Interview mit Udo Röbel: 

netzeitung.de«Wir werden ein neues Gladbeck erleben»

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Udo Röbel (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Udo Röbel
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Udo Röbel steht für die Licht- und Schattenseiten des Boulevards. Er hat sowohl Skandale aufgedeckt - als auch verantwortet. Im Gespräch mit Annika Giese , Hanna Klimpe und Jan Kluczniok erzählt der ehemalige Bild-Chefredakteur, warum beides aus demselben Antrieb passierte.

Herr Röbel, am Vormittag des 18. August 1988 lotsten Sie, damals stellvertretender Chefredakteur beim Kölner Express, die Gladbecker Geiselnehmer Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner aus der Kölner Innenstadt. Und standen wenig später als Symbolfigur des aggressiven Sensationsjournalismus am Pranger. Wie sehen Sie den Fall heute?

Udo Röbel: Gladbeck war der Super-GAU fast aller deutschen Medien und damit selbstverständlich auch meiner. Darüber, dass mein persönliches journalistisches Versagen mir dann die Rolle des Prügelknaben eingebracht hat, kann und will ich mich nicht beschweren. Aber gerade weil ich mich zu meinen Fehlern bekenne, nehme ich mir auch das Recht heraus, doch meine Rolle auch etwas differenzierter zu sehen: Denn es waren nicht nur Sensationsgier, die mich damals so handeln ließen, sondern auch Mitgefühl und plötzliche Verantwortung.

Mitgefühl und Verantwortung? Sie haben doch selbst einmal gesagt, ein Journalist brauche «die Kälte eines Chirurgen», um an die ganz großen Geschichten heranzukommen.

Röbel: Noch einmal: Ich will meine Rolle nicht schönreden, aber schlichte Verteufelung bringt einfach nichts. Sie macht den Kontext unsichtbar, sie bringt die Vorgeschichte und die Ereignisketten zum Verschwinden, die ein Verhalten erklären, es nicht rechtfertigen, aber es vielleicht begreifbarer machen.

Erwarten Sie unser Mitleid?

Röbel: Um Himmels willen, nein! Darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum, wie schnell man verurteilt und auf welcher Basis dann eine Verurteilung zustande kommt.

Dann eine ganz einfache Frage. Warum haben Sie sich überhaupt zu Rösner und Degowski ins Fluchtauto gesetzt?

Röbel: Als ich an den Tatort kam, der übrigens keine 50 Meter von meiner Redaktion entfernt lag, habe ich zunächst weder nachgedacht noch innegehalten. Ich stellte meine Fragen an die Gangster. Doch irgendwann waren die erschöpft, und während immer mehr neue Journalisten kamen und aufs Neue dieselben, oft sinnentleerten Fragen stellten, ließen mich die Gesichter der Geiseln nicht mehr los, die unglaubliche Anspannung, ihre Todesangst. Und irgendwann habe ich dann Rösner gefragt: «Würdet ihr die beiden Mädchen laufen lassen, wenn ihr eine Austauschgeisel hättet?» Rösner, der am Steuer des Geiselwagens saß, bejahte.

Ich gab diese Information an die Polizei weiter – und bekam die Rückmeldung, dass wir eine Antwort auf diesen Vorschlag bekämen. Doch diese Antwort kam nie. Stattdessen eskalierte die Situation. Neben den Reportern drängten sich auch immer mehr Schaulustige um das Fluchtauto. Ich selbst war in diesem Moment schon längst nicht mehr journalistischer Beobachter, sondern mitten drin im Geschehen.

Wann genau wurde der Beobachter Röbel zum Akteur?

Röbel: Rösner richtete seine Waffe in die Menschenmenge. Als die Leute zurückwichen, sah er, dass die Polizei die Poller in der Fußgängerzone hochgefahren und so den Fluchtweg versperrt hatte. Rösner schrie mich an, den Weg wieder frei zu machen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ich als Akteur Teil des Geschehens. Als die Poller runtergefahren waren, fragte Rösner mich: «Kannst du uns zur Autobahn bringen? Der Degowski dreht gleich durch. Ich kann für nichts mehr garantieren.» Und ich stand plötzlich vor der Frage: Was passiert, wenn ich Nein sage? Ich weiß es bis heute nicht.

