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netzeitung.de«Was wird in zehn Jahren aus dem Internet?»

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Helmut Thoma, der erfolgreichste Angler im Privat-TV (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Helmut Thoma, der erfolgreichste Angler im Privat-TV
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

In vierzehn Jahren als RTL-Chef hat Helmut Thoma die aktuelle deutsche Fernsehlandschaft geprägt wie kaum ein anderer. Am Sonntag wird er 70 Jahre alt. Im Interview zeigt er sich von der Zukunft des Fernsehens sehr überzeugt. Von der des Internet weniger...

Netzeitung: Herr Thoma, von den geflügelten Sprüchen, die Sie auch in Ihrem Internetauftritt auflisten, ist der wohl allergeflügeltste: Der Wurm muss dem Fisch schmecken. Hatten Sie nicht zunächst «Köder» gesagt, was ja gegenüber den Zuschauern höflicher wäre?
Thoma: Ich habe beides gesagt. Das ist ja ein Gleichnis, das niemanden als Fisch bezeichnet, der Würmer frisst, sondern ausdrückt: Wenn ich eine Dienstleistung erbringe, muss der, dem sie angeboten wird, daran Gefallen finden. Nicht der, der sie anbietet.

Jetzt schlucken die Menschen auf RTL Kakerlaken.
Thoma: Schlucken nicht. Wobei diese Kakerlaken meinen Informationen nach einzeln gecastet sind und alle Gesundheitszertifikate mitbringen. (lacht)

Eine konsequente Entwicklung, die Sie vorhergesehen haben?
Thoma: Ja klar, beim «Heißen Stuhl» haben wir ja schon Insektenesser in Scharen gehabt. Viele Experten sagen, dass Insekten eines Tages die wichtigsten Proteinlieferanten sein werden. Warum soll man sie nicht essen? Vielleicht besser als gequälte Schweine und Rinder.


Eine Burg bei Kerpen
Helmut Thoma war Chef des RTL-Fernsehens von 1984 bis 1998. Das Interview findet in seinem Haus statt - der denkmalgeschützten, 1714 errichteten Burg Schallmauer in Hürth-Berrenrath. Hürth ist der Vorort von Köln, in dem Shows wie «Wer wird Millionär?» und «stern TV» produziert werden und einst schaulustige Fans vor dem ersten deutschen «Big Brother»-Container campierten. Die kleine Burg wirkt nur auf den ersten Blick etwas unscheinbar. Drinnen enthält sie viele Sammelobjekte, die die Thomas z.B. 2007 der Bild-Zeitung präsentierten. Zur Burg gehört auch ein großer Park, in dem ein Stück der Berliner Mauer steht. Das stellten bereits die Vorbesitzer dort auf. Im Park hört man das Grundrauschen der nahen Autobahn, aber das stört Thoma nicht. Im Gegenteil, Autobahnnähe sah der Vielflieger immer als Standort-Plus. Der nächste Ort westlich ist übrigens Kerpen, die Heimatstädtchen des RTL-Stars Michael Schumacher.


Netzeitung: Wie kamen Sie 1988 mit RTL plus aus Luxemburg nach Deutschland?
Thoma: Sat.1 argumentierte, dass wir Ausländer sind und daher sie alle Kabel-Frequenzen bekommen müssten. Da haben wir gesagt: Setzen wir uns die Pickelhaube auf und kommen rüber nach Deutschland. Richtig gut wurde unsere Verbreitung, als man festgestellt hat, dass es noch eine Reihe an Antennen-Frequenzen gibt. Deshalb haben wir uns in NRW angesiedelt: Weil wir Wesel bekommen haben, einen Riesensender.

...und nach Köln?

Thoma: Der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister hat mir den Hafen gezeigt. Inzwischen ist dort viel passiert, damals war da nicht nichts, und ich habe gefragt: Soll ich da Zelte aufstellen? Wir hatten ja kein Geld. Dann wurde uns der Gebäudekomplex an der Aachener Straße gezeigt. Den hatte eine englische Firma langfristig gemietet und war dann weggegangen, sodass er leer stand. Wir haben es blitzartig umgebaut.

Dachten Sie später mal, dass es am Rhein schon schöner gewesen wäre als am Stadtrand von Köln?
Thoma: Natürlich wäre es schöner gewesen. Ich hätte dort mit dem Boot anlanden können. Aber ich hatte ja kein Geld. Andererseits war ich begeistert vom Kölner Standort, weil man so schnell auf der Autobahn war.

