Interview mit Wolf Schneider: 

netzeitung.de«Mehr Schrott, als je in einer Zeitung steht»

 Herausgeber: netzeitung.de

'SpOn'-Vlogger Matthias Matussek (Foto: Screenshot Netzeitung<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'SpOn'-Vlogger Matthias Matussek
Foto: Screenshot Netzeitung
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Selbst rührt Wolf Schneider, der Mittwoch 84 wurde, den Computer nicht an. Das macht seine Frau, die er seine «Elektronikerin» nennt, für ihn. Aber der «Sprachpapst» und frisch gebackene Videoblogger kennt sich gut aus in der digitalen Medienwelt.

Netzeitung: Herr Schneider, heißt es «das Blog» und «das Vlog»?

Wolf Schneider: Weiß ich nicht, interessiert mich nicht, ich muss nicht für alles auf die Barrikade gehen. Im Duden steht es noch nicht.

Sie gelten als Internet-affin, konnten zum Beispiel Journalistenschülern, die das nicht wussten, früh erklären, was Twitter ist.

Schneider: Das war so: Als Twitter während der Attentate von Bombay erstmals populär wurde, hatte ich frühzeitig in der Zeitung gelesen, dass es sowas gibt. Und einige Schüler der RTL-Journalistenschule in Köln, bei der ich dann war, wussten es noch nicht. Das war eine kleine Genugtuung für mich. Seitdem habe ich an den anderen Journalistenschulen - ich war schon bei vieren in diesem Jahr - erstmal überall gefragt: Kennt Ihr das eigentlich?

Was führt Sie jetzt, mit 84 Jahren, ins Internet?

Schneider: Mich hat gar nichts reingeführt. Vier ehemalige Journalistenschüler, die offenbar den Eindruck hatten, dass ich etwas zu erzählen habe, haben das eingefädelt. Für mich ist es ganz lustig, dass ich in diesem mir bisher fremden Medium auch etwas zu sagen habe. Ich freue mich, wenn Gelegenheit besteht, den Leuten zu etwas besserem Deutsch zu verhelfen.

«Ja, da kannst Du mithalten»
Wie entsteht so ein Videoblog-Beitrag?

Schneider: Die jungen Leute, die das alles in eigener Regie machen, haben mich gebeten, Beiträge für die ersten vier Sendungen fertig zu machen, die sie auf einmal aufgenommen haben. Die Themen sind teils welche, die ich schon mal behandelt habe, ich habe ja viel über Sprache geschrieben und gelehrt. Aber im Prinzip liege ich auf der Lauer, den aktuellen Nachrichten etwas zu entnehmen, das noch nicht da war.

Es gibt eine Reihe von Videoblog-Formaten deutscher Journalisten, etwa von Matthias Matussek, Jens Jessen und Hans-Ulrich Jörges. Haben Sie sich die angeschaut?

Schneider: Nun muss ich meine Worte wägen. Das, was ich mehr oder weniger zufällig gesehen habe, war für mich eine relative Ermutigung. Ich dachte mir: Ja, da kannst Du mithalten.

Das Internet bedeutet unter anderem eine Demokratisierung des Publizierens und eine Vervielfachung dessen, was publiziert wird. Schadet oder nützt dem Journalismus?

Schneider: Dem Journalismus schadet es nicht. Die Frage ist, was aus den Zeitungen wird. Im Durchschnitt ist das, was im Internet steht, wohl weniger seriös als das, was Journalisten verbreiten. Die Amateure entdecken sicher einiges Vernünftige. Aber im Großen und Ganzen wird da doch sehr viel mehr Schrott produziert als Sie irgendeiner Zeitung jemals entnehmen können. Die Frage ist, wie es mit der Presse weitergeht. Soll ich mich dazu äußern?

Ja gerne.

Schneider: Ich studiere zu Gunsten des Unterrichts an den Journalistenschulen seit einem Jahr sehr heftig, was alles darüber publiziert wird, in der «New York Times», der «Süddeutschen», vielen Pressediensten. Die Diagnose scheint mir: Erstens löst das Internet große Teile des Journalismus ab, die Auflagen aller Zeitungen sinken, die Zeitung wird es schwer haben, sich im Internetzeitalter zu bewähren. Zweitens wäre es gerade für Internetnutzer besonders geboten, sich einer guten Zeitung zu bedienen. Denn die Zeitung bietet gewichtete Informationen statt der Menge von Schrott und Desinformation, die durchs Internet geistert.

Wer sich wirklich informieren möchte, wie es auf der Welt zugeht, dem müsste eine Zeitung noch wichtiger sein als früher. Aber drittens ist zu fürchten, dass der tägliche Umgang mit dem Internet das Interesse am täglichen Zeitungslesen reduziert. Daher geht die Prognose dahin, dass Wochenzeitungen und gut gemachte Zeitschriften es leichter haben werden zu überleben.

Sie setzen den Journalismus vor allem mit Presse gleich und halten vom Onlinejournalismus nicht so ungemein viel?

Schneider: Moment, ich unterscheide Journalisten, ob sie nun für Zeitungen, Rundfunk oder online tätig sind, von Nichtjournalisten. Die große Mehrzahl der Blogger sind ja keine Journalisten. Und da wird eine Menge fröhlichen Unsinns, grober Irrtümer oder vorsätzlicher Fehldarstellungen produziert. Im Journalismus findet das nicht oder höchstens ausnahmsweise statt.

Und Sie tragen jetzt ein bisschen dazu bei, mehr seriöse Inhalte ins Internet zu bringen...

Schneider: Ich leiste vielleicht einen kleinen Beitrag dazu. Aber ich gehe nicht davon aus, dass ich das Internet wesentlich beeinflussen könnte.

Bastian Sick hat sich aus dem Internet heraus ungeheuren Erfolg erschrieben und füllt jetzt Arenen. Wie stehen Sie dazu?

Schneider: Ich finde das wunderbar. Er beweist, dass ein lebhaftes Interesse an sorgfältigem Umgang mit der Sprache besteht. Meine Arbeit beginnt dort, wo Sick aufhört. Er lehrt ja im Wesentlichen, mit Bravour, das korrekte Deutsch. Dass man keine Dummheiten begeht. Ich habe beruflich ausschließlich mit Berufsschreibern zu tun, die mit dem korrekten Deutsch und der Grammatik überhaupt keine Probleme haben, aber davon oft einen fürchterlichen Gebrauch machen.

Was ist als Nächstes ist Ihrem Videoblog zu erwarten? Es erscheint ja nur ein Beitrag monatlich.

Schneider: Von einem kann ich berichten: eine Kritik am herkömmlichen Deutschunterricht. Er lehrt das korrekte Deutsch, das ist ja wunderbar, aber ich finde keinerlei Indizien, bei den Absolventen des Deutschunterrichts unter den Berufsschreibern oder in den offiziellen Kriterien für den Deutschunterricht, die ich studiert habe, dass sich Deutschlehrer für angenehm lesbares, farbiges, feuriges Deutsch einsetzen oder wissen, wie man das zustande bringt. Insofern mache ich also dort weiter, wo nicht nur Bastian Sick aufhört, sondern wo auch die Lehrer aufhören.

Das Gespräch führte Christian Bartels.


Für das Web ediert von Christian Bartels