11.09.2009
Herausgeber: netzeitung.de
An Managern auf Podien herrschte kein Mangel: Medienwoche 2009
Foto: Medienboard Berlin-Brandenburg /Völkner/FOX
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
...aber auch Fortbildung für Abgeordnete. Diese Woche brummte Berlin vor lauter Medienzukunfts-Ideen - dank Medienwoche, Internet-Manifest und Frank-Walter Steinmeier, dem mutigen Google-Gegner. Außerdem: Der Online-Trend zum Relaunch geht weiter.
Am Montag war in der europäischen Nahverkehrselendsmetropole Berlin auch in puncto Zukunftsvisionen für Medien mächtig was los. Im Kongresszentrum ICC begann am Rande der IFA die Medienwoche. Zwar kam zur Eröffnung kein internationaler Stargast wie im letzten Jahr der BBC-Director-General Mark Thompson, sondern als internationaler Vertreter auf dem
Eröffnungs-Podium bloß ein offenbar ziemlich kurzfristig zum Auftritt verdonnerter Abgesandter der MTV-Gruppe (die ihre Sender bekanntlich mit wenig Manpower zu betreiben versteht).
Aber Andreas Wiele, fürs Printgeschäft zuständiges Vorstandsmitglied der Axel Springer AG, formulierte schöne Thesen. «Deutschland ist und bleibt ein Printland», zum Beispiel. Dann sprach er doch übers Internet und nahm nicht schwer, dass auf den längst multinationalen Medienmärkten alle großen Player amerikanisch seien, und bloß kleine wie der Klingelton-Anbieter «Jamba!» (der inzwischen freilich Rupert Murdoch gehört) deutsch. Dafür könne Deutschland ja zum Vorreiter einer künftigen Entwicklung werden, für «Paid Content», also bezahlte Internetinhalte.
Steinmeier gegen GoogleZurselben Zeit anderswo in Berlin, in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz, wurde das Buch
'Media-Governance und Medienregulierung' vorgestellt. Anwesend waren Ministerpräsident Kurt Beck und Generalsekretär Hubertus Heil, denn das Buch enthält Grundzüge einer SPD-Medienpolitik. Für Aufsehen aber sorgte ein auch bereits online
(carta) publizierter Beitrag des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, der darin erstmals überhaupt medienpolitische Ziele äußert.
Steinmeier schöpft das neue Wort «Vermachtungsstrukturen» und meint - Google. Er fordert «ein zeitgemäßes Medienkonzentrationsrecht, das vor allem auch der Entwicklung der Speichermedien (on demand) Rechnung trägt und neue Vermachtungsstrukturen (Google und Co) klein hält.»
Zeitgemäßes Medienrecht wäre wirklich nicht schlecht. Und ob auf Dauer gut geht, wenn ein Anbieter über 90 Prozent des deutschen Suchmaschinenmarkts beherrscht, ist diskussionswert. Zumindest beweist Steinmeier Mut, denn wer gegen Google argumentiert, macht sich gerade viele Gegner. Nur die Verlegerverbände der gedruckten Presse nicht. Der Eindruck, dass Steinmeiers Thesen ganz besonders dieser Lobby gefallen sollen, kam dann auch rasch auf. So sagt er gleich auch das von diesen neuerdings geforderte «Leistungsschutzrecht» zu, obwohl noch äußerst diffus ist, was es bedeuten könnte.
Zurselben Zeit anderswo in Berlin... nein im Internet, begann das
Internet-Manifest herumzugehen.
Initiiert wurde es von den in Düsseldorf zu verorteten Bloggern Thomas Knüwer und Mario Sixtus. Aber viele der Unterzeichner wie Johnny Haeusler («Spreeblick»), Stefan Niggemeier und Sascha Lobo verkörpern natürlich geradezu das Berlin der neuen Medien.
Wo ist Lobo?Insofern dumm für die Medienwoche, dass weder diese gewaltige Aufregung, noch des SPD-Kanzlerkandidaten Äußerung zur Medienpolitik, die im Wahlkampf ansonsten eine weit untergeordnete Rolle spielt, auf ihr stattfanden. Sascha Lobo hätte mit seinem Iro schon rein optisch bestens zum roten Corporate Image der IFA gepasst. (Lobo gastierte dann drei Tage später auf dem
'Kommunikationskongress' - irgendwas ist ja immer in Berlin...)
Auf dem Medienwoche-Podium aber saßen Springer-Vorstand Wiele und etliche ähnliche Kaliber. Was das Vorreiten beim paid content angeht, so will Springer vorangehen und noch im Lauf dieses Jahres seine sämtlichen Inhalte für das iPhone kostenpflichtig machen, kündigte Wiele an. Dessen Nutzer seien ja gewohnt, für Applikationen zu bezahlen, sogar für Scherzartikel wie «elektronische Fürze»
(wie dieser Markt funktioniert, erklärt z.B. Jon Stewarts «Daily Show»).
Vielleicht gelingt es Springer tatsächlich, ein Modell für journalistische Bezahlinhalte im Internet zu entwickeln. Vielleicht sinkt auch nur die Reichweite der Springer-Inhalte. In der Woche, in der bild.de nach Visits Spiegel Online überholt hat (und das Bildzeitungs-gemäß zelebrierte, siehe
Bildblog) könnten Springer-Kritiker auch das begrüßen.
