Promi-Aufruf zum Nichtwählen in der Kritik: 

netzeitung.de«Geh nicht hin – ist alles Kappes»

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Claude-Oliver Rudolph im 'Nicht wählen gehen'-Spot (Foto: Screenshot NZ<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Claude-Oliver Rudolph im 'Nicht wählen gehen'-Spot
Foto: Screenshot NZ
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sie wettern gegen «Berlin», finden Politiker abgehoben und können Parteiprogramme nicht unterscheiden. In einem Clip nach US-Vorbild sprechen deutsche Promis über ihre geheime Leidenschaft: Nichtwählen. *Ironie an*?

«Scheiß' auf die Wahl.» – «Die ganze politische Klasse ist korrupt.» – «So'n Hals, Alter!» – «Es geht allen nur um Machterhalt oder so.» – «Wählen macht doch keinen Sinn. Für mich macht das alles keinen Sinn.» – «Ich find', das sind alles Versager.» – «Geh' nicht zur Wahl.» – «Sind eh immer die gleichen Regierungen an der Macht.» In dieser Preisklasse, nämlich auf billigem Stammtischniveau, bewegt sich der ganze Clip, mit dem diverse mehr oder minder bedeutende Prominente zum Nichtwählen aufrufen. Das etwa eine Minute lange Filmchen wurde von der Informationsplattform politik-digital.de gemeinsam mit der Produktionsfirma Probono von Friedrich Küppersbusch initiiert.

Zu 95 Prozent wird nach Herzenslust herumgeprollt, pubertär gekaspert und volkstümlich getan («Die in Berlin machen ihr Ding, wir machen unser Ding»). Während in den witzlosen Sekundenschnipseln Mike Krüger schweigend in die Kamera stiert, Sarah Kuttner irgendwas von «einfachen Leuten» brabbelt, Detlev Buck ein lahmes Statement gegen «blöde» Wahlaufrufe liefert, Claude-Oliver Rudolph «Ist alles Kappes» brummt, gibt es plötzlich auch ein überaus seriöses Gesicht zu sehen. «Tagesschau»-Sprecher Jan Hofer kommt einem persönlich: «Sie werden mir das vielleicht nicht glauben, aber ich geh' nicht wählen.» Aha. Sein gutes Recht. Und?

Ein Sprecher von politik-digital.de sagte, man wolle vor der Bundestagswahl im September die Themen Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit thematisieren. Einzelheiten sollen auf einer Pressekonferenz am Dienstag nächster Woche in Berlin mitgeteilt werden, an der auch Hofer teilnehmen werde. Die Internetplattform hatte bereits 2005 mit ihrer Aktion «Ich gehe nicht hin» mit erheblichem Erfolg versucht, Nichtwählern eine Stimme zu geben.

Nicht die Kurve gekriegt
Das aktuelle Video erinnert an eine Aktion im letzten US-Wahlkampf, in der Hollywood-Schauspieler vorgeblich zum Wahlboykott aufriefen, tatsächlich aber zum Wählen animieren wollten. Der deutsche Kurz-Abklatsch dieses fünfminütigen Films verzichtet jedoch auf die entscheidende Kurve hin zum Engagement, zur Konfrontation mit inhaltlichen Fragen, die deutlich macht, dass es sehr wohl auf die Wahlstimme des Betrachters ankomme. Nicht einmal eine ironische Überzeichnung von Stammtischparolen gelingt. Dass dies (auch) beabsichtigt gewesen sein könnte, ist nur bei Claude-Oliver Rudolph zu spüren.

Offenbar geht es bei diesem Spot eher darum, Nichtwählern eine Legitimation zu verschaffen – allerdings derart unterkomplex und anbiedernd, dass niedrige Instinkte gegen «die da oben» platt bedient werden. Am Ende sagen alle brav ihr «Geh nicht hin», bevor ein verrutschtes «Kein Bock» die Debatte wie auf dem Schulhof beschließt. Das ist in jeder Hinsicht unterirdisch im Vergleich mit dem dramaturgisch ausgefeilten, von verführerischen Stars getragenen US-Clip, der allerdings nach acht Jahren Bush auch eine dringende Sorge vor Entpolitisierung ausdrückte. Hierzulande geht es offenbar zumindest Rappern, TV-Köchen und Bestseller-Autorinnen so gut, dass noch jede Wurschtigkeit locker durchgeht. Die Firma «probono» hat hier kein Gespür für das Gute und sein Gegenteil, typisch deutschen Fernsehschrott, bewiesen.
«Form über Inhalt gestellt»
Sollte Teil 2 des Spots mit einer gigantischen Pointe noch zurückgehalten werden, so wäre dieses Spannungselement ganz und gar unnötig. Denn Cliffhanger machen nur dann Spaß, wenn etwas Aufregendes, Schönes und Interessantes unterbrochen wird. Die bescheidenen Gedanken der hier vertretenen Medienbetriebsnudeln zur Politik gehören nach dem, was in Minute 1 zu sehen ist, sicher nicht dazu.

Der Direktor des Deutschen Digital-Instituts Berlin, Joe Groebel, beurteilt das Internet-Video zum Wahlboykott skeptisch. «Es fragt sich, ob hier Form über Inhalt gestellt wird. Ob das, was originell gemeint ist, das Gegenteil dessen erreicht, was beabsichtigt war», sagte Groebel der Illustrierten «Bunte». (nz/dpa)