26.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Impulsive Gemütsruhe: Thomas Leif
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Berlin, München und Köln wurde gerade wieder «Das Ende des Journalismus» diskutiert, oder die Frage, ob das Internet alles entwertet. Klare, in allen Varianten vorgebrachte Antwort: «Bis jetzt weiß noch niemand ...». Der NZ-Medienrückblick.
Einerseits äußerte sich hinterher jeder Zuschauer angeödet bis genervt über die Veranstaltung, und ab dem frühen Morgen ergoss sich online eine entsprechende Berichterstattung über die Berliner Diskussion zum
'Ende des Journalismus'. Distanziert bis hämisch wurde
gebloggt und
getwittert. Und tags drauf schrieben Zeitungen etwas gelangweilt auf, was ihre amtierenden oder ehemaligen stellvertretenden Chefredakteure
Andererseits war es eng und voll am Veranstaltungsort, der Landesvertretung Rheinland-Pfalz. Wer nicht zu früh gekommen war, musste stehen. Es war einer der wenigen schönen Abende dieses Jahr. Getränke gab es während der Diskussion auch nicht. Und trotzdem sind alle geblieben.
Was ist eigentlich Journalismus?Inhaltlich aufregend ist es traditionell selten bei den zahlreichen Gelegenheiten, bei denen Journalisten auf Podiumsdiskussionen mit oder nebeneinander reden. Schon deshalb, weil deutsche Journalisten, die entsprechend wichtige Positionen innehaben, es sich (anders als englische Kollegen) nicht erlauben können, keine Antwort von der Zukunft zu haben. Oder wenigstens keine Vorstellung. Seit gut einem Jahr herrscht bei solchen Gelegenheiten immer Untergangs-Stimmung. Und dennoch steigt ihre Faszination.
An der Lebendigkeit des Austauschs kann es nicht liegen. Das machte die Berliner Veranstaltung deutlich. Kam mal eine direkte Interaktion zwischen Diskutanten auf, zum Beispiel mit Mario Sixtus, einem «lebendigen Blogger» (Moderator Thomas Leif), unterband die Journalisten-Reizfigur Leif sie in impulsiver Gemütsruhe durch messerscharfe Fragen wie «Durch was wird Journalismus gefährdet, und was ist eigentlich Journalismus?».
Man könne die Uhr danach stellen, sagte der Diskussions-gestählte «sueddeutsche.de»-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, nach einer Stunde sage immer ein Vertreter einer Mediengattung einer anderen den Tod voraus (was in einer Veranstaltung dieses Titels noch weniger überraschen kann als sowieso).
«Unsere Aufgabe seit 1832»Es bringt tatsächlich auch immer noch jemand das Riepl'sche Gesetz als Beleg dafür, dass Mediengattungen gar nicht sterben können. In diesem Fall war es «Tagesspiegel»-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff, ohnehin der Vorreiter in Richtung Vergangenheit («Wir haben unsere Aufgabe schon seit dem Hambacher Fest 1832»).
Und irgendwann kommt inzwischen immer der Gedanke auf, den der Ringier-Publizist Frank A. Meyer auf einem schönen Umweg von Pablo Picasso herleitete. Vor zehn Jahren habe er mal gelesen, erzählte Meyer, dass Picasso gesagt habe:
'Ich suche nicht, ich finde.' So sei das auch mit der Zeitung im Vergleich zum Internet.
In neueren Medienwandels-Diskussionen ist diese Denkfigur auch von Mathias Döpfner bekannt, der 2006 schon mal eine umfassende Antwort
('Der Journalismus lebt') auf die Frage nach dem «Ende des Journalismus» veröffentlichte, und geht so: «Im Internet erfahre ich schneller mehr über das, von dem ich schon weiß, daß es mich interessiert. ... In der Zeitung dagegen erfahre ich etwas über Dinge, von denen ich noch gar nicht wußte, daß sie mich interessieren könnten». Was sich natürlich auch umgekehrt sehen ließe.
Lauter bestens bekannte Debatten-Module jedenfalls, die weite Teile des Publikums wahrscheinlich eben so gut wie oder besser als die Diskutanten kannten. Gleich anschließend boten sie Resonanzraum für twitternde Chefredakteure auf dem Podium
(Wolfgang Blau, «zeit.de»: «weird panel»), bloggende Journalisten im Publikum auf der Suche nach Material für eine «Eventkritik»
(freitag.de) und journalistische Blogger, die auch die wenigen zugelassenen Fragesteller aus dem Publikum in ihre Bewertungen einbezogen
(Ronnie Grob). «Schlimmes Schulterklopfen»Jedenfalls ließ die Nachbereitung der Diskussion wenig zu wünschen übrig. Die Vielfalt der Module, die dank Thomas Leif sowieso keinen Zusammenhang ergaben, erlaubte jedem, sein Bild zu bestätigen. Souverän macht das immer Robin Meyer-Lucht
(carta), der zwei Tage später einen Grimme Online Award entgegennahm, und auch dieses «schlimme Qualitätsjournalismus-Schulterklopfen» als Beleg dafür sah, wie «das ganze klassische Mediensystem so langsam ins Wanken» gerät.
