Media-Theke Spezial:
«Was wird in zehn Jahren aus dem Internet?»
01.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Thoma: Ich habe beides gesagt. Das ist ja ein Gleichnis, das niemanden als Fisch bezeichnet, der Würmer frisst, sondern ausdrückt: Wenn ich eine Dienstleistung erbringe, muss der, dem sie angeboten wird, daran Gefallen finden. Nicht der, der sie anbietet.
Jetzt schlucken die Menschen auf RTL Kakerlaken.
Thoma: Schlucken nicht. Wobei diese Kakerlaken meinen Informationen nach einzeln gecastet sind und alle Gesundheitszertifikate mitbringen. (lacht)
Eine konsequente Entwicklung, die Sie vorhergesehen haben?
Thoma: Ja klar, beim «Heißen Stuhl» haben wir ja schon Insektenesser in Scharen gehabt. Viele Experten sagen, dass Insekten eines Tages die wichtigsten Proteinlieferanten sein werden. Warum soll man sie nicht essen? Vielleicht besser als gequälte Schweine und Rinder.
Thoma: Sat.1 argumentierte, dass wir Ausländer sind und daher sie alle Kabel-Frequenzen bekommen müssten. Da haben wir gesagt: Setzen wir uns die Pickelhaube auf und kommen rüber nach Deutschland. Richtig gut wurde unsere Verbreitung, als man festgestellt hat, dass es noch eine Reihe an Antennen-Frequenzen gibt. Deshalb haben wir uns in NRW angesiedelt: Weil wir Wesel bekommen haben, einen Riesensender.
...und nach Köln?
Dachten Sie später mal, dass es am Rhein schon schöner gewesen wäre als am Stadtrand von Köln?
Thoma: Natürlich wäre es schöner gewesen. Ich hätte dort mit dem Boot anlanden können. Aber ich hatte ja kein Geld. Andererseits war ich begeistert vom Kölner Standort, weil man so schnell auf der Autobahn war.
Thoma: Die wird weitergehen. Die Frage ist eher, was passiert auf längere Frist mit den Öffentlich-Rechtlichen? Rückschläge gibt es überall. Und das Fernsehen hat das größte Potenzial. Es ist das preiswerteste Unterhaltungsmedium, ich glaube, dass es noch allgegenwärtiger werden wird.
Jetzt, wenn das Internet alle Geschäftsmodelle in Frage stellt?
Thoma: Die andere große Frage ist: Was wird in zehn, 15 Jahren aus dem Internet? Wird das dann noch ein Begriff sein? Vielleicht bin ich mit dieser Meinung etwas einsam, aber - einmal wird Internet ein Begriff sein wie heute das Morsen. Das war eine Form, Texte und Standbilder auf den Computer zu bekommen. Bald spielt sich alles auf immer größeren Fernsehflächen ab, auf Folien mit ungeheuerer Leuchtkraft, die man im Baumarkt zuschneidet und sich zuhause an die Wand klebt. Vielleicht ersetzt Spracherkennung die Tastatur, und ich sage zum Fernseher die Adresse. Was ist dann Internet?
Jetzt bedeutet Internet vor allem, dass man sich alles, was man möchte sofort auf sein Endgerät holt, Bewegtbild, Audio, Text oder ein soziales Netzwerk mit vielen Freunden.
Thoma: Das kann ich ja am Fernsehschirm machen. Ob das Programm über Satellit, Kabel, die Telefonleitung oder mobil kommt, spielt keine Rolle mehr. Über LTE, das den heutigen GSM-Standard ablösen wird, kriegt man mobil bis zu 100 GB/ sek. Wenn ich auf allen Wegen interakiv digital kommunizieren kann, kann es sein, dass alles Internet heißt, oder, wahrscheinlicher, wieder Fernsehen.
Thoma: Die Menschen wollen das. Sie wollen einschalten und sich anschauen, was gerade kommt. «On demand» wird unbestritten eine Rolle spielen, aber für lange Zeit zehn bis 20 Prozent nicht überschreiten. Das Wichtige wird das lineare Fernsehen bleiben, das dann durch lineare Programme anderer Art ergänzt wird. Am Kiosk gibt es 100e Zeitschriften, die ja nicht nur zu Dekorationszwecken dahingestellt werden. Irgendjemand kauft sie. Daher wird man solche Programme für low-pay abonnieren.
Die öffentlich-rechtichen Sender sehen Sie auch in Gefahr?