Aber Rudolf Esders, der Vorsitzende Richter im Prozess gegen die Geiselgangster, hat erst vor Kurzem in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger dazu gesagt: «Röbels Verhalten hat in dieser Situation deeskalierend gewirkt.»

Als Sie am selben Abend in der Redaktion waren – und damit wieder in der Beobachterposition –, beschrieben Sie die letzten Momente von Silke Bischoff. Der Kölner Express druckte daneben die Bilder der Geiseln auf der Titelseite.

Röbel: Alle Medien haben diese Fotos gedruckt. Das Fernsehen hat sie live gesendet. Bilder, die eine ganze Nation tagelang in Atem hielten. Das Böse live, echt und in Farbe. Bilder, die uns offensichtlich immer noch faszinieren. Warum wohl haben sich alle Medien 20 Jahre danach wieder auf Gladbeck gestürzt und die Bilder alle noch einmal gezeigt?

Und würden wir uns jetzt im Ernst so ausführlich über Gladbeck unterhalten, wenn auch Sie nicht diese Bilder im Kopf hätten? Im Übrigen habe ich meinen Text hinterher nie wieder gelesen. Das ist das, was ich mir persönlich am meisten vorwerfe: dass ich auch noch versucht habe, die letzten Minuten von Silke Bischoff voyeuristisch auszuschlachten.

Für Ihre Rolle im Gladbecker Geiseldrama wurden Sie dann auch medial abgestraft. Wie war das, mit einem Mal selbst zum Objekt der öffentlichen Empörung zu werden?

Röbel: Furchtbar. Erst war ich der Big Shot, der größte Reporter von allen. Sogar aus Amerika wurde ich angerufen und um Interviews gebeten. Ich war in einem Rausch, hatte die Story meines Lebens veröffentlicht. Doch dann wurde ich von einem Tag auf den anderen zum Buhmann, zum großen Gefühlskalten – genau so, wie Sie es mir eben vorgehalten haben.

Könnte sich ein journalistisches Totalversagen wie Gladbeck wiederholen?

Röbel: Wir werden ein neues Gladbeck erleben, und zwar im Internet. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Im Jahre 1997, als Prinzessin Diana in der Unterführung der Pont de l'Alma in Paris tödlich verunglückte, hatten wir die letzte große ethisch-moralische Diskussion über die Arbeit der Paparazzi. Wenn wir damals schon die Möglichkeiten des Internets von heute gehabt hätten, wären in dem Tunnel nicht nur professionelle Fotografen gewesen, sondern auch Passanten, die eine Handy-Kamera dabeigehabt hätten. Und diese Laien-Paparazzi hätten sich niemals an die bis heute gültige Absprache der professionellen Medien gehalten, die Fotos nicht zu veröffentlichen. Diese Fotos wären sofort ins Netz gestellt worden.

Angenommen, es wären Fotos der toten Diana im Internet veröffentlicht worden. Hätte dieser Skandal nicht auch eine öffentliche Diskussion provozieren können, aus der man dann gelernt hätte?

Röbel: Sicher hätte es eine Diskussion gegeben – und einen weltweiten Aufschrei. Aber mit welchem Ergebnis? Noch mehr Millionen User hätten sich die Fotos angeschaut. Notfalls auf einem Server in Kasachstan.

Das hieße, dass es immer schwieriger wird, ethisch-moralische Standards im Mediengeschäft durchzusetzen.

Röbel: So sehe ich das. Nehmen Sie nur das Beispiel von Britney Spears – eine Frau, die sich plötzlich in ihrer tiefsten Lebenskrise befindet: Trennung vom Ehemann, Sorgerechtsstreit, Karriereknick. Sie torkelt tagelang unter Drogeneinfluss durch Hollywood und wird 24 Stunden von Paparazzi verfolgt. Der Höhepunkt ist erreicht, als man sie dabei filmt und fotografiert, wie sie sich, nicht mehr Herr ihrer Sinne, in einem Friseursalon eine Glatze schneidet.

