Vorläufiges Ende einer Serie:
Lund in Sicht
23. Nov 2008 13:51
 |  Angeblich dreht Sofie Grabol schon wieder - als Kommissarin Lund | Foto: AP |
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Die Ermittlungen haben sich über Wochen erstreckt: Am Sonntagabend wird Kommissarin Lund im ZDF endlich den Mord an Nanna Birk Larsen aufklären - was
Stefan Wirner fast ein wenig wehmütig macht.
Für Freunde des gepflegten Fernsehkrimis geht eine Ära zuende. Jeden Sonntag konnten die Zuschauer zuletzt das Wochenende mit knisternder Hochspannung ausklingen lassen. Um 22 Uhr hieß es im ZDF: «Kommissarin Lund – Das Verbrechen». Über zwei Monate rätselten die deutschen Couch-Ermittler und fieberten mit: Wer ermordete die junge Schülerin Nanna Birk Larsen? Wie ist der Politiker Troels Hartmann (gespielt von Lars Mikkelsen) in den Fall verwickelt? Welche Rolle spielt Morton Weber, der Wahlkampfleiter von Hartmann? Allzeit dubios auch Rie Skovgaard, Hartmanns Liebhaberin und engste Vertraute. Und was weiß eigentlich der politische Gegner, der ziemlich korrupt wirkende Oberbürgermeister Poul Bremer?
Folge für Folge ergaben sich neue Fragen und tauchten neue Verdächtige auf. Auch im Umkreis der betroffenen Familie gibt es zwielichtige Gestalten. Leon etwa, den Taxifahrer, der sich derzeit, zwischen Teil neun und zehn, irgendwo im Hafen versteckt hält. Vagn Skaerbaek, der Mitarbeiter der Umzugsfirma von Theis Birk Larsen, des Vaters der Toten, ist ebenfalls undurchschaubar. Und was hat Theis eigentlich in seiner Vergangenheit Schlimmes angestellt?Nach den bisherigen neun Teilen dürfte es nur wenigen Zuschauern gelungen sein, den Überblick über alle Verdachtsmomente, Indizien und Spuren zu behalten. Umso spannender wird der Sonntagabend. Ein letztes Mal gilt es, Lund, gespielt von Sofie Grabol, durch die dunklen Straßen von Kopenhagen zu begleiten. Wie wird sie den Fall lösen? Und wird sie am Ende noch so etwas wie eine Familie, Freunde, ein Privatleben haben?
Viele Verdächtige
Vor allem die letzten Folgen waren von dramatischen Wendungen geprägt. Lunds Kollege, der spröde Jan Meyer, kam bei einem Einsatz in einem Lagerhaus ums Leben. Eine erschütternde Wendung, ausgerechnet jetzt, da er immer besser mit Lund kooperierte. Wurde auch er vom Mörder von Anne Birk Larsen getötet? Wie viele Morde gehen auf das Konto des Täters? Der Serie gelang es immer wieder aufs Neue, andere Tatverläufe zu suggerieren und die Spannung bis zum Schluss zu verschärfen. Das hat allerdings seinen Preis. Denn mit der Zeit neigte man als Zuschauer dazu, den Eltern der Verstorbenen aus ganzem Herzen zuzustimmen, wenn sie sich mal wieder über die Arbeit der Polizei beschwerten. Schließlich wurde in nahezu jeder Folge ein neuer Hauptverdächtiger präsentiert, der dann meist im nächsten Teil entlastet wurde. Gute Polizeiarbeit sieht anders aus. Wie hieß gleich noch mal dieser Lehrer, der anfangs verdächtigt wurde und von Theis und Vagn deswegen grün und blau geschlagen wurde?
Auch der Wahlkampf zwischen Hartmann und Bremer nimmt immer absurdere Züge an. Wann wird endlich der Bürgermeister gewählt, möchte man ausrufen! Kein Politiker hätte im realen Leben derartige Verwicklungen in einen Mordfall überstanden – etwa, dass eine Parteiwohnung über und über mit Blut beschmiert ist und die Tote in einem Wahlkampf-Auto der Partei transportiert wurde. Für Hartmann, das Kopenhagener Stehaufmännchen, kein Problem.
