03.07.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Neue Tote, neue Herrchen, deutsches «Dallas»
Also immer mehr vom Alten. In der Sommerpause zeigen ARD und ZDF ein bisschen mehr Mut als sonst. Vor allem allerdings zeigen sie Hunde- und Schwedenkrimis und andere Retro-Rezepte. Ein öffentlich-rechtliches Luxusproblem eskaliert...
Die spannendste Saison im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist inzwischen im Prinzip die Sommerpause. Wenn die Stars, deren Namensshows sonst jeden Abend den Takt der timeslots vorgeben, Urlaub machen, passt Überraschendes und Originelles im Prinzip mal wieder ins Programmschema.
Reinhold Beckmann bzw. seiner Abwesenheit sei Dank darf ab kommendem Montag die Reihe
'Debüt im Ersten' schon nach den «Tagesthemen» um 22.45 Uhr auf den Sender. Los geht es mit der Speed-Dating-Komödie «Shoppen». Was genau dieses nette, keineswegs avantgardistische Filmchen, das im Jahr 2007 über 300.000 Zuschauer ins Kino lockte, daran hindert im Hauptabendprogramm zu laufen - unklar.
«Spannende Cliffhänger am Ende jeder Sendung»Weiter geht es am 13. Juli mit Jan Bonnys Film
'Gegenüber', in dem das Geheimnis eines Polizisten (Matthias Brandt) darin besteht, dass seine Frau ihn verprügelt.
Das zeigt, dass die ARD ein ganzes Stück mutiger ist als das ZDF. Dort leitet Heike Hempel, die einstige Leiterin der Redaktion «Das kleine Fernsehspiel», zwar inzwischen die «Hauptredaktion Unterhaltung-Wort». Aber die «Gefühlsecht»-Nachwuchsreihe
(Trailer) darf ab August (mit einer, Moncia Bleibtreu geschuldeten Ausnahme) frühestens um 23.30 Uhr senden.
Der ARD nutzt den Sommer auch als Gelegenheit, die vom Springer-Chef Mathias Döpfner für den NDR gedrehte Dokumentation «Mein Freund George Weidenfeld» weder nicht zu senden, noch vor großem Publikum zu zeigen. Sondern
sonntagmittags (12. Juli, 14.30 Uhr) - wenn sonst meistens der Heimatfilm «Das Erbe von Björndal» läuft, wie die
taz scherzte.
Auf Prestige-Sendeplätzen strotzt die ARD vor Wagemut. Am Montagabend, an dem sie etwa ohne viel Erfolg die von RTL aus dem Programm gekickte Serie «Die Anwälte» zeigte, startet jetzt eine neue deutsche Fernsehserie.
«Anders als alle anderen derzeit im Fernsehen laufenden Prime-Time-Serien erzählen wir in
'Geld.Macht.Liebe' eine durchgängige Geschichte - mit einem spannenden Cliffhänger am Ende jeder Sendung», sagt Hans-Wolfgang Jurgan, der Geschäftsführer der ARD-Degeto. Die Angewohnheit, in jeder Episode ein bis zwei überschaubare Konflikte sauber auszuerzählen, die deutsche Serien so langweilig macht, wird also vermieden. Das Vorbild stammt aus den USA.
Der Schauspieler Roland KochAus der Gegenwart allerdings nicht. Es ist die in den 1980-er Jahren von ihm betreute Serie «Dallas», so Jurgan im selben Interview im «GML»-Presseheft. Daran erinnert schon der gedrittelte Splitscreen-Vorspann, und die Handlung des 90-minütigen Pilotfilms (7.7., 20.15 Uhr) erst recht.
Es geht um die mächtige Bankhaus- und Familiendynastie von Rheinberg. Handlungsorte sind das auch nicht mit Schönheit gesegnete Frankfurt und sein Umland. Als der J.R. der Serie fungiert scheint in der Rolle des Markus von Rheinberg der Schauspieler Roland Koch
(nicht zu verwechseln mit dem allerdings
keineswegs völlig unähnlichen gleichnamigen Ministerpräsidenten).
Die dramaturgische Dynamik unter den Reichen und Fiesen wird nicht allein durch die üblichen, überraschend enthüllten Verwandtschaftverhältnissen («Ich bin Deine Enkelin!» - «Du hättest nie geboren werden sollen!») und Eighties-Verruchtheiten («Du hast nichts an!» - «Du hast mich den ganzen Abend mit deinen Blicken ausgezogen») getrieben. Sondern auch von aktuell großkapitalistischen Verwicklungen («Nicht gerade imagefördernd, wenn jemand an die große Glocke hängt, dass wir eine eigene bad bank unterhalten. Mach ihm klar, dass wir dafür sorgen können, dass es mit ihm noch weiter bergab geht. Bis unter die Erde...»).
