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netzeitung.de«Ich habe eigentlich alles schon gesehen»

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Seinetwegen ist man ab 50 alt: Helmut Thoma (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Seinetwegen ist man ab 50 alt: Helmut Thoma
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Teil 2 des Interviews mit Helmut Thoma, der am Sonntag 70 Jahre alt wird. Der Österreicher erzählt von die Zielgruppe der «Werberelevanten», die er mehr oder weniger erfand, von der Zeit, als RTL noch Marianne & Michael sendete, und vom TV-Trend zum «Super-Luxus».

Netzeitung: Letztes Jahr warf das NDR-Medienmagazin Zapp die Frage auf, ob Sie wirklich die Zielgruppe der sogenannten Werberelevanten erfunden haben. Kann man sagen, Sie haben ein US-Modell adaptiert und den deutschen Markt nachhaltig daran gewöhnt?

Thoma: Eine Zielgruppe kann man nicht erfinden, die kann man nur definieren. Ich hab gesehen, dass ABC in den USA in einer ähnlichen Lage wie wir war. Die haben als drittes Network mit der Definition einer jüngeren Zielgruppe die etablierten angegriffen. Die grundsätzliche Idee hatte ich schon, als ich Hörfunkwerbung verkaufte: Wir brauchen die Jüngeren.
Dieses Modell haben wird dann von 14 bis 49 definiert. Das war die große Frage: 49, 59 oder 39? Bei 59 wäre noch zuviel ARD und ZDF drin gewesen, 39 wären einfach zu wenige gewesen. Deshalb wird man heute am 50. Geburtstag unmittelbar Mitglied der Seniorengruppe (lacht). Diese Definition hat sich ungeheuer bewährt. Überall, wo es Demographie gibt, ist sie verbreitet.

Geschüttelt vor Abscheu
Und was sich so bewährt hat, sollte bestehen bleiben?
Thoma: Man müsste sie heute ausweiten, weil sich seitdem viel getan hat, vielleicht stärker aufsplitten. Man müsste sagen: Das geht bis 65, das ist die spannendste Zielgruppe, die man hier ausschließt, 50 bis 65, die haben das Wesentliche angeschafft und viel verfügbares Einkommen. Außerdem fallen die privaten ja auch raus. Sat.1 ist es schon mit Durchschnittsalter 51. RTL liegt bei 46.

Das würde zumindest den Öffentlich-Rechtlichen helfen. Es gab auch das Phänomen, dass frühe RTL-Produktionen wie 'Ein Schloss am Wörthersee' und «Tierärztin Christine» später von der ARD gekauft wurden.
Thoma: Was hat man mich wegen des Schlosshotels angegriffen! Die Öfffentlich-Rechtlichen haben sich geradezu geschüttelt vor Abscheu, und dann haben sie es sechsmal wiederholt.

...und die Figurenwelt bildet das Muster für die Degeto-Filme, von denen die ARD jede Woche einen neuen zeigt.

Thoma: ...und die wunderbar funktonieren, dort. Obwohl diese Sendungen gute Ratings hatten, haben sie in unsere Programmphilosophie nicht mehr gepasst. Ich habe bei RTL auch mit Marianne & Michael Sendungen gehabt, Peter Steiners Theaterstadel und ganz am Anfang die Hellwigs, auch «Der Preis ist heiß» - alles zu alt. «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» war das Programm, das die Jungen herbeigezaubert hat.

RTL wird mit Bohlen altern
Gibt es ein Muster, dass im Privatfernsehen gealterte Sendungen irgendwann ins Öfffentlich-Rechtliche abwandern?
Thoma: Das passiert. «Der Bergdoktor» ist jetzt als Neuproduktion beim ZDF. Das «Schlosshotel» könnte man nochmal auflegen, das würde ein Riesenerfolg.

Und eines Tages folgen Dieter Bohlen und das «Dschungelcamp»?
Thoma: Mit denen wird wahrscheinlich RTL altern. Vielleicht wird «DSDS» dann so etwas wie die «Hitparade der Volksmusik» werden.

Ein nicht so bekanntes Zitat von Ihnen lautet: «Wenn das Fernsehen die Atombombe ist, ist das Internet das Zielfernrohr» (brand eins, 1999).
Thoma: In der Werbung kann man Leute, die man gern haben möchte, so zielgruppengerecht ansteuern wie in keinem anderen Medium. Ich kann zum Beispiel nur die Leute bewerben, die fischen, und alle, die noch nie eine Angel in der Hand gehabt haben, weglassen. Internetwerbung ist einer der schnellstwachsenden Bereiche.

Jetzt gibt es eine Webserie, bei der man sich per Mausklick die Kleidung und die Möbel der Serienhelden bestellen konnte. Das ist, wovon die Bertelsmann Broadband Group schon damals träumte. Setzt sich das jetzt durch?
Thoma: Microsoft träumte auch davon. Das war die Vorstellung, wenn ein Fußballspiel läuft, kann ich das kurz unterbrechen, schauen, was hat der Spieler für Schuhe, und die bestellen. Während ich bestelle, fällt das Tor. Das macht kein Mensch!Das sind legitime Versuche, nur dürfen sie den Zuschauer nicht überfordern.

Die deutsche Medienpolitik wird von Ministerpräsidenten und Staatskanzleien eher nebenbei gemacht. Im Rückblick: War das eher gut, weil vieles so wachsen konnte, oder eher schlecht?

