Media-Theke, die Medienkolumne der Netzeitung: 

netzeitung.de«WoW»-Doku, «ViB», Schulmädchenreport

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Noch nicht legal und gratis im Netz, sondern nur auf Pro Sieben: "Lost" (hier: Evangeline Lilly) (Foto: 3min.de<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Noch nicht legal und gratis im Netz, sondern nur auf Pro Sieben: "Lost" (hier: Evangeline Lilly)
Foto: 3min.de
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Von verspielter Kultur à la Alexander Kluge über komplette Telenovelas bis zum Drei-Minuten-Portal der Telekom: Das Internet brummt nur so vor Mediatheken aller Art ... - Die Medienwochenschau der Netzeitung.

Youtube-Chef Chad Hurley schätzte im Januar, dass minütlich 15 Stunden neues Videomaterial auf Youtube raufgeladen werden. Auch darüber hinaus wird das Internet immer voller mit Bewegtbild. Allein im Mai erblickten vier neue deutsche Mediatheken das Licht der Monitore.

Eine neue Farbe bedient dctp.tv. Das Düsseldorfer Unternehmen ist vor allem durch den früheren Filmregisseur Alexander Kluge, seinen 37,5-prozentigen Eigentümer, bekannt. Hier laufen die elaborierten, gern als «Quotengift» verschmähten Kunst- und Kurzfilme, die von den sogenannten Drittsendeplätzen im Privatfernsehen bekannt sind - einerseits als linearer Livestream. Andererseits hält ein in «Themenparks» mit Titeln wie «Kapitalismus ist keine Einbahnstraße» gebündeltes Abruf-Angebot rund 60 Videos zwischen zwei und 45 Minuten Länge bereit.

365 Folgen «Verliebt in Berlin»
Deutlich kommerzieller sind natürlich die neuen Videoportale von Sat.1 und Kabel Eins. Damit ziehen die Sender der ProSiebenSat1-Gruppe mit RTLs rtl-now gleich. Während kabeleins.tv nach eigenen Angaben etwa über 900 Videos rund um Autos zeitlich ungegrenzt vorhält, bietet das Sat.1-Angebot, das sich selbst Videocenter nennt, vor allem Sendungen des aktuellen TV-Programms sieben Tage nach ihrer Ausstrahlung zum kostenlosen Abruf bereit - nach dem Prinzip also, das die öffentlich-rechtlichen Sender als Standard durchgesetzt haben.

Von der Sat.1-Telenovela «Anna und die Liebe» (AUDL), folgenmäßig gerade in ihren 180ern, sind jeweils die jüngsten vier Folgen komplett zu sehen. Die ARD hält es mit ihrer Konkurrenz-Daily 'Marienhof' zurzeit genauso.

Ältere AUDL-Folgen zeigt Sat.1 in Ausschnitten und will Fans so zum kostenpflichtigen Angebot bei Maxdome locken. In der nach eigenen Angaben «größten deutschen Online-Videothek» lassen sich alte Folgen für 99 Cent pro Stück und 24 Stunden oder paketweise im Abo ansehen. Die neuesten Folgen laufen dort (nach Registrierung) ebenfalls gratis - und auf myvideo.de, dem Youtube-artigen Clip-Portal der ProSiebenSat1-Gruppe, gleich auch noch. Dort wird überdies seit April täglich eine Folge der Vorgänger-Telenovela «Verliebt in Berlin» ins Netz gestellt. Bis am Ende alle 365 Folgen online verfügbar sein werden.

Clipartiges für mobile Endgeräte
Ebenfalls im Mai offiziell an den Start ging 3min.de. Hinter dem Webserien-Portal steckt die Abteilung «Products & Innovation» der Deutschen Telekom. Nach dem Motto «Man hat dir schon oft erzählt, dass es nicht auf die Länge ankommt, aber in diesem Fall stimmt es wirklich» ist der Name insofern Programm, dass, was hier läuft, eine Länge von etwa fünf Minuten nicht überschreitet.

«Clipartige Inhalte sind perfekt für mobile Endgeräte», sagt Projektleiter Robert Wagner. Das Internet habe «ein neues Medienformat für den Konsum zwischendurch kreiert», das auch auf iPhones und ähnlichen Geräten genutzt und klassische Serien «nicht ersetzen, sondern ergänzen» werde. Damit Nutzer wiederkehren, setzt auch 3min.de auf serielle Formate wie den in 80 anderthalbminütige Folgen zerteilten US-Thriller «Prom Queen», den schon rund 20 Millionen Amerikaner verfolgten.

Zwei Drittel der Produktionen kommt aus Deutschland. So möchte die dokumentarische Serie 'Bubble Universe' (13 Folgen) die Faszination von «World of Warcraft» und «die soziale Komponente» von Online-Rollenspielen zeigen - und so in einen toten Winkel der klassischen Medien vorstoßen, die «WoW» zumeist stiefmütterlich behandeln.

Als Mockumentary in «Stromberg»-Gestus zeigt 'Making Of Süße Stuten 7' die Dreharbeiten eines Pornofilms aus der Perspektive eines unbedarften Praktikanten. Regisseur ist Daniel Hyan, von dem auch die seit 2006 unabhängig entstandene Webserie «Moabit Vice» stammt.