«Internet» wird wie «Morsen» sein
In diesem Jahr gehen die Werbeausgaben zurück. Die RTL-Group rechnet mit einem Rückgang im zweistelligen Prozentbereich. Ist das eine vorübergehende Krise oder das Ende der 25-jährigen Erfolgsgeschichte?
Thoma: Die wird weitergehen. Die Frage ist eher, was passiert auf längere Frist mit den Öffentlich-Rechtlichen? Rückschläge gibt es überall. Und das Fernsehen hat das größte Potenzial. Es ist das preiswerteste Unterhaltungsmedium, ich glaube, dass es noch allgegenwärtiger werden wird.

Jetzt, wenn das Internet alle Geschäftsmodelle in Frage stellt?
Thoma: Die andere große Frage ist: Was wird in zehn, 15 Jahren aus dem Internet? Wird das dann noch ein Begriff sein? Vielleicht bin ich mit dieser Meinung etwas einsam, aber - einmal wird Internet ein Begriff sein wie heute das Morsen. Das war eine Form, Texte und Standbilder auf den Computer zu bekommen. Bald spielt sich alles auf immer größeren Fernsehflächen ab, auf Folien mit ungeheuerer Leuchtkraft, die man im Baumarkt zuschneidet und sich zuhause an die Wand klebt. Vielleicht ersetzt Spracherkennung die Tastatur, und ich sage zum Fernseher die Adresse. Was ist dann Internet?

Jetzt bedeutet Internet vor allem, dass man sich alles, was man möchte sofort auf sein Endgerät holt, Bewegtbild, Audio, Text oder ein soziales Netzwerk mit vielen Freunden.
Thoma: Das kann ich ja am Fernsehschirm machen. Ob das Programm über Satellit, Kabel, die Telefonleitung oder mobil kommt, spielt keine Rolle mehr. Über LTE, das den heutigen GSM-Standard ablösen wird, kriegt man mobil bis zu 100 GB/ sek. Wenn ich auf allen Wegen interakiv digital kommunizieren kann, kann es sein, dass alles Internet heißt, oder, wahrscheinlicher, wieder Fernsehen.

Und die Leute gucken trotzdem täglich um 19.45 Uhr «Gute Zeiten schlechte Zeiten»?
Thoma: Die Menschen wollen das. Sie wollen einschalten und sich anschauen, was gerade kommt. «On demand» wird unbestritten eine Rolle spielen, aber für lange Zeit zehn bis 20 Prozent nicht überschreiten. Das Wichtige wird das lineare Fernsehen bleiben, das dann durch lineare Programme anderer Art ergänzt wird. Am Kiosk gibt es 100e Zeitschriften, die ja nicht nur zu Dekorationszwecken dahingestellt werden. Irgendjemand kauft sie. Daher wird man solche Programme für low-pay abonnieren.

«Sie reiten der Abendsonne entgegen»
Die Zahl der Zeitschriften schrumpft gerade.
Thoma: Da kommt natürlich vieles zurück zum Fernsehen. Die Zeitschriften waren in den letzten 30 Jahren eine Art Überlaufbecken von Werbung, die nicht im Fernsehen untergebracht werden konnte. Schon als die Privatsender kamen, leerte sich dieses Becken. Bewegtbild mit Ton ist nun mal die stärkste Form der Werbung.

Die öffentlich-rechtichen Sender sehen Sie auch in Gefahr?
Thoma: Das duale System löst sich auf. Wir haben zwei ziemlich getrennte Systeme, eines bei den Menschen unter 50 Jahren und eines bei denen über 50. Bei denen unter 50 liegen ARD und ZDF mit ihrem Marktanteil hinter RTL 2, Vox und bald auch Kabel 1. Bei den Unter-40-Jährigen haben beide zusammen nicht mal mehr zehn Prozent. Da sind sie gar nicht mehr vorhanden. Sie reiten sozusagen der sinkenden Abendsonne entgegen. Bald gibt es keine Rechtfertigung mehr für diese Riesenapparate, außer dass die Landespolitik begeistert über dieses Instrument verfügt. Das öfffentlich-rechtliche System wird sicher nicht in Deutschland aufgelöst werden. Aber wenn einmal in Europa ein Großer umfällt - Frankreich, bei Sarkozy kann ich mir das vorstellen... - steht es plötzlich in Frage.