Auch das wäre eine Stimme gewesen, die auf dem Podium für Vielfalt gesorgt hätte. Auch sie stößt auf das Problem, auf das alle anderen auch stoßen: Wen die jeweiligen Thesen bisher nicht vom Hocker gerissen haben, werden sie in der näheren Zukunft auch nicht aufrütteln.
Aber der Reiz der Variationen des Ausdrucks steigt gerade wieder durch neue technische Möglichkeiten und ihre Netzwerkeffekte. Immer mehr aktuelle Veranstaltungs-Zitate lassen sich mit eigenen Thesen und dem anwachsenden Schatz alter Medieninhalte immer besser kombinieren. Aus jeder denkbaren Distanz.
«Krise hieße, sie ginge vorbei»In dieser Hinsicht stellte der Hamburger Mediendienst
meedia.de ein Experiment an und rekonstruierte eine - offenbar ziemlich vergleichbare - Münchener Redeveranstaltung in der vorherigen Woche ausschließlich via Twitter aus der Ferne: «Alle Zitate dieses Textes stammen aus dem Twitter-Stream von Zuhörern oder Newsaktuell selbst», der dpa-Tochter, die die durch die Medienmetropolen tingelnde «Media Coffee»-Reihe veranstaltet.
Das Ergebnis liest sich erheblich spannender, als das offizielle
Fünf-Minuten-Video sich ansieht. Überschrift «Endzeitstimmung». Die scheint in München noch mehr geherrscht zu haben als in Berlin, oder lässt sich zumindest aus dem Dirk Ippen-Zitat «Print hat keine Krise, denn Krise heißt, dass es wieder besser wird - und daran glaube ich nicht» herleiten.
Die jüngste diesbezügliche Hamburger Veranstaltung des «Netzwerks Recherche» (siehe z.B.
Tagesspiegel) soll nicht verschwiegen werden. Doch die ultimative Krisen-Veranstaltung muss allerdings einen Tag nach der Berliner in Köln stattgefunden haben. Sie trug den Titel «Zukunftswerkstatt» und ist vielleicht ein bisschen untergegangen, weil beim Kölner Medienforum NRW insgesamt «50 Einzelveranstaltungen sowie zahlreiche Events und Preisverleihungen» liefen.
Sie stand unter dem herzerfrischenden Motto «The Internet devalues everything it touches» (Das Internet entwertet alles, was es berührt). Was die Experten dort der
offiziellen Pressemitteilung zufolge sagten: Frauke Gerlach, Vorsitzende der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW, rechnet mit «einer Spaltung der Gesellschaft». Albrecht Müller, seines Zeichens Herausgeber der nachdenkseiten.de, wird mit der zupackenden Zuspitzung «Online finde ich vor allem Verblödung und Qualitätsverfall» zitiert.
Dass die Stimmung wirklich mies war, unterstreicht die Aussage des Moderators Holger Schmidt, als
Netzökonom der «FAZ» einer der besten journalistischsten Blogger. Er gab offenbar die Antwort auf die Frage nach dem «Ende des Journalismus» und sagte, «es handle sich bei Angehörigen seiner Berufsgruppe um eine aussterbende Gattung».
Überdies saß ein langjähriger Liebling der digitalen Mediennutzer auf diesem Podium. Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, aber auch in der Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der
Ruhr 2010 GmbH unterwegs, hat in ersterer Funktion kürzlich die Digital-Debatten durch die
Popkomm-Absage 'wegen Internet' bereichert. Die Kölner Diskussionsveranstaltung bereicherte er mit der Aussage «Bis jetzt weiß noch niemand, wie der Wechsel von der analogen in die digitale Welt kapitalisiert werden kann».
Vielleicht ließe sich ja die - nach #zensursula - zweitstärkste deutsche Twitter-Namensmarke kapitalisieren,
#machswiegorny?
Oder es geht dem Journalismus vielleicht bald wie der Musikindustrie, und Einnahmeeinbußen beim Verkauf von Trägermedien werden durch Eventkultur, durch teure Tickets für (derzeit noch kostenlos zugängliche) Veranstaltungen, auf denen Starjournalisten performen, aufgefangen.