Jeden Sonntag Hochspannung
Das alles aber tut dem Krimi-Genuss keinen Abbruch. «Kommissarin Lund» bietet die perfekte Unterhaltung für den Sonntagabend. Beine hoch – und anderen beim Schuften zusehen, lautet die Devise. Die Serie des Regisseurs Sören Sveistrup schafft es trotz zuweilen überfrachteter Handlungsstränge, den Zuschauer über Wochen hinweg zu unterhalten. Es handelt sich eben nicht um einen «Tatort», der sich mit seinen Kalauern mehr und mehr der österreichischen Ulk-Serie «Kottan ermittelt» annähert: der eine Kommissar ist zu blöd, sich einen Kaffee aus dem Automaten herauszulassen, der andere stolpert ständig über irgendwelche Umzugskartons. Ganz frei von pseudo-originellen Einfällen ist jedoch auch «Kommissarin Lund» nicht. Auch die Kopenhagener Ermittlerin ist permanent von der Suspendierung durch einen nervigen Vorgesetzten bedroht. Wann wird dieses Klischee endlich mal in die Krimi-Mottenkiste verdammt? Der verworrene Fall handelt überdies von Schicksalen, sozialen Umständen und von Trauer. Die meist in der Dunkelheit spielenden Szenen zeigen auch die Verzweiflung der Eltern, persönliche Verwerfungen, Enttäuschungen und Schmerz. Und schon in der nächsten Einstellung ist man hautnah verwickelt in den Kampf ums Rathaus von Kopenhagen und blickt in die Abgründe der Kommunalpolitik: Hintergehen, Vertrauensverlust, Machtmissbrauch. Der pädagogische Zeigefinger wird dabei jedoch nie erhoben – der Zuschauer soll sich entspannen bei Hochspannung.
Krimi-Kult online
Äußerst lobenswert ist auch die Online-Begleitung der Serie durch das ZDF. Hatte man einmal eine Folge verpasst, konnte man diese im Internet ansehen. Dort waren alle Teile freigestellt – außer der letzten Folge selbstverständlich, die nun am Sonntag die Auflösung des Falles bringt - hoffentlich. Wobei das im Forum auf zdf.de sogar bezweifelt wird. Hier sind etliche Amateur-Kommissare unterwegs, die offenbar mehr kriminalistische Erfahrung haben als die Kopenhagener Polizei. Jede Einzelheit wird akribisch ausdiskutiert, Widersprüche werden ans Tageslicht gefördert. Eine Userin namens «Deborah2008» etwa meint: «Ich glaube Rie deckt Hartmann, sie hat die verwüstete blutbefleckte Wohnung entdeckt und sich entschlossen, Troels trotz allem zum Wahlsieg zu helfen. Troels hat den weißen Wagen gefahren, die Wohnung gehört zu seinem Team, und nach der letzten Vorschau ist er auf einem Bild mit Nanna Birk Larsen zu sehen, sehr vertraut, wie ich finde.» «Tachschön» dagegen ist sich sicher: «Vagn ist der Mörder!!!!! Jetzt bleiben noch die Zusammenhänge zu klären.» Ein echter Krimi-Kult ist entstanden – und das bei der alten Tante ZDF. Aber wehe, die Auflösung ist banal und nicht schlüssig! Dann dürfte der Server von zdf.de am Montag ins Wanken geraten.
Lund und ihr Kollege werden am Ende über 1000 Sendeminuten für die Aufklärung des Falls gebraucht haben. Und dann fragt sich, wie das Leben weitergehen soll. Die Kommissarin darf nach Abschluss des Falls endlich ihren Norweger-Pullover wechseln, den sie Fernsehsonntag für Fernsehsonntag getragen hat, und sich wieder um ihren Sohn kümmern – wenn der noch Lust auf seine Workaholic-Mama hat. Aber was tun wir? Keine Bange, auch nach Lund bleiben uns am Sonntagabend die skandinavischen Krimis im ZDF erhalten. Ab 30. November ermittelt wieder Kommissar Beck. Außerdem will das Nachrichtenmagazin Focus Beruhigendes erfahren haben: Derzeit drehe die Lund-Darstellerin schon neue Folgen. Ende 2009 seien die auch im ZDF eingeplant.