Und Sie würden das nicht bedauern?
Thoma: Sie haben eine wichtige Funktion gehabt in der Zeit der knappen Frequenzen, in der es wahnsinnig teuer war, zu senden. Heute kann ich einen IPTV-Sender billiger herstellen als eine Zeitung. Aber ich hab nichts gegen sie. Als ich noch in der Verantwortung für RTL war, habe ich immer gesagt: «Lasst's uns unsere Öfffentlich-Rechtlichen, so nette Konkurrenten kriegen wir nicht mehr wieder!»

Wenn Sie sehen, womit sich deutsche Intendanten so herumschlagen, von Roland Koch bis Drei-Stufen-Test, bedauern Sie sie, oder ärgert Sie eher der Umgang mit den Gebührenmilliarden?

Thoma: Ich habe mit vielen ein gutes Verhältnis. Wir haben einiges gemeinsam gemacht, zum Beispiel den Deutschen Fernsehpreis. Da hatte ich vorgeschlagen, dass wir uns am Telestar beteiligen, aber es hieß, das ginge nicht, also habe ich nach dem Motto «Aufrüsten zum Abrüsten» den Goldenen Löwen gegründet. So konnten wir die beiden Socken zusammenlegen und haben den Fernsehpreis nach Köln geholt.
Aber ich bedauere die Öfffentlich-Rechtlichen nicht. Von ihnen kommt am wenigsten Innovation, obwohl sie sich das am ehesten leisten könnten. Schauen Sie sich die Beratungssendungen bei RTL an, diesen Schuldenberater und die Nanny. Das wären zutiefst öffentlich-rechtlichen Aufgaben.

Hätten Sie Ideen, ARD und ZDF zu verjüngen?
Thoma: Das müsste man langsam machen, man müsste in Kauf nehmen, auch mal Reichweite zu verlieren, um nicht nur nach der Speckseite für die Alten zu werfen. Allein diese vielen Volksmusiksendungen schaffen schon ein Riesenproblem.

Wie Jauch zum «Universalmoderator» wurde
Gerade schlagen sich alle um dieselben Prominenten, Pocher und Kerner gehen von ARD bzw ZDF zu Sat.1.
Thoma: Ich glaube dass da wieder ein Fehler gemacht wird, den wir anfangs auch gemacht hatten. Man braucht zuerst eine Sendung, auf die ich dann einen tollen Verkäufer, sprich: Moderator draufsetze. Man darf nicht einen Moderator engagieren und denken, eine Sendung wird sich schon finden. Diesen Fehler hatte ich begangen, als ich zum Beispiel den Kuhlenkampff geholt habe, und Thomas Gottschalk. Den hat dann Sat.1 geholt und konnte auch nichts mit ihm anfangen.

Wie sollte man es machen?
Thoma: Günther Jauch hatte bei uns im Lauf einer Entwicklung die richtigen Sendungen bekommen. Bei «stern tv» konnte er am Anfang als Journalist tätig werden. Dann hat sich ergeben, dass er beim «Millionär» seine Unterhaltungs- und in der Champions League die Sportkompetenz nutzen konnte. Damit wurde er zum Universalmoderator.

Heute wird nicht mehr genug entwickelt?
Thoma: Das wäre das Wichtigste. Der Pocher zum Beispiel ist zweifellos ein großes Talent, aber was soll er auf dem ungeheuer schwierigen Sendeplatz Late-Night machen? Er bräuchte eine Sendung, in die er genau passt.

Sat.1 hat immer viel ausprobiert, zum Beispiel deutsche Serien mit amerikanischem Erzählstil. Aber die Quote hat immer RTL gemacht, oft mit Sendungen noch aus Ihrer Zeit.
Thoma: RTL hat vieles aus der alten Zeit behalten, Mittagsmagazin, Nachtjournal, «Explosiv» und «Exclusiv», der «Millionär» kommt auch aus dem Vertrag mit Endemol, den ich noch abgeschlossen hatte. Dazu ist ihnen gelungen Neues zu finden, das gut läuft.

Aber Sat.1...
Thoma: Schawinski war ein enorm wichtiger Radiopionier in der Schweiz, aber was er vom Fernsehen verstand.... Meine Güte, was er bei Sat.1 gemacht hat, war das Gegenprogramm zu «Jugend forscht».


Das Interview führte Christian Bartels für Netzeitung und «Kölner Stadtanzeiger». Teil 2, in dem Thoma u.a. erzählt, wie er die Zielgruppe der sogenannten Werberelevanten durchsetzte und wie die nun verändert werden sollte, erscheint am Samstag.


Für das Web ediert von Christian Bartels