Media-Theke Spezial:
«Ich habe eigentlich alles schon gesehen»
02.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Thoma: Eine Zielgruppe kann man nicht erfinden, die kann man nur definieren. Ich hab gesehen, dass ABC in den USA in einer ähnlichen Lage wie wir war. Die haben als drittes Network mit der Definition einer jüngeren Zielgruppe die etablierten angegriffen. Die grundsätzliche Idee hatte ich schon, als ich Hörfunkwerbung verkaufte: Wir brauchen die Jüngeren.
Dieses Modell haben wird dann von 14 bis 49 definiert. Das war die große Frage: 49, 59 oder 39? Bei 59 wäre noch zuviel ARD und ZDF drin gewesen, 39 wären einfach zu wenige gewesen. Deshalb wird man heute am 50. Geburtstag unmittelbar Mitglied der Seniorengruppe (lacht). Diese Definition hat sich ungeheuer bewährt. Überall, wo es Demographie gibt, ist sie verbreitet.
Thoma: Man müsste sie heute ausweiten, weil sich seitdem viel getan hat, vielleicht stärker aufsplitten. Man müsste sagen: Das geht bis 65, das ist die spannendste Zielgruppe, die man hier ausschließt, 50 bis 65, die haben das Wesentliche angeschafft und viel verfügbares Einkommen. Außerdem fallen die privaten ja auch raus. Sat.1 ist es schon mit Durchschnittsalter 51. RTL liegt bei 46.
Thoma: Was hat man mich wegen des Schlosshotels angegriffen! Die Öfffentlich-Rechtlichen haben sich geradezu geschüttelt vor Abscheu, und dann haben sie es sechsmal wiederholt.
...und die Figurenwelt bildet das Muster für die Degeto-Filme, von denen die ARD jede Woche einen neuen zeigt.
Und eines Tages folgen Dieter Bohlen und das «Dschungelcamp»?
Thoma: Mit denen wird wahrscheinlich RTL altern. Vielleicht wird «DSDS» dann so etwas wie die «Hitparade der Volksmusik» werden.
Thoma: Microsoft träumte auch davon. Das war die Vorstellung, wenn ein Fußballspiel läuft, kann ich das kurz unterbrechen, schauen, was hat der Spieler für Schuhe, und die bestellen. Während ich bestelle, fällt das Tor. Das macht kein Mensch!Das sind legitime Versuche, nur dürfen sie den Zuschauer nicht überfordern.
Die deutsche Medienpolitik wird von Ministerpräsidenten und Staatskanzleien eher nebenbei gemacht. Im Rückblick: War das eher gut, weil vieles so wachsen konnte, oder eher schlecht?
Thoma: Diese absurde Einrichtung ist als Kompromiss entstanden, damit man die alte Eigentumsregleung wegkriegt, also dass einer nur bei einem Sender 100 Prozent halten darf und beim zweiten unter 50 Prozent bleiben muss. Dabei war das viel vernünftiger, dann wären viele Entwicklungen nicht so eingetreten...
Thoma: Naja sicherlich. Der Kirch hat Fernsehen nie richtig verstanden, er hat es immer als Transportmedium für seine Serien und Spielfilme zum Kunden gesehen, deshalb war er ja so begeistert vom Pay-TV, hat dafür viel zu viel Geld ausgegeben und ist damit pleite gegangen. Dann hat man seine Sendergruppe zum Schleuderpreis von 525 Mio. Euro an Herrn Saban gegeben und nochmal eine Mrd an Programmrechten draufgelegt. Das heißt, er hat 475 Mio geschenkt bekommen und wenig später alles für über 3 Milliarden an Finanzinvestoren weiterverkauft. Wenn man sich vorstellt, in was sich die Medienpolitik alles einmischt, um sich dann nicht dafür zu interessieren, wer die größte Senderkette beherrscht!
Thoma: Es gibt in Österreich so viele Talente, dass sie sich gegenseitig an ihrer Entfaltung hindern, daher müssen sie in Gegenden gehen, wo das besser verteilt ist... (lacht) Das hängt damit zusammen, dass Österreicher ein gewisses Talent im Entertainmentbereich haben. Ich habe sicherlich eine Welle mit ausgelöst. Das lag aber auch daran, dass wir in Österreich das Fernsehen, auch wenn es dem Staat gehört hat, als GmbH betrieben haben. Das war ein großer Unterschied zu Deutschland.
Und Sie sind als Österreicher in Hürth heimisch geworden?
Thoma: Ich bin letztes Jahr mit der Lufthansa 500.000 Meilen geflogen, da bin ich natürlich nicht jeden Tag hier. Vergangene Woche bin ich achtmal geflogen. Ich habe als Aufsichtsratsvorsitzender bei Freenet viel zu tun gehabt. Jetzt werde ich das zurückschrauben.
Und das läuft jetzt in der Krise?
Thoma: Es gibt sehr wenige, die sich diesen Super-Luxus leisten können, aber die meisten wollen das einmal sehen und davon träumen. So läuft das.
Thoma: Im Herbst schreibe ich höchstwahrscheinlich eine Autobiografie. Ich bin ja praktisch 43 Jahre im Fernsehen. Öfffentlich-Rechtliche, Private, Werbung, ich habe mich in letzter Zeit viel mit dem Internet beschäftigt, digital, Mobilfunk... Ich habe eigentlich alles schon gesehen.
Das wird eine Fernseh-Autobiografie oder geht um ihr gesamtes Leben?
Thoma: Das gesamte Leben, meine Zeit als Molkereilehrling kommt auch vor. Das ist ja auch ganz lustig, von der Kuh bis zum Fernsehen - obwohl ich in einer großen Molkerei tätig war und mit Kühen nie etwas zu tun gehabt hatte.
Das Interview führte Christian Bartels für Netzeitung und «Kölner Stadtanzeiger»