Für mich ist da kein großer Unterschied zu Gladbeck: Auch hier wurde gnadenlos die intimste Situation eines Menschen ausgeleuchtet. Und dies, obwohl man weiß, dass die arme Frau total zugedröhnt ist und gar nicht begreift, was sie da tut. Und: Wurde darüber je ethisch-moralisch diskutiert? Oder fällt das unter «So ist das eben in Hollywood»?

Und woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Röbel: Die gesamte Medienlandschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren boulevardisiert, und das Publikum hat sich daran gewöhnt, mit immer härteren Sensationen gefüttert zu werden. Der klassische Boulevard hatte drei Leitsätze: Emotionalisieren, politisieren, skandalisieren – und die sind heute längst auch allgemeiner Standard. Auch hier ein Beispiel: Die Bild brachte eine große Schlagzeile, weil der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske während des Streiks bei der Lufthansa mit eben dieser Gesellschaft für lau in der ersten Klasse in den Urlaub flog.

Da finden Sie alle drei klassischen Komponenten. Der Streik wird emotionalisiert: Während seine Leute um fünf Uhr morgens die Streikposten besetzen, fährt der Boss in Urlaub. Da kommt dem Leser die Galle hoch. Der Flug wird skandalisiert, obwohl der Mann eigentlich nichts Unrechtes getan hat. Bsirske ist Aufsichtsrat bei der Lufthansa und kann Freiflüge für sich in Anspruch nehmen wie alle anderen Aufsichtsräte auch. Drittens wird natürlich auch politisiert, weil die Berichterstattung Bsirske in seiner Legitimation als Gewerkschaftsboss infrage stellt.

Für ein Boulevardmedium wie Bild ist das vollkommen legitim. Das eigentlich Interessante an dem Fall ist aber, dass sich die anderen Medien der Deutung, hier sei etwas ganz Empörendes geschehen, unisono anschließen. Die Skandalschwelle ist heute sehr niedrig; Freiflüge für Politiker oder Gewerkschafter waren vor dreißig Jahren noch kein Thema. Heute verschärft der wirtschaftliche Druck und die enorme Geschwindigkeit der Nachrichtenverbreitung im Internet den Kampf um exklusive Enthüllungen – und provoziert eine fortwährende Nachfrage nach der Sensation.

Das ist ein interessanter Vorwurf aus dem Munde eines einstigen Boulevardmannes.

Röbel: Das ist eine Beobachtung, die jeder machen kann. Warum berichtet denn etwa die Süddeutsche Zeitung mittlerweile über Britney Spears? Warum ist die Hochzeit irgendeiner Prinzessin – früher undenkbar – ein Thema für die Tagesschau? Warum sind die entsetzlichen Bilder von Gladbeck denn nach wie vor überall zu sehen? Man hofft, dass es einen Markt für sie gibt. Und den gibt es auch – und deswegen werden sie veröffentlicht.

Sie selbst haben skandalisiert, emotionalisiert und politisiert. Als Chefredakteur der Bildzeitung sorgten Sie im Jahr 2000 mit der Schlagzeile «Neonazis ertränken Kind» deutschlandweit für Empörung. Angeblich hatten die Einwohner der Kleinstadt Sebnitz zugeschaut, wie in einem Freibad der sechsjährige Joseph Kantelberg-Abdullah von drei Rechtsextremen umgebracht wurde.

Röbel: Sebnitz – das ist eine ganz bittere Geschichte. Aber eine, die ich mir im Gegensatz zu Gladbeck nicht vorwerfen kann.

Die Sie sich nicht vorwerfen?

Röbel: Nein – ich würde die Geschichte bei gleicher Faktenlage heute genauso veröffentlichen wie damals. Und diese Fakten waren: Die ersten Ermittlungen hatten ergeben, dass es ein Badeunfall war. Ein Gutachten des renommierten Kriminologen und ehemaligen Justizministers von Niedersachsen, Christian Pfeiffer, kommt zu dem Schluss: Fremdverschulden. Daraufhin rollt die Generalstaatsanwaltschaft Dresden den Fall neu auf.