Nach dem nun halbwegs sozialverträglich
abgewickelten Vorabend-Flop «Eine für alle» ist dies also der zweite Versuch, die ARD-Dramatik mit Nachrichten-bekannten Vokabular aufzupeppen
Immerhin ein Fortschritt: Ob es unter den Charakteren Sympathieträger gibt und welche das sein könnten, gibt die Pilotfolge nicht aufdringlich vor. Das Publikum soll sich schon selber etwas denken. Und die Musik schlägt einen etwas flotteren Rhythmus an als aus Degeto-Filmen à la «Die Landärztin» gewohnt. Wer vor zwei Jahrzehnten «Dallas» sah, mag sich durchaus amüsieren.
Klingelton zum DownloadenDas Retro-Rezept soll über stolze 20 Folgen funktionieren. Dafür werden alle Register der Online-Vermarktung gezogen. Es gibt diverse Internetauftritte der Serie
(der ARD, der Produktionsfirma
Tivoli, die zur österreichischen Lisa-Film gehört), ein gar nicht ganz übles Videoblog des Regisseurs Helmut Metzger
(Das Tagebuch des Metzgers) und gar einen downloadbaren
Klingelton (falls Interesse bestehen sollte: schnell laden, dieses Angebot besteht bestimmt keinen Drei-Stufen-Test).
Leider noch nicht online: die Musik zur neuen Sommerserie des ZDF. Drei Tage nach «GML» kommt
'Kommissar Rex' wieder. Der vormalige österreichische Sat.1-Schäferhund ist erstens mit einem römischen Commissario nach Italien migriert (nachdem sich die Produktion am deutschsprachigen Standort Österreich nach dem Sat.1-Ausstieg nicht mehr refinanzieren ließ). Und zweitens ins öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Der Pilotfilm (9.7., 20.15 Uhr) ist mit 90 Minuten selbst beim besten Willen eine Dreiviertelstunde zu lang. Der neue «Rex»-Titelsong
(Youtube) kreuzt alten Oliver Onions-Sound mit einem Hauch «Shaft»-Appeal. Die Krimihandlung ist auf ein Gaga-Minimum reduziert («Rex weiß, was er zu tun hat. Folgen wir ihm!»). Aber die Schnitte werden von «CSI»-artigem Dröhnen und Flashen unterstützt. Wiederum geht es flott zu - zumindest im Vergleich mit sonstigen
öffentlich-rechtlichen Hundekrimis. Schwedischer vs. belgischer KrimiAn denen herrschte schon bisher keinerlei Mangel. Dieses strukturelle Luxus-Problem der Öffentlich-Rechtlichen zeigt sich besonders deutlich in der Anne Will-Sommerpause, die nach der Sendung an diesem Sonntag beginnt. Huer zeigt die ARD ersatzweise:
'Irene Huss' - keine Talkerin, sondern Mitarbeiterin der «Kripo Göteborg». Noch eine Fernsehkommissarin, noch ein Schwedenkrimi.
Ihr Alleinstellungsmerkmal? Sie ist «Kampfsportlerin und entscheidungsstark, hat – anders als ihre männlichen 'Kollegen' Wallander oder Van Veeteren – ein intaktes Familienleben». Das «allerdings schützt sie nicht vor der harten Wirklichkeit» (ARD).
Exemplarische Szene: «Mein Gott ist das widerlich, wie krank ist so ein Mensch» rufen die Polizisten angesichts der Morde des Killers in der Startfolge «Der tätowierte Torso» aus. Fürs Publikum ist wenig davon zu sehen, aber umso mehr in den Dialogen zu hören. Ein Gebrauchskrimi, der sich halbwiderlich oder normal spannend finden lässt.
Das Problem: Exakt zurselben Zeit nach dem sonntäglichen «Tatort» zeigt das ZDF gewohntermaßen englische oder auch skandinavische Krimis. Zur «Huss»-Zeit mal
einen belgischen. Mitten im Sommer konkurrieren das sogenannte Erste und das Zweite mit neuen Euro-Krimis um genau das gleiche Publikum.
Die öffentlich-rechtlichen Sender klagen einerseits über bevorstehende Millionen-Einsparungen, weil «Gebührenanpassungen» «unter der allgemeinen Teuerungsrate» liegen (z.B.
der WDR). Andererseits haben sie prallvolle Arsenale mit neuen und Eigen-, Ko- und Kaufproduktionen, die sie selbst im Sommer gegeneinander senden. Dritterseits handelt es sich inhaltlich weitestgehend um Immergleiches. Kommt doch mal eine Art Innovation heraus, sind das Re-Importe aus dem Privatfernsehen und Retro-Rezepte.
Das wird unter den üblichen Marktanteils-Maßstäben in diesem Sommer gut gehen, und im nächsten sicher auch noch. Aber die Absurdität dieser Art des Gebühren-finanzierten Fernsehens tritt immer klarer zutage. Geht es so weiter, muss dieses System in wenigen Jahren implodieren.