09.02.2009
Herausgeber: netzeitung.de
'In den Medien' arbeiten geht heutzutage auch zuhause
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Früher haben sich in der S-Bahn alle hinter Zeitungen verschanzt. Heute kommuniziert man per Handy mit den Menschen, die man mag, beobachtet Cicero.de-Ressortleiter Görlach. Gut so, sagt er. Einzig eines fehlt ihm: Die Durchschlagkraft der Medien.
Der Espresso schmeckt mir heute besonders gut. Zum dazugehörenden Frühstück gibt es das heute-journal. Claus Kleber moderiert gewohnt lässig und führt durch die Krisen der Gegenwart. Vor drei Jahren hätte ich die Sendung nicht angeschaut. 21:45 Uhr war einfach nicht meine Zeit. Seit es kein Fernsehprogramm mehr gibt, läuft es besser zwischen mir und den Öffentlich-Rechtlichen. Die Mediathek des Senders ermöglicht es mir, online alle Sendungen anzusehen, wann immer es mir passt. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal bei jemandem zu hause war, der noch ein Fernsehgerät hat. Krass.
Frisch aus dem Bad finde ich die aktuellen News auf meinem Handy downgeloaded. Ich habe Politik, Kultur und Städtenews Berlin abonniert. Auf dem Weg zur Arbeit werde ich alles lesen, flüchtig zwar, denn das meiste sind nur gut gemachte Überschriften, aber immerhin. Die meisten Jüngeren lesen gar nichts mehr, noch nicht mal mehr Überschriften. Für was Lesen in der Schule überhaupt noch unterrichtet wird? Aber dafür ist der neue Abo-Service fürs Handy billiger als die Zeitung früher. Und ich bekomme nur das, was mich interessiert.
Friedhofsnachrichten in MünchenWas soll ich mit den Friedhofsnachrichten in München, habe ich mir gedacht, als ich noch die Süddeutsche Zeitung abonniert hatte. Heute lese ich alles online, es gibt einzelne gute Seiten und Portale, die mir gut recherchierte Geschichten liefern. Die alten Qualitätsblätter haben ihre guten Leute schon vor Jahren entlassen. Deshalb gibt es dort nichts mehr aufregendes, eigenes mehr zu lesen.
In der U-Bahn amüsieren sich alle mit ihren Handygeräten: Es werden Videos geschaut, Mails geschrieben, gechattet, Fotos geposted und Nachrichten gelesen. Früher haben sich alle hinter ihren Zeitungen verschanzt. Die Fahrt war trist. Heute kommuniziert man in der Bahn mit den Menschen, die man mag. Ich steige am Bahnhof Friedrichstraße um. Hier gab es mal, wie überall, so einen großen Presseladen mit Zeitungen und Büchern. Wann hat der eigentlich zugemacht? frage ich mich im Vorbeigehen.
Das Verschwinden der ZeitungslädenMan muss schon bis ins Jahr 2008 zurückgehen, um das Verschwinden der Zeitungsläden zu erklären. Die Finanzkrise hatte die Medienhäuser erreicht. Vorsorglich wurden die Portfolios bereinigt, Titel gestrichen und hunderte Journalisten auf die Straße gesetzt. Selbst Traditionshäuser wie Gruner + Jahr oder die WAZ-Gruppe scheuten nicht vor dem Kahlschlag zurück. Die Folge war ein absoluter Qualitätsverlust im Printjournalismus. Damit schickten die Verlage aber auch gleich ihre Onlineangebote in den Keller, denn die besten Texte auf ihren Seiten wurden von den Kollegen im Print geschrieben.
OK, mit Politik und News konnte und kann man im Netz kein Geld verdienen. Das liegt an der Mechanik des Netz selbst: Es hat sich immer schon als basisdemokratisch verstanden. Informationsfluss gab und gibt es gratis, Ehrensache. Diejenigen, die es versucht haben, mit ihren Onlineseiten Geld zu verdienen, wurden abgestraft: Keine User mehr. Die Folge: Bedeutungs- und Geltungsverlust. Umso wichtiger ist es geworden, auf seine Marken einzuzahlen, ihre Qualität und Alleinstellungsmerkmale zu steigern. Wer noch auf Klicks schielt, der verliert.
Selbst schuldIch denke darüber nach, ob es heute eigentlich noch Leitmedien gibt. Gilt noch die Regel, wie einst in der Bonner Republik, dass es genügt, die sieben entscheidenden Journalisten des Landes zu kennen und zu informieren, um die Deutung über einen Diskurs zu erlangen? Nein. Auch hier sind die Verlagshäuser selbst schuld: Denn mit der Verlagerung auf Newsportale, die dem Marktführer Spiegel Online nacheiferten und deshalb überall gleich aussahen, wurden bei gleichzeitiger Entlassung von guten journalistischen Köpfen das Deutungs- und Kommentierungspotenzial aus den Redaktionen ausgelagert und den freischaffenden Künsten zugeschlagen.
