um als fünfte zur Wahl stehende Sternstunde «Kaiser Ottos Sieg auf dem Lechfeld» gegen die Ungarn im Jahre 955 zu präsentieren. Das war nun keine Loveparade, sondern einer von vielen Kriegen, wird aber mit jugendfreiem Schlachten-Reenactment aus der Dröhndoku «Die Deutschen» illustriert (die ZDF-Neo zeitgleich wiederholt).

Es fragt sich bloß, ob die Knopp-Gestalter sich etwas dabei gedacht haben, nicht die 999 Jahre später, 1954, stattfindende Auseinandersetzung mit den Ungarn zu wählen, die unter dem Titel «Das Wunder von Bern» beim ZDF-Publikums ganz bestimmt unter die Top-Sternstunden gelangen wird.

Wenn das ZDF in der Hauptsache das singende, lachende und talkende Mainz bleiben möchte und gute Programme vor allem in die wachsenden Randzonen auslagert, wird Neo dem Akzeptanzproblem des öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf Dauer nicht helfen. So nett die Idee auch ist.


Für das Web ediert von Christian Bartels