12.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Horst Seehofer
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wenn sich ein Boulevardblatt, das für Berichte im grauen Bereich zwischen erlaubt und ethisch vertretbar bekannt ist, über «journalistische Todsünden» empört, wird es interessant. Es geht um Seehofer und seine (Ex-)Geliebte.
Es gibt vermutlich wenige Menschen, die sowohl das Boulevardblatt «Bild» als auch die links-kreative «Tageszeitung» (taz) lesen. Zu unterschiedlich sind die Zielgruppen und Themen - eigentlich. Nun allerdings lädt der Online-Auftritt der «Bild» geradezu zum Doppellesen ein. Mit einer Geschichte über CSU-Chef Horst Seehofer hat es die «taz» offenbar geschafft, genau den Nerv der Boulevard-Redaktion zu treffen.
Taz.de berichtet unter der Überschrift «Dringender Termin in Berlin» über ein Gerücht, das derzeit in Berlin die Runde macht: Seehofer, der vor zwei Jahren offiziell eine Affäre und das gemeinsame Kind in Berlin für seine Ehefrau in Bayern zurückließ, soll wieder schwanger sein. Nein, halt, natürlich die Geliebte, von ihm. Vielleicht wurmt es die «Bild»-Kollegen, dass nicht sie es waren, die dies verbreiten. Vielleicht ist es auch nur ein alter Reflex, alles, was die «taz» macht, komisch zu finden (denn ehrlich gesagt war die «taz» noch nicht mal die erste, die das Thema in die Runde warf). Jedenfalls titelt Bild.de empört: «Taz bringt Seehofer mit neuen Gerüchten in Verruf».
Auch kritisiert Bild.de, einen «Beleg für Seehofers angebliches Doppelleben bleibt die links-alternative Tageszeitung allerdings schuldig». Spätestens hier müsste der geübte «Bild»-Leser aufmerken: Jemanden in Verruf bringen und Belege schuldig bleiben, wurde das nicht immer wieder auch dem Boulevardblatt vorgeworfen? Vielleicht bringt Bild.de auch genau das in Rage, dass da eine «taz» kommt, die «ansonsten keine Gelegenheit auslässt, Boulevard-Berichterstattung zu verdammen» - und dann genau dieselben Methoden anzuwenden scheint.
«Total durchgedreht?»«Dreht die TAZ jetzt total durch?» schreit es den Online-Leser dick gedruckt entgegen. Es sei eine «journalistische Todsünde» so zu arbeiten, wie es die «taz» getan habe.
So unsauber, wie die Boulevard-Kollegen behaupten, ist die Methode der «taz» indes nicht. Da wird die bayerische Ex-Sozialministerin Christa Stewens zitiert, die sagt: «Ich habe kein Problem damit, dass er eine Freundin hat, aber er sollte für klare Verhältnisse sorgen.» Und als Quelle «CSU-Leute» in Berlin anzugeben («Bald hörte man in Berlin von CSU-Leuten: 'Die sind noch zusammen.' In den letzten Wochen kam noch ein Detail dazu: 'Die beiden bekommen ein zweites Kind.'») ist ein üblicher Weg, um Informanten zu schützen.
VertrauenEs kommt auf die Leser an, ob sie ihrem Blatt vertrauen, dass sich etwa hinter «CSU-Leuten» zuverlässige Gesprächspartner verbergen. Eine Zeitung, die dieses Versprechen fast immer hält, kann sich auf dieses Vertrauen verlassen.
Aus Leser-Sicht stellt sich beim Vergleich von taz.de und Bild.de vielmehr die Frage, welche Berichterstattung für Seehofer - und letztlich auch die (Ex?-)Freundin Annette F. - nun tatsächlich schädlich sein könnte. Taz.de bringt ihren Artikel mit einem Foto des Ehepaars Seehofer. Der Rest ist Bleiwüste. Bild.de spickt ihr Aufreger-Stück mit einem Doppelbild Ehepaar/Geliebte, fügt weiter unten ein zerknirschtes Horst-Seehofer-Porträt an und lädt User ein zum Weiterlesen: «Horst Seehofer - Spekulationen über Liebes-Comeback» und «Gerüchte um Seehofer - Jetzt legt die 'Bunte' nach». So hat sich «Bild» die Geschichte doch noch zu eigen gemacht.
Zur Erinnerung: Vor zwei Jahren hatte Seehofer das «lückenlose mediale Trommelfeuer» kritisiert, das vor allem die Blätter des Axel-Springer-Verlags wegen seines unehelichen Babys veranstaltet hätten. Seehofer nannte damals als Beispiel die Schlagzeile einer Ausgabe der «Bild am Sonntag». Dort war er als «Papa eiskalt» bezeichnet worden. «Ich habe in meinen 40 Jahren nichts Widerwärtigeres erlebt», empörte er sich. «Das hat mit Informationsbedürfnis der Bevölkerung nichts zu tun.(nz)