Finanzkrise trifft auch die Presse:
Politik sollte Medien einen Schirm aufspannen
27. Nov 2008 15:09
 |  Gut, wenn es eine ordentliche Auswahl gibt | Foto: dpa |
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Die Regierung öffnet ihre Schatulle: für die gebeutelte Autobranche, die Banken... und was ist mit den Medien? Die sind für das Funktionieren der Demokratie ebenso wichtig.
Matthias Breitinger plädiert auch hier für Finanzhilfen – mit Augenmaß.
Wie wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland? Sehr wichtig, sagt die Bundesregierung und erwägt Staatshilfen für die angeschlagene Branche. Schließlich arbeiten hierzulande mehr als 700.000 Menschen in der Branche, zählt man noch die Zulieferer sowie Chemie- und Maschinenbau-Unternehmen hinzu, hängt laut Branchenverband VDA jede achte Stelle in Deutschland von der Autoindustrie ab.
Wie wichtig sind die Banken für Deutschland? Sehr wichtig, sagt die Bundesregierung und spannt einen Rettungsschirm auf, bietet Staatsgarantien und sogar direkte Finanzspritzen an. Die Maßnahme ist sicherlich richtig: Die gesamte Wirtschaftskreislauf kann nur funktionieren, wenn Kapital im Fluss ist – und dafür sorgen die Banken, die man dafür zu Recht «Schmiermittel der Wirtschaft» nennt.Und wie wichtig sind die Medien für Deutschland? Sie sollten zumindest sehr wichtig sein – nicht nur für Deutschland. In jeder Demokratie brauchen Massenmedien einen großen Raum, um ihre Aufgaben erfüllen zu können: Gern als «Vierte Macht im Staat» bezeichnet, sollen die Medien der Politik auf die Finger schauen und klopfen, kritisierenswerte Zustände aufdecken und ansprechen. Sie sollen der Opposition und außerparlamentarischen Interessengruppen eine öffentliche Plattform bieten, Wissen vermitteln und damit zur Meinungsbildung der Bevölkerung beitragen.
Gesellschaftstragende Rolle
Denn nur der aufgeklärte Bürger, der die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zusammenhänge begreift, kann als mündiges Mitglied der Gesellschaft aktiv daran teilhaben und seine Meinung etwa bei Wahlen kundtun. Das mag als trockene Theorie gelten – doch das ist sie bei weitem nicht. Wie elementar eine freie und breit aufgestellte Presse für eine Demokratie ist, belegen die Beispiele dort, wo sie es nicht gab oder gibt, nämlich in Diktaturen.Wenn also schon die Autoindustrie und die Finanzbranche von der Bundesregierung als so wichtig für unser Land angesehen werden, dann müssen es die Medien erst recht. Dass die Finanzmarktkrise und ihre Folgen auch negativ auf Verlage, Hörfunk und Fernsehen durchschlagen, wird nicht erst erwartet – die Krise ist dort schon angekommen, etwa (glaubt man den Verlagen) mit gewaltigen Einbrüchen im Autoanzeigen-Geschäft.
Noch ist unklar, wie 2009 werden wird. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft erwartet einen Werbe-Rückgang um ein bis zwei Prozent, das sollten die Verlage einigermaßen verkraften können. Medienmanager zeichnen aber ein düstereres Bild: Der Vorstandschef von Gruner+Jahr, Bernd Kundrun, fürchtet einen zweistelligen Rückgang der Werbeerlöse.
Sorge um die Meinungsvielfalt
Sicher: Nicht jeder Titel ist unverzichtbar – wer nur mal in einen Bahnhofs-Zeitschriftenkiosk schaut, weiß um die Qual der Wahl bei Lifestyle-, Mode-, TV- oder Reisezeitschriften. Doch auf der anderen Seite besteht durchaus eine begründete Sorge um die journalistische Qualität im Land. Der Printexperte Horst Röper sieht die Meinungsvielfalt «längst in Gefahr», und er verweist als Negativbeispiel auf die aktuellen Vorgänge bei der Essener WAZ-Gruppe. Dort soll dem Vernehmen nach rund ein Drittel der Belegschaft wegfallen, indem die Zeitungsumfänge reduziert werden und die vier im Verlag erscheinenden Regionalzeitungen enger kooperieren. Geplant ist eine zentrale Mantelredaktion.
Das WAZ-Management argumentiert gern damit, dass zum Beispiel nicht vier Sportredakteure zu einem Schalke-Spiel geschickt werden müssten – da reiche doch einer, und das sei kein Einschnitt bei der Meinungsvielfalt, sondern nur eine bessere Organisation. Röper sieht das anders, denn gerade der unterschiedliche Blickwinkel von Journalisten mache die Vielfalt aus. Was bei der WAZ derzeit geschehe, sei der «größte Konzentrationsfall» in der deutschen Zeitungsgeschichte. Ähnlich muss man auch die Zusammenlegung der G+J-Wirtschaftstitel «Capital», «Impulse», «Börse Online» und «Financial Times Deutschland» in einer zentralen Wirtschaftsredaktion (60 Stellenstreichungen inklusive) bewerten.
 |  Gruner-Chef Kundrun hat seiner Belegschaft derzeit viel zu erklären | Foto: dpa |
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Ob das Kabinett Merkel deshalb nun einen Rettungsschirm für Medien aufspannen sollte? Davon hält Gruner+Jahr-Chef Kundrun zwar nichts, er fordert aber immerhin eine Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Presseprodukte. Und sicherlich wäre – gäbe es eine solche staatliche Hilfe – jeder Einzelfall genau zu prüfen, denn Röper schließt nicht aus, dass auch Verlage, «die das betriebswirtschaftlich gar nicht nötig haben», jetzt den Rotstift ansetzen und Streichungen durchdrücken, weil ihnen die aktuelle Krise einen guten Vorwand liefert – für Maßnahmen, die in guten Zeiten unpopulär sind und öffentlich gegeißelt werden.Doch so wie einige Verlage auch in der Krise gut dastehen und, so der Tenor eines «taz»-Artikels vom Mittwoch, die Gelegenheit lediglich nutzen, um noch höhere Renditen zu erwirtschaften, gibt es auch Unternehmen, die auch ohne Krise betriebswirtschaftlich nicht gerade glänzend aufgestellt sind, aber wichtige Titel herausbringen, deren Wegfall ein Einschnitt in der Presselandschaft wäre. Ist der Politik also eine funktionierende, vielfältige Presse wichtig, sollte sie nicht untätig bleiben.