Wer bei Medienkongressen auf dem Panel sitztZumindest hätten das und andere schöne Thesen Wieles wie «Print sendet keine Wiederholungen» (wiedergegeben im Medienwoche-Bericht von
medienpiraten.tv) durchaus eine Diskussion verdient. Bekamen sie aber nicht. Wer bei Medienkongressen auf dem Panel sitzt, ist meist Manager und muss eigene Forderungen an die Politik richten, die gegenwärtige schwere Zeit als Herausforderung und die eigenen Geschäftsmodelle als richtige Antwort vorstellen. Und kann nicht noch darauf eingehen, wie andere das tun.
Was auch unterhaltsam sein kann. Zum Beispiel prognostizierte der deutsche Myspace-Chef Joel Berger zunehmende «Disintegration von Inhalten», da junge Leute sich nur noch von Freunden empfehlen lassen, was sie lesen sollten, und wegen dieser Filter die Werbung auf «Primärmedien» gar nicht mehr zu Kenntnis nähmen. Natürlich trommelte auch Berger in eigener Sache - MySpace
musste weltwelt Mitarbeiter entlassen und will sich selbst als Werbeumfeld positionieren. Aber auch an dieser Vision könnte etwas dran sein.
Banal, weil für ÄltereAls Diskussionsstoff erwies sich bislang aber vor allem das Internet-Manifest. Es drang sogar ins klassische öffentlich-rechtliche Fernsehen vor. Da
sprach die 3sat-'Kulturzeit' mit Stephan Weichert über die «Bloggosphäre» (3sat). Das Manifest sei für Ältere gedacht und wirke daher auf den ersten Blick so banal, erklärt der «Alphajournalisten»-Buch-Herausgeber und Experte fürs Zeitungssterben
(Ebertstiftungs-Studie/ PDF).
Und in die zarte SPD-Medienpolitk drang das Manifest gleich auch. Björn Böhning, Bundestagskandidat im Berliner Ströbele-Wahlkreis, entdeckte seine eigene «Idee eines zukunftsfähigen Internets wieder» und
schrieb gleich auf, «was für die Politik daraus folgen muss». Böhning bildet übrigens auch mit Persönlichkeiten wie Jo Groebel und Philipp Mißfelder einen «Media-Club de Rome». Das wurde auf der Medienwoche bekannt.
Dieser Club denkt «über eine neue Medienordnung» nach und erhebt Forderungen wie:
«Fortbildung für Abgeordnete: Viele wichtige Entscheidungen des Bundestags in diesem Bereich werden leider nicht auf Basis von eigenem Erfahrungswissen getroffen. Wir empfehlen das Angebot eines kontinuierlichen Updating für alle Abgeordneten. Nur wer das Web, Blogs, YouTube, Facebook, Twitter etc. wirklich selbst nutzt, versteht die digitale Welt.» Das
achtseitige PDF ist durchaus lesenswert, auch wenn es das «Deutsche Digital Institut», dessen Renommee noch ausbaufähig ist, online bereit hält.
Opulenz, Opulenz, OpulenzBei den Internet-Auftritten großer Papierzeitungen und -zeitschriften geht der Trend ganz eindeutig zum Relaunch. Nach «Spiegel Online» und «stern.de» nun jüngst relauncht: »zeit.de«. Die Änderung diene dazu, heißt es auf der
offiziellen Erklärungs-Site höflich, «Ihnen den Besuch auf Zeit Online so angenehm wie möglich zu machen».
Weiter unten auf derselben Site ist auch ein zweiminütiges «Herzlich willkommen»-Video eingebunden, in dem zeit.de-Chefredakteur Wolfgang Blau sehr nett erklärt: «Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt Wichtigeres zu tun haben als sich lange Erläuterungen anzuhören, warum wir über ein jahr an der neuen Webseite gearbeitet haben». Das Verständnis für eilige Nutzer hindert zeit.de freilich nicht, auch dieses Chefredakteurs-Video von einem Sponsor präsentieren zu lassen. Nur konsequent, schließlich müssen in der gegenwärtigen schweren Zeit die richtigen Geschäftsmodelle noch etabliert werden.
Ähnlich konsequent die Entscheidung, auf die
«Diesen Artikel auf einer Seite lesen»/ «Diesen Artikel auf vielen Seiten lesen»-Option zu verzichten. Früher ließen sich auch lange «zeit.de»-Artikel zumindest wahlweise auf einer Seite lesen, jetzt muss man praktisch jeden Artikel auf mehrere Seiten verteilt lesen. Also klicken. Blau gilt zwar als scharfer Kritiker der Online-Messeinheit Page Impression
(z.B.: «Das bloße Starren auf die Zahl der monatlichen Page Impressions sollte eigentlich längst der Vergangenheit angehören»). Aber PIs mitzunehmen schadet natürlich auch niemals.
Ansonsten spricht Blau, wie gerade
viele im Internet, von optischer Opulenz. Tatsächlich erinnert das
mithilfe einer schweizerisch-japanischen Designagentur gestaltete neue «zeit.de» passagenweise sehr an das kürzlich relaunchte «stern.de». Und ist insofern hübsch geworden.