Ergebnis dieser neuen Ermittlungen: Der Staatsanwalt beantragt Haftbefehl wegen Mordverdachts gegen drei junge Leute aus dem Ort. Gestützt auch auf eidesstattliche Erklärungen einiger Zeugen. All das wussten wir wie andere Medien auch. Monatelang. Trotzdem haben wir nicht veröffentlicht. Erst als ein Ermittlungsrichter die Haftbefehle bestätigt und die mutmaßlichen Täter in Untersuchungshaft kommen, habe ich entschieden: Jetzt können wir die Geschichte machen.

Nachdem die Bildzeitung die Geschichte veröffentlicht hatte, schloss sich eine große Zahl von Zeitungen den Verdächtigungen kritiklos an – bis sich dann die Vorwürfe als falsch herausstellten. Warum wurde der Fall Sebnitz medial so aufgebauscht?

Röbel: Aufgebauscht – da schwingt der Vorwurf mit, leichtfertig gehandelt zu haben, und den lasse ich nicht auf mir sitzen. Die Medienschelte haben in dem Fall weder die Bild noch ich in meiner damaligen Funktion als Chefredakteur verdient. Noch einmal: Die Faktenlage war in unseren Augen eindeutig, und wir sind wie alle anderen Medien davon ausgegangen, dass die Geschichte stimmt.

Obwohl sich zahlreiche Medien dem Tenor der Bildzeitung anschlossen, wurde das Blatt hinterher mit besonderer Schärfe kritisiert. Die Suche nach Schuldigen, auf die man sich konzentrieren kann, scheint überhaupt typisch für die Mechanik des Skandals.

Röbel: Sie ist typisch menschlich. Und wenn alle einen Bock geschossen haben, sucht man den heraus, der zuerst abgedrückt hat.

Prügelknabe im Fall des Gladbecker Geiseldramas, Medienschelte für Sebnitz. Haben Sie sich manchmal gewünscht, Sie hätten einen anderen Beruf ergriffen?

Röbel: Nein. Meine Grundmotivation als Journalist war immer die des simplen Reporters. Jeden Tag eine neue Geschichte zu machen, neue interessante Leute kennenzulernen, darin lag für mich die Faszination. Raus in ein Leben zu gehen, das jeden Tag voller Überraschungen ist.

Ein anstrengendes Leben. Nach eigenen Angaben haben Sie zwei Jahre gebraucht, um alles zu verarbeiten, was Sie in 30 Jahren Boulevardjournalismus erlebt haben.

Röbel: Wenn Sie fast 30 Jahre ununterbrochen sechs Tage in der Woche zwölf Stunden gearbeitet haben, ist allein die körperliche Belastung enorm. Hinzu kommt der seelische Stress, all die Geschichten, all die Schicksale. Und plötzlich ist Schluss. Da fühlt man sich schon so ein bisschen wie ein Junkie auf Entzug, und so ein Entzug braucht seine Zeit.

Hat die Medienmaschinerie Sie letztlich zermürbt?

Röbel: Nein. Mit einer solchen Opferrolle kann ich Ihnen nicht dienen. 30 Jahre Boulevardjournalismus waren harte Arbeit. Aber die 30 Jahre haben auch Spaß gemacht, sonst hätte ich niemals so lange durchgehalten. Und bei allen Absurditäten, die eine solche Tätigkeit manchmal gebiert, darf man nicht vergessen, dass sie auch andere Komponenten hat: Man kann etwas bewegen, kann aufklären, für andere etwas erreichen.

Für diese Aufklärungsarbeit wurden Sie 1984 mit dem renommierten Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet. Ihre Recherchen führten dazu, dass der Vier-Sterne-General Günter Kießling rehabilitiert wurde, den man wegen seiner angeblichen Homosexualität entlassen hatte.

Röbel: Der ranghöchste deutsche General soll schwul sein – das wäre eine Big Story gewesen. Wir wollten wissen: Wo und mit wem hat er was? Wochenlang bin ich auf Recherche in sämtliche Schwulenclubs und -bars in Düsseldorf und Köln gegangen.

Ihre Big Story entwickelte sich dann aber ganz anders als erwartet.