Thoma: Die beste Medienpolitik wäre gewesen, keine zu haben, und das mit dem Kartellrecht zu steuern wie andere Bereiche auch. Was es da an Vorschriften und Institutionen gibt! Wenn ich mir diese KEK anschaue! Die kommen immer wieder zusammen und verkünden, dass ein neuer Sender, der höchstwahrscheinlich 0,2 Prozent Reichweite hat, keine unmittelbare Gefahr für die Meinungsfreiheit darstellen wird. Ein reiner Schwachsinn! Heute erreicht keiner 30 Prozent mehr. Heute würde schon ein Zusammenschluss von ARD und ZDF mit ihren 14 und zwölf Prozent Marktanteil unter dem Level der KEK liegen.

Was es mit den «Medien-Österreichern» auf sich hat
Wenn man die Dritten Programme der ARD außer Acht lässt.
Thoma: Diese absurde Einrichtung ist als Kompromiss entstanden, damit man die alte Eigentumsregleung wegkriegt, also dass einer nur bei einem Sender 100 Prozent halten darf und beim zweiten unter 50 Prozent bleiben muss. Dabei war das viel vernünftiger, dann wären viele Entwicklungen nicht so eingetreten...

...die Entwickung bei ProSiebenSat1.
Thoma: Naja sicherlich. Der Kirch hat Fernsehen nie richtig verstanden, er hat es immer als Transportmedium für seine Serien und Spielfilme zum Kunden gesehen, deshalb war er ja so begeistert vom Pay-TV, hat dafür viel zu viel Geld ausgegeben und ist damit pleite gegangen. Dann hat man seine Sendergruppe zum Schleuderpreis von 525 Mio. Euro an Herrn Saban gegeben und nochmal eine Mrd an Programmrechten draufgelegt. Das heißt, er hat 475 Mio geschenkt bekommen und wenig später alles für über 3 Milliarden an Finanzinvestoren weiterverkauft. Wenn man sich vorstellt, in was sich die Medienpolitik alles einmischt, um sich dann nicht dafür zu interessieren, wer die größte Senderkette beherrscht!

Seinen Ärger über die Entscheidung, dem Springer-Konzern den Kauf von ProSiebenSat1 zu untersagen, hat Helmut Thoma schon 2006 in der Netzeitung geäußert. Damals war auch dort ein Österreicher Chef.

Netzeitung: Besonders in Ihrer Zeit als RTL-Chef gab es viele «Medienösterreicher» in Deutschland. Michael Maier, den Gründer der Netzeitung, Michael Hopp, der Chefredakteur u.a. beim österreichischen «Wiener», bei «TV Movie» und «Fix und Foxi» war, Michael Grabner, der nun bei Holtzbrinck wieder dabei ist. Gerhard Zeiler natürlich...
Thoma: Es gibt in Österreich so viele Talente, dass sie sich gegenseitig an ihrer Entfaltung hindern, daher müssen sie in Gegenden gehen, wo das besser verteilt ist... (lacht) Das hängt damit zusammen, dass Österreicher ein gewisses Talent im Entertainmentbereich haben. Ich habe sicherlich eine Welle mit ausgelöst. Das lag aber auch daran, dass wir in Österreich das Fernsehen, auch wenn es dem Staat gehört hat, als GmbH betrieben haben. Das war ein großer Unterschied zu Deutschland.

Und Sie sind als Österreicher in Hürth heimisch geworden?
Thoma: Ich bin letztes Jahr mit der Lufthansa 500.000 Meilen geflogen, da bin ich natürlich nicht jeden Tag hier. Vergangene Woche bin ich achtmal geflogen. Ich habe als Aufsichtsratsvorsitzender bei Freenet viel zu tun gehabt. Jetzt werde ich das zurückschrauben.

Luxus von Wladiwostok bis Caracas
Was werden dann Ihre wichtigsten Aktivitäten sein?
Thoma: Ich hoffe, dass ich ein bisschen als Berater tätig sein kann. Ich bin imVerwaltungsrat bei einem kleinen Schweizer Sender, 3plus.tv, der sich sehr gut entwickelt. Und bei einem internationalen Digitalsender, Luxe-TV. Die Vorstellung von Luxus ist in Wladiwostok dieselbe wie in Caracas, es gibt ganz wenige Inhalte, die so universell sind. Das ist so ähnlich wie «Fashion TV», aber auf Luxusgegenstände bezogen, Champagner oder Autos, und wird in sieben Sprachen weltweit verbreitet.

Und das läuft jetzt in der Krise?
Thoma: Es gibt sehr wenige, die sich diesen Super-Luxus leisten können, aber die meisten wollen das einmal sehen und davon träumen. So läuft das.

Planen Sie, wie Roger Schawinski, auch mal ein Enthüllungsbuch über das Fernsehgeschäft zu schreiben?
Thoma: Im Herbst schreibe ich höchstwahrscheinlich eine Autobiografie. Ich bin ja praktisch 43 Jahre im Fernsehen. Öfffentlich-Rechtliche, Private, Werbung, ich habe mich in letzter Zeit viel mit dem Internet beschäftigt, digital, Mobilfunk... Ich habe eigentlich alles schon gesehen.

Das wird eine Fernseh-Autobiografie oder geht um ihr gesamtes Leben?
Thoma: Das gesamte Leben, meine Zeit als Molkereilehrling kommt auch vor. Das ist ja auch ganz lustig, von der Kuh bis zum Fernsehen - obwohl ich in einer großen Molkerei tätig war und mit Kühen nie etwas zu tun gehabt hatte.


Das Interview führte Christian Bartels für Netzeitung und «Kölner Stadtanzeiger»