2008 war das Jahr, in dem in Deutschland zum ersten Mal mehr Menschen online waren, als fern geschaut haben. Einer Studie von Mediascope Europe zufolge lag die Zahl bei 6 Tagen online und 5,9 Tagen fernsehen. Was in Nachkommastellen wie eine Petitesse aussah, markierte allerdings endgültig eine Trendwende: In den Jahren zuvor wurde immer mehr ferngesehen, in den Jahren danach immer mehr online gegangen. Nicht umsonst hat 2008 ZDF-Intendant Markus Schächter in einem Interview gesagt, in ein paar Jahren werde es nur noch einen Bildschirm in den Wohnungen geben, und zwar den des Rechners. Fernsehen werde in der klassischen Form verschwinden. Recht behalten hat er.
Ein übles Jahr2008 war auch ein übles Jahr für die Selbstwahrnehmung der Verleger: Ihr Diktum, dass ihre Leserinnen und Leser sich das Gefühl, eine Zeitung in der Hand zu haben, sie zu riechen und die Druckerschwärze am Daumen zu haben, für immer bewahren wollten, hatte sich als frommer Wunsch entlarvt, der sich nicht mehr erfüllen sollte. Erstmals stieg in 2008 der Wochenend-Konsum im Internet an. Immer mehr Menschen lasen lange Texte auch online. Vor allem die älteren, die auf Grund ihrer grauen Haarfarbe als silver surfer bezeichneten, Mediennutzer bescherten dem Netz Zulauf und beschleunigten so den Verfall der klassischen Medien. Dabei wurde 2008 erstmals verstärkt nicht mehr nur schnelle Information online abgefragt, sondern auch immer mehr Unterhaltungsangebote, die Domäne der klassischen Fernsehsender.
2008 war das Jahr der Redaktionszusammenlegungen. Redaktionspools bedienten verschiedene Publikationen aus einem Haus. Tolles Rezept. Ein und der selbe Text für drei oder vier Redaktionen, vielleicht noch mal schnell der Einstieg geändert. Bravo. Das wurde als die Zukunft der Rendite in den Medienhäusern gefeiert. Und war natürlich der Todesstoß: In Zeiten der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, wo jeder das, was er sucht, minutiös aufgedröselt in Online-Publikationen findet, wurde die Vereinheitlichung im Inhalt bei gleichzeitiger Vielfalt der Cover von den Kunden nur mit einem Kopfschütteln quittiert.
Der Duft von PapierIch bin zu Recherchen in der Staatsbibliothek gegangen und finde grade noch einen freien Platz am Rechner. Zugegeben, der Duft von altem Papier und der Staub auf den Buchseiten fehlen mir schon ein bisschen. Das ist die Nostalgie des 1976 Geborenen. Auf der Haben-Seite stehen aber: Alle Bücher und Journale der Welt sind von google registriert und zugänglich gemacht. Die Staatsbibliothek hat nachgezogen und ihre Werke digital aufbereitet. Ich schaue, ob sich etwas zum Media Shift, dem Weg von klassischen zu digitalen Medien findet. Es gibt einen Artikel aus einem Magazin vom Januar 2009. Dort werden drei Folgen, die sich aus dem Verhalten in den Medienhäusern als Reaktion auf die Finanzkrise, ergeben werden skizziert:
«(1)Die Medienlandschaft in Deutschland wird sich der der USA angleichen, (2) der fundierte Meinungsjournalismus wird boomen und (3) die öffentlich-rechtlichen Sender werden eine Renaissance erleben.» Der Autor begründet seine Annahme so: «(1) Die Vielfalt der deutschen Medienlandschaft wird durch den Qualitätsverlust der Regionalpresse und das Wegfallen des investigativen Journalismus aufgehoben: Die Lokalzeitungen verzichten wie die Portale der großen überregionalen Tageszeitungen immer mehr auf eigene, kritische und investigative Geschichten. In diese Lücke stoßen die Blogs und Kolumnen, die meist von den Journalisten betrieben werden, die zuvor bei den großen Medienhäusern gekündigt wurden.
Was bedeutet das Passierte?(2) Daraus ergibt sich eine Zunahme des begründeten Meinungsjournalismus. Hat der Marktführer Spiegel Online dafür gesorgt, dass alle wissen, was passiert, sorgen die neuen, kleinen Blogs und Kolumnen dafür, dass die Menschen wissen, was das Passierte bedeutet. (3) Durch den Bedeutungsverlust der klassischen Leitmedien aufgeschreckt, sucht die Politik ihren zurückgehenden Einfluss auf die öffentliche Meinung zurückzugewinnen. Dazu bedient sie sich vor allem der öffentlich-rechtlichen Anstalten, in deren Leitungsgremium die maßgeblichen politische Akteure vertreten sind.»
Köstlich, wie der Autor das alles am Ende des großen Krisenjahres 2008 schon vorhergesehen hat. Im Jahr sieben nach dem Media Shift, Anno 2015, sehen wir, dass sich das seine Progonsen bewahrheitet haben. Guten Journalismus gibt es Gottseidank immer noch; er ist allerdings zu einem Charity-Projekt geworden. Die Stiftung propublica.org zum Beispiel finanziert Journalisten, die an einer heißen Story dran sind. Aber wo werden die Geschichten veröffentlicht? und wie viele Leute lesen sie noch? Wenn etwas früher besser war, dann die Durchschlagskraft der Medien. Ich hole mir noch einen Espresso. Wenigstens der schmeckt noch so wie in der guten alten Zeit.
Alexander Görlach ist Ressortleiter von Cicero.de. In loser Folge übernimmt die Netzeitung Texte von ihm.