Media-Theke, die Medienkolumne der Netzeitung: 

netzeitung.deMultiple-Choice-Interaktivität und Lebensbücher

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Nachrichten.de (Foto: Screenshot NZ<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

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Die neuen Portale der Woche: Aufmerksamkeits-Aggregator Hubert Burda lässt für Nachrichten.de googleartig hunderte Webseiten durchforsten. Ein Kirchen-Portal tritt hingegen eher Facebook-mäßig auf.

Hubert Burda besitzt nicht nur den sechstgrößten unter Deutschlands Medienkonzernen. Als Stifter des Top-Berichterstattungsanlasses Bambi und Ehemann der «Tatort»-Kommissarin Maria Furtwängler ist er auch bei den (klassischen) Medien beliebt, für die er nicht sowieso als Präsident des Zeitschriftenverleger-Verbands VDZ offiziell spricht.

Diese Positionen benutzt der relativ populärste Verleger des Landes, um regelmäßig grundsätzliche Äußerungen zu Medienthemen in eine möglichst breite Öffentlichkeit und auf diesem Umweg in die Politik zu bringen. Letztes Jahr hat das gut geklappt. Es gab die «Münchner Erklärung» (siehe Altpapier) und ging um ARD und ZDF im Internet. Dieses Jahr ist Google dran. Es gab die «Hamburger Erklärung», und auch wenn Burda nicht zu den Erstunterzeichnern gehörte, seine Äußerungen gehen den Forderungen darin voran - sein FAZ-Artikel «Wir werden schleichend enteignet», sein (erst jetzt frei online verfügbares) «Manager-Magazin»-Interview.

«Web-Zecke», «Unsinn»
In den kämpferischen Sphären des Internet ist Burda daher nicht everybody's darling, sondern gilt z.B. als «Web-Zecke» (wie Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer kämpferisch scherzt). Und seine Argumente werden ihm als «Unsinn» (Anja Seeliger bei perlentaucher.de) um die Ohren gehauen. Das nimmt Hubert Burda aber sicher gern in Kauf, weil es auch Aufmerksamkeit auf die Taten lenkt, die in seinem insbesondere im Digitalbereich ungemein verschachtelten Konzern neben den Worten erfolgen.

Das deutschsprachige Internet hat er inzwischen um gleich zwei solche Aggregatoren wie das zuletzt so gern attackierte Google News bereichert: finanzen100.de und seit einer Woche nachrichten.de. Dieses «Nachrichtenportal ganz ohne Redakteure» (FAZ) beschäftigt nach Angaben der Burda-Tochter Tomorrow Focus drei Mitarbeiter. Der «denkbar breite Überblick über die Nachrichtenlage in Deutschland» speist sich vollständig automatisiert aus anderen Nachrichtenquellen. 600 Quellen, heißt es manchmal, nach eigenen Angaben sind es derzeit knapp 500 - rund 100 bis 200 weniger als das deutsche Google News.

Trend zur Multiple-Choice-Interaktivität
100 mehr oder weniger, ist relativ gleichgültig, beweist die Site selbst. Mal steht ganz oben die 'Allgemeine Zeitung Uelzen' mit ihrem Text «Obama spricht vor UN - Protest gegen Ahmadinedschad». Etwas später hat die 'Offenbach Post' mit «Eklat bei UN -Auftritt von Gaddafi» die Top-Position inne. Von der Presseagentur dpa stammen selbstverständlich beide Artikel.

Im Trend liegt es, ein wenig Multiple-Choice-Interaktivität zu bieten. Bei nachrichten.de kann man sich das Gebotene außer nach «Standard» auch nach «Top-Quellen», «Aktualität» und «Relevanz» sortieren lassen, ähnlich wie die kürzlich relaunchte ftd.de-Startseite sich für «Klassiker», «Schnellleser», «Meinungshungrige» und «Hingucker» jeweils unterschiedlich anschauen lässt.

Die Nachricht aber, dass nachrichten.de seinen Quellen Umsatzbeteiligung zahlt, erregte gerade wegen Burda viel Aufmerksamkeit. Z.B. bei Carta, wie auch unter den Verleger-Kollegen, unter denen bekanntlich allerlei auch auf Fehlinformationen basierende Aufregung über Google News herrscht.

Zudem sind die gleichen Verleger ohnehin aus dem Häuschen, weil Google selbst in den USA einen weiteren Nachrichtenaggregator gestartet hat: Fast Flip bietet mit Screenshots zum Durchblättern eine recht neuartige Anmutung des Online-Lesens und möchte Werbeeinnahmen ebenfalls mit den benutzten Quellen teilen. Woraufhin die deutschen Verleger bei Google gleich einen «Wandel im Denken» (zitiert die Berliner Zeitung den Zeitungsverlegerverband-Sprecher) konstatieren.

