Das ZDF und Oliver Kahn: Abschied vom letzten Cowboy04. Sep 2008 12:57  |  "Ooooli, Ooooli": Oliver Kahn kurz vor seinem Abgang | Foto: dpa |
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Nach Kahns Abschiedsspiel hatte das «ZDF wirklich alle im emotionalen Würgegriff», so Boris Hermann: «Den Titan in der Kabine, den Fan in der Arena, und die Fernsehnation, die zu Hause vor den Bildschirmen zusammenrückte.»
Geweint hat er nicht. «Aber fast», gab Oliver Kahn zu, nachdem er sich zum letzten Mal die Fußballschuhe aufgeschnürt hatte. Weinen war nie so die Sache des wohl besten Torhüters, den Deutschland je hatte. Ohren abbeißen, mental topfit sein und immer weitermachen, das gehörte schon eher zu seinen Stärken. Und natürlich fällt einem, der aus Prinzip immer weitermacht, der Abschied schwer, weil er sich da im Grunde ja selbst widerspricht.
Für solche Fälle, die emotionale Grenzerfahrungen verheißen, ist in diesem Land das Zweite Deutsche Fernsehen zuständig. Draußen standen die Kollegen Spalier und im Hintergrund hörte man den unvermeidlichen Paul Potts das unvermeidliche «Time to say goodbye» singen, als Kahn seinen letzten schweren Gang in die Kabine antrat - nur verfolgt von seiner eigenen Geschichte und der ZDF-Kamera.Welch Symbolik! Der letzte Cowboy, den dieses Land noch hat, reitet alleine in den Sonnenuntergang. Und er braucht dafür noch nicht einmal ein Pferd.
Dramatisches Format Im dramatischem Split-Screen-Format sah man nun, wie Oliver Kahn einen Plastikbecher mit einem isotonischen Durstlöscher hinunterkippte. Ohne zu schlucken, so wie es sich für einen Nationalhelden gehört. Und dann gleich noch einen. Daneben wurden die Zuschauer dieses Abschiedsspiels eingeblendet, die über die Stadionleinwand zusahen, wie Kahn seinen unbändigen Durst stillte. Ooooli, Ooooli, rief das Volk, das draußen vor der Kabinentür bleiben musste.
Jetzt hatte das ZDF wirklich alle im emotionalen Würgegriff, den Titan in der Kabine, den Fan in der Arena, und die Fernsehnation, die zu Hause vor den Bildschirmen zusammenrückte. Erstaunlich nur, dass die Fernsehmacher die Gelegenheit nicht nutzten, Oliver Kahn vor laufender Kamera ein Kind adoptieren zu lassen.
Cowboy oder Comic-Figur? Für alle, die diesen Mann vor allem als Torsteher in Erinnerung behalten wollen, stellte sich an dieser Stelle die dringende Frage, wie weit Inszenierung gehen darf. Wie viele vorgefertigten Sätze darf ein Cowboy aufsagen, bevor er zur Comic-Figur wird? Wie oft darf er auf Kommando den Kopf schütteln und sich über die Kahnnase fahren?«Jetzt ist er einfach nur noch Mensch», sagte der ZDF-Reporter Béla Réthy am Ende im Tonfall eines Grabredners. Die Wahrheit ist allerdings noch viel ernüchternder. Jetzt wird Oliver Kahn einfach nur noch ein ZDF-Co-Kommentator sein. [Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]
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