«Für die unendlichen Tiefen des Internet gibt es Youtube», sagt Projektleiter Wagner, «wir wollen bewusst keine unbegrenzte Auswahl der Inhalte». Er beziffert das Gesamtangebot bei 3min.de auf etwa 1500 Minuten Programm. Das wären bloß 25 Stunden.

Musikvideos, wie sie bei Youtube in Deutschland wegen der weiter laufenden Auseinandersetzung mit der GEMA vermisst werden, gehören auch zu den Attraktionen. 3min zeigt als 'Anti-Rotation' eine ansehnliche Auswahl, ähnlich wie auch Angebote wie das Berliner tape.tv es tun. Myvideo.de wiederum rühmt sich, über 16.000 Musik-Videos im Angebot zu haben. Und das von RTL betriebene Äquivalent clipfish.de zeigt im Rahmen einer Partnerschaft Videos des Musikkonzerns Universal, die beim deutschen Youtube nicht zu sehen sind.

Wann kommt Hulu?
Und auch legal verfügbare Gratis-Spielfilme breiten sich weiterhin (siehe Media-Theke) aus. Wie es Youtube erst ansatzweise tut (hier Richard Linklaters 'Slacker' von 1991 im Original) und in größerem Umfang plant, zeigt Myvideo.de seit Anfang des Monats werbefinanziert Kinospielfilme. Mehr als 100 Titel sollen es im Sommer sein, der 'Schulmädchenreport Nr. 13' (aus Jugendschutzgründen nur ab 22.00 Uhr zu sehen) ist nur einer davon. Bislang überschneidet sich das Angebot verblüffend mit den Titeln, die auch Microsoft auf deutsch anbietet. Video-on-Demand gewinne als legaler Vertriebskanal für Spielfilme an Bedeutung und biete «ein zunehmend attraktives Geschäftsmodell», heißt es bei Myvideo. Wenn ohnehin niemand im Internet bezahlt, werden Filme eben gratis angeboten - und von weniger Werbung unterbrochen als im alten Fernsehen.

Auf diesen Feldern sollen Claims abgesteckt werden. Ein deutscher Markteintritt des US-Portals hulu.com, das als Online-Gemeinschaftsunternehmen der im alten Fernseh-Geschäft konkurrierenden Unternehmen News Corp. (Rupert Murdoch), NBC Universal und Disney in den USA mit großem Erfolg Kino- und Fernseh-Produktionen streamt, ist zu erwarten. Noch sind Hulu-Serien wie «Lost» und «Die Simpsons» aus Deutschland heraus wegen Geofilterung nicht zu empfangen. Dass sie wesentlich mehr Nutzer als AUDL und «ViB» anziehen und das Fernsehen im Netz voranbringen würden, ist jedoch klar.

In den USA läuft Hulu vor allem Youtube, das weiterhin Verluste erwirtschaftet (und derzeit sogar gegen Product Placement vorgeht, das es verbreitet ohne daran zu verdienen; siehe webserien.blogspot.com) den Rang ab. Werbekunden bevorzugen professionell produzierte Inhalte gegenüber User-generierten als Werberahmen. Daher lassen Copyright-Inhaber Fernseh-Inhalte wie hierzulande etwa DSDS-Schnipsel in großem Stil von Youtube und vergleichbaren Seiten entfernen, um sie lieber auf eigenen Portalen auszuwerten.

«Natürlich hoffen wir dabei auf einen zunehmenden Switch der TV Spendings in Richtung Online», antwortet auch 3min.de-Mann Wagner auf die Frage nach der Finanzierung. Dass allerdings die zur Verfügung stehende Zeit der potenziellen Nutzer für all die bestehenden und neuen Geschäftsmodelle nicht einmal ansatzweise ausreicht, lässt sich auch schnell ausrechnen.

Alles über «Alisa»
Wenn es immer unübersichtlicher im Web wird, suchen natürlich auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihren Platz. Relativ unbeachtet leistete sich der Internetauftritt des ZDF einen sanften (von meedia.de gut besprochenen) Relaunch und setzt, so der Anspruch, «noch mehr auf Bewegtbild als zuvor».

Zumindest springt die 100-sekündige version der «heute»-Nachrichten beim ZDF nun ähnlich schnell ins Auge wie beim Kooperationspartner zeit.de. In puncto Übersichtlichkeit bleibt Luft nach oben. Aber das war womöglich so gewollt. Dass die Mainzer von ihrer aktuellen Telenovela «Alisa - Folge deinem Herzen», die im Programm gerade die 50. Folge hinter sich hat, online weiterhin sämtliche Folgen bieten, geht eher unter. Um Folge eins zu finden, muss man sich ziemlich lange bis ans Ende des 'Alisa'-Videoarchivs klicken. Ob das den Gebühren-finanzierten Sendern nach dem jüngsten Rundfunkstaatsvertrag überhaupt gestattet ist, muss sich auch erst noch herausstellen.

Für das Web ediert von Christian Bartels