Thoma: Das duale System löst sich auf. Wir haben zwei ziemlich getrennte Systeme, eines bei den Menschen unter 50 Jahren und eines bei denen über 50. Bei denen unter 50 liegen ARD und ZDF mit ihrem Marktanteil hinter RTL 2, Vox und bald auch Kabel 1. Bei den Unter-40-Jährigen haben beide zusammen nicht mal mehr zehn Prozent. Da sind sie gar nicht mehr vorhanden. Sie reiten sozusagen der sinkenden Abendsonne entgegen. Bald gibt es keine Rechtfertigung mehr für diese Riesenapparate, außer dass die Landespolitik begeistert über dieses Instrument verfügt. Das öfffentlich-rechtliche System wird sicher nicht in Deutschland aufgelöst werden. Aber wenn einmal in Europa ein Großer umfällt - Frankreich, bei Sarkozy kann ich mir das vorstellen... - steht es plötzlich in Frage.
Thoma: Sie haben eine wichtige Funktion gehabt in der Zeit der knappen Frequenzen, in der es wahnsinnig teuer war, zu senden. Heute kann ich einen IPTV-Sender billiger herstellen als eine Zeitung. Aber ich hab nichts gegen sie. Als ich noch in der Verantwortung für RTL war, habe ich immer gesagt: «Lasst's uns unsere Öfffentlich-Rechtlichen, so nette Konkurrenten kriegen wir nicht mehr wieder!»
Wenn Sie sehen, womit sich deutsche Intendanten so herumschlagen, von Roland Koch bis Drei-Stufen-Test, bedauern Sie sie, oder ärgert Sie eher der Umgang mit den Gebührenmilliarden?
Aber ich bedauere die Öfffentlich-Rechtlichen nicht. Von ihnen kommt am wenigsten Innovation, obwohl sie sich das am ehesten leisten könnten. Schauen Sie sich die Beratungssendungen bei RTL an, diesen Schuldenberater und die Nanny. Das wären zutiefst öffentlich-rechtlichen Aufgaben.
Hätten Sie Ideen, ARD und ZDF zu verjüngen?
Thoma: Das müsste man langsam machen, man müsste in Kauf nehmen, auch mal Reichweite zu verlieren, um nicht nur nach der Speckseite für die Alten zu werfen. Allein diese vielen Volksmusiksendungen schaffen schon ein Riesenproblem.
Thoma: Ich glaube dass da wieder ein Fehler gemacht wird, den wir anfangs auch gemacht hatten. Man braucht zuerst eine Sendung, auf die ich dann einen tollen Verkäufer, sprich: Moderator draufsetze. Man darf nicht einen Moderator engagieren und denken, eine Sendung wird sich schon finden. Diesen Fehler hatte ich begangen, als ich zum Beispiel den Kuhlenkampff geholt habe, und Thomas Gottschalk. Den hat dann Sat.1 geholt und konnte auch nichts mit ihm anfangen.
Wie sollte man es machen?
Thoma: Günther Jauch hatte bei uns im Lauf einer Entwicklung die richtigen Sendungen bekommen. Bei «stern tv» konnte er am Anfang als Journalist tätig werden. Dann hat sich ergeben, dass er beim «Millionär» seine Unterhaltungs- und in der Champions League die Sportkompetenz nutzen konnte. Damit wurde er zum Universalmoderator.
Heute wird nicht mehr genug entwickelt?
Thoma: Das wäre das Wichtigste. Der Pocher zum Beispiel ist zweifellos ein großes Talent, aber was soll er auf dem ungeheuer schwierigen Sendeplatz Late-Night machen? Er bräuchte eine Sendung, in die er genau passt.
Sat.1 hat immer viel ausprobiert, zum Beispiel deutsche Serien mit amerikanischem Erzählstil. Aber die Quote hat immer RTL gemacht, oft mit Sendungen noch aus Ihrer Zeit.
Thoma: RTL hat vieles aus der alten Zeit behalten, Mittagsmagazin, Nachtjournal, «Explosiv» und «Exclusiv», der «Millionär» kommt auch aus dem Vertrag mit Endemol, den ich noch abgeschlossen hatte. Dazu ist ihnen gelungen Neues zu finden, das gut läuft.
Aber Sat.1...
Thoma: Schawinski war ein enorm wichtiger Radiopionier in der Schweiz, aber was er vom Fernsehen verstand.... Meine Güte, was er bei Sat.1 gemacht hat, war das Gegenprogramm zu «Jugend forscht».
Das Interview führte Christian Bartels für Netzeitung und «Kölner Stadtanzeiger». Teil 2, in dem Thoma u.a. erzählt, wie er die Zielgruppe der sogenannten Werberelevanten durchsetzte und wie die nun verändert werden sollte, erscheint am Samstag.
Für das Web ediert von Christian Bartels

