Der «Bohlen-Weg» aus der Medienkrise: 

netzeitung.deBohlen liest lieber Bild.de als «Bild»

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Dieter Bohlen (links) bei der Bild-Blattkritik (Foto: NZ-Screenshot/Bild.de<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Dieter Bohlen (links) bei der Bild-Blattkritik
Foto: NZ-Screenshot/Bild.de
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Zum Abschluss der «Bild»-Blattkritik gab's einen Frontalangriff von Dieter Bohlen. Der Musikproduzent vermisste in der Montags-Ausgabe der Zeitung ein Gottschalk-Bashing und verriet, dass er das Blatt ohnehin lieber online liest.

Offenheit wollte die Redaktion der «Bild»-Zeitung beweisen. Einen Monat lang stellte das Blatt daher einen durchaus intimen Vorgang online - die sogenannte «Blattkritik», in der die aktuelle Ausgabe noch einmal selbstkritisch unter die Lupe genommen wird. Gelegentlich erledigen diese Aufgabe auch prominente Gäste, um der Redaktion eine andere Perspektive auf ihrer Arbeit zu ermöglichen. Klar, dass die Gäste bei «Bild» noch ein bisschen prominenter sind als anderswo.

Auftakt der auf Bild.de online gestellten Blattkritik war ein Besuch von Frank Walter Steinmeiner, nun endete die Serie mit Dieter Bohlen. Und der nahm die «Bild» gleich so intensiv unter die Lupe, dass nicht nur die gelegentlichen Schimpfwörter des «Pop-Titanen» zensiert werden mussten, sondern auch Teile seiner Analyse. Die fiel nämlich gar nicht schmeichelhaft für Deutschlands größte Boulevardzeitung aus.
Der Bohlen-Weg aus der Medienkrise
«Kalt und emotionslos» nannte Bohlen etwa die Titelseite der «Bild» vom Montag, die als Aufmacher einen Gehaltsvergleich gewählt hatte. Ihm fehle in «seiner» Bild schon seit einiger Zeit der Boulevard, so Bohlen mehr oder weniger offen. Stattdessen überwögen sogenannte «Nutzwert»-Themen. Prominentestes Beispiel sei die Seite 4 der Zeitung, die seit einiger Zeit Service-Themen statt Klatsch oder Fernsehen böte.

Gerade über dem Fernsehprogramm wolle er nach wie vor etwas über's TV lesen, so Bohlen weiter. Besonders am Herzen lag ihm dabei der Quotenverfall von Thomas Gottschalk. Der habe schließlich «ein Drittel seiner Zuschauer» bei der «Wetten, dass...?»-Sendung vom vergangenen Samstag verloren und war damit erstmals unter die «magische» Grenze von zehn Millionen Zuschauern gefallen.

Keine Lust auf Nutzwert
Dass er selbst mit seiner neuen Show «Das Supertalent» (RTL) Gottschalk wohl einige Zuschauer abgejagt hatte, erwähnte er wohlweislich nicht, wohl aber, dass er von dem generellen Trend der «Bild» hin zu mehr Nutzwert- und Servicethemen rein gar nichts halte. Er wolle morgens am Kiosk unterhalten und emotional berührt werden, und nicht wissen, ob nun irgendein Notar mehr verdiene als noch vor zehn Jahren, so Bohlen. Und verwies dabei auch auf seine Erfahrung als Musikproduzent: Auch in der Musikbranche gebe es sowas wie «Hausfrauentests» (O-Ton-Bohlen), sein Erfolgsprinzip sei es aber immer gewesen, genau solche Tests geflissentlich zu ignorieren.
Bohlen klickt sich durch
Umso lieber widmete sich Bohlen einer anderen Erfolgsgeschichte aus dem Hause «Bild»: dem Online-Auftritt. Mit vielen warmen Worten lobte der 54-Jährige Bild.de («Weltklasse») so sehr, dass es den versammelten Kollegen der Printausgabe vermutlich ganz schlecht geworden sein dürfte. Er selbst habe «mehrere Laptops» zu Hause, und auf einem laufe «immer» Bild.de, so Bohlen. Es sei «super», wie bunt und aktuell die Ausgabe im Netz sei (vor allem verglichen mit der drögen «Nutzwert»-Print-«Bild»), und dass alle «zwei bis drei Stunden» die Geschichten erneuert werden würden.

Den Finger auf einen der wundesten Punkte in der Medienwelt legte er dann, in dem er konstatierte, dass die Online-Ausgabe «ganz schön mutig von Euch ist», denn sie werde auf Dauer «immer größer werden». Stellvertretend für alle im Raum zerbrach sich Bohlen dann den Kopf, «wie könnt Ihr denn die physische Ausgabe der Bild stärken»? Deutschlands Pop-Titan als Ratgeber in der Medienkrise also, und das mit durchaus originellen Ideen.

Bonuspunkte für die «Bild»
So riet Bohlen der Redaktion in seinem öffentlich ausgetragenen Brainstorming mit sich selbst, die «Bild» doch einfach jeden Tag anders einzuparfümieren oder ihr Bonuspunkte beizulegen. Die Leser, die am Ende des Jahres die meisten dieser Bonuspunkte abgeben könnten, sollten dann entsprechend belohnt werden, so der Modern-Talking-Macher.

Letztlich seien solche Überlegungen aber natürlich die Aufgabe einer Marketing-Firma, so Bohlen sinnierend, ehe er zum Abschluss noch zu einem mächtigen Andrea-Ypsilanti-Bashing ausholte. Die SPD-Frau aus Hessen müsse einfach von der «Bild» noch «stärker angegriffen werden», ebenso ihr Nachfolger als Spitzenkandidat der SPD, Thorsten Schäfer-Gümpel.

Bohlens Macho-Vorschlag für die ideale «Bild»-Berichterstattung über Schäfer-Gümpel lautete so: «Wenn der sich schon zu Hause nicht durchsetzen kann, so dass er einen Doppelnamen annehmen muss...», dann könne das ja auch in der Politik nichts werden.


Für das Web ediert von Kerstin Rottmann