Röbel: So ist es. Der General in Frauenkleidern, das war die große Story, von der ich eigentlich geträumt habe. Ganz ehrlich gesagt: Ich wollte Schmutz aufwühlen – nur klappte das nicht, weil niemand Kießling auf dem Foto erkannte. Irgendwann habe ich seinen Anwalt angerufen und gefragt, wo sich Kießling denn angeblich ausgelebt haben soll. Der Anwalt nannte mir zwei Etablissements. In einem erkannte man den Mann auf meinem Foto: «Das ist doch der Jürgen von der Bundeswehr – da sitzt er.» Es war Kießlings Doppelgänger, ein Mann, der ihm sehr ähnlich sah.

Die seriöse Presse – etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung – vertrat bis zum Schluss die Linie des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner, der Kießlings Entlassung veranlasst hatte.

Röbel: Und berief sich dabei auf halbseidene Zeugen, darunter einen ehemaligen Mönch, der mit einer Schwulenbar nach der anderen pleitegegangen war. Wenn keiner wie ich im Schmutz gewühlt hätte, wäre Kießling heute als schwuler General abserviert. Keinen Menschen würde das noch kümmern.

Ein schwuler General könnte heute wahrscheinlich kein Aufsehen mehr erregen.

Röbel: Die Wahrnehmung hat sich geändert: Was früher als Skandal galt, wird heute öffentlich akzeptiert. 1984 war ein schwuler General noch ein Sicherheitsrisiko, weil er als erpressbar galt. Heute bekennen sich der Bürgermeister von Berlin und der Parteivorsitzende der FDP zu ihrer Homosexualität. Die Parameter des Skandals verschieben sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Und wenn wir alles schon gehabt, alles schon gesehen haben, dann müssen eben degenerierte Adelige her, die im Fernsehen eine Frau suchen, um uns zu unterhalten.

Bedienen solche Formate ein tatsächliches Interesse der Zuschauer? Oder verhält es sich eher so, dass die Boulevardmedien den Massengeschmack prägen und sich eben auch ihr Publikum heranziehen?

Röbel: Ich würde sagen: Medien reagieren, sie bedienen vor allem, was gewünscht wird. Und das gilt sowohl für fiktionale als auch für journalistische Angebote. Wenn die Welt nach klösterlicher Erbauung, Keuschheit oder Monogamie schreit, werden Journalisten nicht zögern, diesen Trend zu verstärken. Die Kunst liegt darin, solche Trends zu erkennen. Wenn ich als Chefredakteur jeden Morgen vor Hunderten Nachrichten sitze – von der 38. Neufassung des Abwassergesetzes bis zur Meldung, dass Paris Hilton in der Disco ihren BH verloren hat – dann werde ich in Kenntnis meiner Käuferschaft entsprechend auswählen. Gute Medienmacher wissen, was ihr Publikum interessiert. Wer es nicht weiß, bleibt nicht lange Chefredakteur. So einfach ist das.

Ihre Person steht für eine Liberalisierung der Bildzeitung – heute ist Deutschlands beliebteste Boulevardzeitung wieder weitgehend zu ihrem alten Skandalgeschrei und dem Ritual der alltäglichen Empörung zurückgekehrt. Wenn wir für einen Moment spekulieren: Kann es in einer Zeit, in der jede Affäre und jedes Affärchen zur Schlagzeile wird, überhaupt noch wirkliche, noch echte Skandale geben? Oder endet die Übersättigung irgendwann in einer Art Skandalverdrossenheit?

Röbel: Das glaube ich nicht, denn die Lust am Skandal ist so alt wie die Menschheit selbst. Nicht umsonst findet die Themenpalette der Boulevardmedien so viel Anklang. Skandale basieren auf archetypischen Mustern, die letztendlich bei der klassischen griechischen Tragödie beginnen: Liebe, Eifersucht, Betrug; ein Held, der stürzt und fällt. Dafür wird sich – in immer neuen Formen und Variationen – stets ein Publikum finden.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Buch: Jens Bergmann/Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Gespräche mit Sascha Anderson, Ulrich Beck, Erich Böhme, Michel Friedman, Natascha Kampusch, Gabriele Pauli, Matthias Prinz, Günter Wallraff u.v.a. Köln: Herbert von Halem Verlag; rund 320 Seiten; 18 Euro; ISBN: 978-3-938258-47-0.