Ob dieses unter den zahllosen Google-Geschäftsmodellen jemals nach Deutschland gelangt, und wie es dann mit dem Geld abläuft, ist vorerst ähnlich unklar wie bei nachrichten.de. Hier soll soll «Mitte oder Ende 2010» die Gewinnzone erreicht werden. Wieviel Gewinn dann nach nicht unkomplizierten Regeln als «Publisher-Shares von 20% auf die Umsätze» ausbezahlt werden, muss sich zeigen. Aber registrieren können sich 'Publisher' schon mal.

Auf die Webseite richtet sich jedenfalls viel Aufmerksamkeit. Im Spektrum der Bewertungen ist jede Haltung dabei - von «macht die Misere des Online-Journalismus deutlich» (Knüwer wieder) über «Die Seite ist gut, vielleicht sogar besser als Google News» (netzwertig.com) bis zur ganz radikalen Vision, die das «Internet der Seiten» sowieso an Facebook und Twitter aussterben sieht (Carta, natürlich).

Was auch immer daraus wird, für Hubert Burda, den Meister der Aufmerksamkeits-Aggregation, ist wieder alles bestens gelaufen. Zumal ihn seine Aktivitäten und Positionen so wenig daran hindern, von Google zu profitieren, wie ihn zuvor die Kritik an ARD und ZDF hinderte, von der ARD zu profitieren.

«Du sollst Deinesgleichen finden!»
Mit dreifacher Manpower im Vergleich zu nachrichten.de ging am gestrigen Donnerstag ein anderes neues Portal ins Netz: evangelisch.de zählt zehn feste Mitarbeiter, darunter fünf Redakteure. Mit einer Million Euro Budget pro Jahr sowie der Nachrichtenagentur epd (Evangelischer Pressedienst) im Rücken steigt die Evangelische Kirche ziemlich umfassend in den Wettbewerb im Internet ein. So hieß es auf einer etwas notdürftig online übertragenenen Pressekonferenz. Durchaus nachrichtlich sollen aktuelle Themen wie «Ansbach und Solln» beleuchtet werden. «Und wenn der Jackpot voll ist, ist das auch Thema?», lautete eine Frage. Ja, unter dem Aspekt, ob Geld glücklich macht. Tatsächlich, auch ein Artikel über den für neue Lotto-Millionäre zuständigen Kundenbetreuer steht da schon. Wobei das Gesamtangebot groß und keineswegs boulevardlastig ist.

Es gibt viele Videos. In die Randspalte auf der Startseite ist nicht nur ein Werbespot mit Schauspieler Rolf Becker als Moses eingebunden, mit dem auf RTL geworben wird (und dessen kleinen Gag auch auf das dort vermutete Comedy-Publikum zugeschnitten zu sein scheint), sondern auch die 100-Sekunden-Version der ARD-«Tagesschau». Als ein Schirmherr fungiert Henryk M. Broder von der «Achse des Gute» (Grußwort/ PDF).

Vieles ist ostentativ knallbunt. Sprüche wie «Du sollst Deinesgleichen finden!» und «Alles ist blogbar!» verweisen auf das Netzwerk, auf das Portalleiterin Melanie Huber, bis 2006 ingleicher Funktion bei «zeit.de», besonders stolz ist.

Trauer um Michael Jackson
Neu für soziale Netzwerke seien «Lebensbücher», die sich individuell zu Themen wie «Taufe des Kindes, zur Hochzeit oder zur Konfirmation» einrichten lassen, aber auch der Trauer um Michael Jackson oder Patrick Swayze dienen können. 19 solcher Lebensbücher stehen schon online. «Ein Blog lässt sich nicht als Album ausdrucken und bestellen», so ein Lebensbuch schon, sagt Huber. Bloß die Preise dafür stehen noch nicht fest.
Ob so eine Form des Internet-Ausdruckens Zukunft hat, muss sich zeigen. Mehr überzeugt erstmal eine andere Funktion. In der Anmeldung zur Community gibt es die Option «Ich höre zu: Ja/ Nein»: «Wenn Du offen für Kommunikation mit anderen Benutzer der Community bist, dann kannst Du das mit der Selektion dieser Checkbox ausdrücken». Per Knopfdruck mit einem Ohrsymbol anzuzeigen, dass man gerade «ein offenes Ohr» hat, oder eben nicht, ist etwas, das vielleicht eines Tages auch Facebook (Tagesspiegel über evangelisch.de: «Facebook auf Evangelisch») adaptieren könnte.

Für das Web ediert von Christian Bartels