Neue Zeitschrift fürs familiäre Lebensgefühl: 

netzeitung.deKinder, ist die «Nido» schön!

 Herausgeber: netzeitung.de

'Nido'-Cover (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Nido'-Cover
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Hasser von «süßen Bärchen» im Kinderzimmer, hier kommt euer Zentralorgan! Die neue Zeitschrift «Nido» widmet sich ganz dem Lebensgefühl konsumfreudiger Großstadt-Familien. Kerstin Rottmann muss bei soviel Geschmacks-Diktatur tief durchatmen.

Die Zielgruppe ist entdeckt, nun gibt es auch die Zeitschrift dazu: «Nido» heißt die neue Illustrierte aus dem Verlag Gruner & Jahr. Seit dem heutigen Freitag liegt sie am Kiosk. In makellosem Weiß kommt das Titelbild daher, und trotz des kleinen Kindes, das sich an das junge Paar auf dem weißen Bett schmiegt, ist nicht ein Fleck auf dem puristischen Ensemble zu sehen. Unrealistisch? Genau das. Das Thema lautet also Familie, und das bitte mit sowenig Chaos und Alltag wie möglich, suggeriert das Cover der 3,90 Euro teuren Hochglanz-Zeitschrift.
Die Kinderkotze auf dem Sofa
Auch Chefredakteur Timm Klotzek, 36 Jahre alt und selbst mehrfacher Vater, hat alles im Griff, wenn er sein neues Produkt vor Journalisten ebenso freundlich wie professionell als «eltern-» statt «kinderzentriert» und insofern als Neuerung anpreist. Weg vom Ratgeber- und Service-Journalismus wolle man, stattdessen soll «Nido» eher ein «Lebensgefühl» transportieren, so Klotzek, der das für die Zeitschrift «Neon» schon seit einigen Jahren erfolgreich erledigt.

Nun wird das Konzept um eine Altersstufe erweitert, und das hat durchaus pragmatische Gründe. Not herrscht, denn Fragen wie «Wie verträgt mein Sofa Kinderkotze?» seien nun mal keine Themen, die sich in einer klassischen Einrichtungszeitschrift fänden, führt Klotzek aus. Statt 14 Zeitschriften auf einmal durchzublättern soll der «zeitschriftenaffine» Mensch mit dem «höheren Nettoeinkommen» und kleinen Kindern (zwischen 2 und 6 Jahren) die Themen, die ihn betreffen, fortan in der Lifestyle-Gazette aus dem Verlag Gruner & Jahr finden.

Haben Sie schon ihr «Nido»-Poster entdeckt?
Geprägt von unerfülltem Wünschen und Wollen sind sie offenbar, die jungen, zumeist in der Großstadt angesiedelten Pärchen (der Verlag wirbt zielgenau in sechs Städten und Stadtbezirken - und, gibt's bei Ihnen auch Poster?). «Ich will wieder arbeiten», ruft es schon von der Titelseite in Richtung (Haus-)Frau. Daneben wird «guter Sex trotz Kleinkind» versprochen und eine Reportage über eine Weltreise (okay, auch mit Kindern) angekündigt. Sehnsuchtsjournalismus trifft das Prinzip «Haben/kaufen wollen» - eine Combo, die bekanntlich schon in Frauenzeitschriften ausgesprochen gut funktioniert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die dort vorgestellten Hautcremes gegen Falten helfen, ist ähnlich hoch wie die, dass die Tipps für guten Sex auch wirklich greifen. «Nido» (heißt «Nest» auf Spanisch) spielt geschickt mit der Sehnsucht einer kleinen, aber medial gut vernetzten Gruppe von großstädtisch geprägten und konsumorientierten Eltern. Der typische «Nido»-Leser «möchte das Leben wieder haben, das er vorher hatte», sagt Klotzek ganz offen und ungeniert - eben die Zeit, bevor ihn seine lästigen Brut von der Selbstverwirklichung abhielten. Wer Kinder hat, weiß, dass der Satz Selbstbetrug ist - so unbeschwert und unbesorgt wie vorher wird man/frau nie mehr werden. Dennoch verdient mittlerweile eine ganze Industrie daran, den Eltern ihren Verzicht aufs leichte Leben ein wenig stylisher und schmackhafter aufzubereiten.
Heftverbot für «Bärchenfressen»
«Bärchenfressen und Knubbelnasen» etwa, wie sie sich auf Produkten des klassischen Baby- und Kinderbedarf bekanntlich gerne finden, haben in «Nido» laut Chefredakteur Klotzek selbstverständlich Heftverbot. Stattdessen wird der auch vom Leser geteilte «Wille zur Qualität» beim Konsum vermittelt. Optisch kommt «Nido» als typisches Produkt der «Stern»-Familie daher - opulente und aufwändige Fotostrecken, in denen dann ganz unauffällig die Designerprodukte versteckt werden.
Auslandsadoption, jenseits von Jolie & Co
Erst auf Seite 132 taucht etwa der unvermeidliche Kinderwagen «Bugaboo» auf, gepaart mit der guten Idee, die Macher typischer Kinderprodukte mal in ihrem eigenen Wohnambiente abzulichten. Ein bisschen von «Geo» inspiriert wiederum ist die Internationalität, die «Nido» durchweht. Gleich zu Beginn zeigen Kinder aus aller Welt ihre (durchaus oft kargen) Spielsachen, später gibt es eine Geschichte zum Thema Auslandsadoption (Madonna!), in der der schöne Satz zu finden ist: «Adoption ist das Gegenteil von dem, was in der 'Bunten' steht».

Optisch und inhaltlich präsentiert sich «Nido» also durchaus stark, zumal die fünfköpfige Redaktion auch auf interessante Kolumnisten, Autoren und Interviewpartner zurückgreifen kann. Spätestens bei zweiten Durchblättern aber wird einem bei soviel Glanz und Geschmack ein bisschen bang ums Herz. In der Rubrik «Mode & Produkte» tanzen Eltern mit ihren Kindern in der neuen Frühjahrsmode durchs Bild, gelernte Bühnenbildner zeigen die künstlich verknappten Kinderzimmer ihrer Sprößlinge vor, zuvor gab's Tipps zu Au-Pairs und Immobilienkauf - die Welt der Besserverdienenden ist halt von den irgendwie immer gleichen Themen geprägt und sieht, Hand aufs Herz, meist gleich aus.

Nur eines, das wird der aufmerksame Betrachter auf den Hochglanzseiten insgesamt eher vermissen: Kinder. Deren Bilder haben die «Nido»-Macher nämlich bewusst so knapp wie möglich gehalten. Genau - Mama und Papa wollen Zeit nur für sich haben! Ja, ist das denn so schwer zu verstehen?